Fünf Jahre keine Antworten

Dirk Eberle (r.) mit Landesbergamt-Präsident Andreas Sikorski 2015 an einem Förderplatz in Bothel. Foto: dpa

Woher rühren die hohen Krebszahlen in Bothel und Rotenburg? Auch fünf Jahre nach den ersten Ergebnissen bleibt die Frage unbeantwortet. Dabei muss es Gründe geben, sagen die Statistiker. Welche, wüsste auch Dirk Eberle äußerst gerne.

Bothel/Rotenburg – Es ist ein Donnerstag im Spätsommer 2014, ausgerechnet der 11. September, als im Rotenburger Kreishaus die Nachricht überbracht werden muss: In der Samtgemeinde Bothel gibt es eine bei Männern doppelt so hohe Rate an Blutkrebs-Erkrankungen wie statistisch zu erwarten sei. Ein gutes halbes Jahr später ist klar: Auch in Rotenburg sind die Zahlen signifikant erhöht. Viele Debatten sind seitdem geführt, viele Untersuchungen eingeleitet worden. Doch das Grundproblem bleibt: Die Ursache ist nicht gefunden. Dass der naheliegende Verdacht, ein Zusammenhang mit der massiven Erdgasförderung in der Region, der richtige ist, will Dirk Eberle noch nicht sagen. Bothels Samtgemeindebürgermeister hat seinen Dienst mit Bekanntgabe der Krebszahlen angetreten – und blickt nach fünf Jahren im Interview zurück und voraus.

Sie sind seit November 2014 Samtgemeindebürgermeister in Bothel. Jetzt seit fünf Jahren. Nur ein paar Wochen vorher, im September 2014, sind die erhöhten Krebszahlen in Ihrer Kommune bekannt geworden.

...mein erstes Telefonat im Amt habe ich mit Dr. Frank Stümpel geführt, dem damaligen Leiter des Rotenburger Gesundheitsamtes.

Waren Sie darauf vorbereitet, dass die Erdgasförderung das große Thema ihrer Dienstzeit werden wird?

Natürlich nicht. Damit habe ich nicht gerechnet. Das Thema hat zwei Seiten. Den rein wissenschaftlichen, technischen, abstrakten Aspekt, mit dem man ganz gut umgehen kann und für den andere zuständig sind. Da kann ich nur hinterfragen und fordern, dass es neue Untersuchungen gibt, bis die Ursache der erhöhten Krebszahlen gefunden ist. Die andere Seite ist die rein menschliche, die einen auch persönlich schwer erschüttern kann.

Wie gehen Sie damit um?

Es kam mal ein junger Mann in meine Sprechstunde, völlig blass, er sah krank aus. Er erzählte, dass unbedingt etwas passieren muss, dass er lange mit seiner Tochter im Krankenhaus war und dass dort so viele Kinder Krebs haben. Im Laufe des Gesprächs kam heraus, dass er am Vortag seine Tochter beerdigt hatte. Das haut einen um, die persönlichen Tragödien, die hinter den Erkrankungen stehen. Ich kann dann nur versuchen, zuzuhören, zu erklären, was man tut, ehrlich zu sein. Aber auch sagen, was man nicht kann.

Wie haben Sie sich in das Thema eingearbeitet?

Das ergibt sich, wenn man genug damit zu tun hat. Man wird in die verschiedenen Verteiler mit aufgenommen, zu den Veranstaltungen eingeladen, in denen Experten zum Beispiel entscheiden, wie eine Studie aussehen muss. Da muss ich auch an den 2018 gestorbenen Dr. Frank Stümpel erinnern, der das mit seiner fachlichen Kompetenz und menschlich sehr angenehmen, zurückhaltenden und sorgsamen Art und Weise betreut und mich sehr eingebunden hat. Da ist das meiste an Know-how entstanden.

Wie belastet das Thema die Menschen in Bothel? Haben sie Angst?

Ich würde es eine latente Unruhe nennen. Keine Panik, in der man den Notausgang sucht, aber es gibt den Hintergrundgedanken, dass da etwas ist, was meine Kinder in der Zukunft oder mich im Alter betreffen könnte.

Können Sie anderen noch raten, in Bothel zu leben?

Natürlich. Sonst würde ich selbst meine Arbeit hier nicht mit gutem Gewissen machen können. Wir sind die bestuntersuchte Gemeinde bundesweit, was Schadstoffe angeht. Es sind sehr spezifische Krebsarten, da können auch die Ursachen sehr spezifisch sein. Und wir suchen noch. Wir finden dabei auch Stellen, wo wir richtig gut sind: Frauen sind zum Beispiel nur halb so häufig an den gleichen Krebsarten erkrankt wie im Durchschnitt. Wir brauchen einfach Ergebnisse, um die Unklarheiten zu beseitigen. Und wenn es eine Ursache gibt, wird sie abgeschaltet. Da würden wir mit dem Verursacher sehr strikt umgehen.

Sehen Sie Fortschritte bei der Aufklärung?

All die Untersuchungen der vergangenen Jahre sind Fortschritte – im Ausschlussprinzip notfalls. Das hat auch schon unmittelbare Auswirkungen auf das Verhalten des Landesbergamts und der Erdgasförderer vor Ort.

Welche?

Es wird mit sehr viel größerer Aufmerksamkeit darauf geschaut, was an technischen Lösungen da ist und was noch kommen soll. Auch wie Probleme in strukturellen Dingen, zum Beispiel bei der Oberflächenentwässerung, angegangen werden. Es gibt eine aufmerksamere Sichtweise – unabhängig davon, ob die Ursache des Krebses dort nun liegt oder nicht.

Für viele Menschen ist klar, dass es den Zusammenhang der Krebszahlen mit der Erdgasförderung gibt. Sie sind eher zurückhaltend. Warum?

Das muss ich sein. Ich kann niemanden etwas unterstellen, was ich ihm nicht beweisen kann. Das geht nicht. Bei den Diskussionen über den Zusammenhang habe ich immer gebremst. Weil ich es unfair finde. Nur weil es eine Plausibilität gibt, lässt sich nicht gleich sagen: Das ist es. Aber nach den Gründen zu suchen, weil es eben plausibel ist, das mache ich mit dem gleichen Nachdruck.

Es gibt Ergebnisse, aber keine Konsequenzen.

Das ist auch ein Unterschied. Die Ergebnisse sind bislang nicht so spezifisch, dass wir eine Ursache definieren können. Erst dann könnten wir tätig werden. Ich kann nur hoffen, dass wir zu Ergebnissen kommen, damit wir diese Vorgänge beenden können.

Es geht bei der Suche nach den Ursachen nicht nur um die aktuelle Gasförderung, sondern auch um Altlasten: Bohrschlammgruben oder „Bürgermeister-Müllkippen“. Sie sind Förster. Schmerzt es aus dieser Perspektive besonders, miterleben zu müssen, wie wir mit unserer Umwelt umgehen?

Das ist ein Grund, warum ich den Job einst gelernt habe. In dem Moment, in dem die Sensibilität für diese Themen steigt, freue ich mich darüber, dass auch diejenigen, die keine Experten sind, sich die Frage stellen: Was machen wir da eigentlich? Die Auswirkungen des Klimas auf den Wald zum Beispiel kann ich als Förster schon seit 30 Jahren sehen. Dass die Menschen es endlich spiegeln, was die Natur an eisenharten Fakten schafft durch die menschengemachten Veränderungen, kann nur gut sein.

Was können Sie vor Ort tun?

Der richtige Umgang mit den „Bürgermeister-Müllkippen“ ist ein ganz eigenes Kapitel. Darauf werden wir auch noch unsere Kinder loslassen müssen. Es gibt welche, die lässt man am besten so, wie sie sind. Weil es kaum besser geht, außer vielleicht verbrennen. Es gibt aber auch Zeitbomben. Gruben, die im oberflächennahen Grundwasser liegen mit FCKW-Kühlschränken oder Autowracks mit vollem Tank. Weiß der Geier, was da alles drin ist. Bekannt sind sie alle, aber keiner traut sich ran, weil niemand weiß, wie es momentan zu lösen wäre.

Und dann noch die Gruben, in die zusätzlich Altlasten aus den Bohrungen eingebracht wurden.

Da passiert jetzt viel. Momentan wird noch erkundet, wie hoch die Last ist. Und dann wird es Konsequenzen geben müssen, wie es abgedichtet oder entsorgt werden muss. Diejenigen, die verantwortlich sind, sind – Gott sei Dank – von sich aus tätig. Land und Kreis bewegen sich.

Wieso hat das ganze Thema Jahrzehnte lang niemanden interessiert und ist erst seit wenigen Jahren richtig in Schwung gekommen?

Das ist ein Domino-Effekt. Man hat die unmittelbare Betroffenheit durch Krebserkrankungen, deren katastrophale Statistik im Dorf eine Bürgerinitiative ermittelt. Dann geht es los. Es wird geschaut: Ist es statistisch wirklich auffällig? Woher kommt das? Was ist hier anders? Dann kommt man zur Erdgasförderung und zu Altlasten wie den Bohrschlammgruben. Es ist eine historische Kettung aus der Wahrnehmung und der Suche nach den Ursachen heraus. Das kann der Natur nur guttun. Die Generation vor uns hatte noch ein ganz anderes Verhältnis zur Natur. Sie war, geboren aus der Landwirtschaft, der Gegner, den man besiegen musste. Das Umdenken findet aber statt.

Was werfen Sie den Erdgasförderunternehmen in der Region vor?

Der Genehmigungsvorgang für die Reststoffbehandlungsanlage hat begonnen zu einem Zeitpunkt, als bekannt war, dass wir hier diese Auffälligkeiten haben. Und trotzdem – der Vorwurf richtet sich auch gegen das Landesbergamt – war die Sorgfalt und Kommunikation nicht ausreichend. Wer mitbekommen hat, mit welcher Gleichgültigkeit, Frechheit und abweisenden Grundhaltung gegenüber den betroffenen Menschen bei den Erörterungsterminen umgegangen ist, wird zustimmen. Es ist durchaus möglich, dass ein Zusammenhang besteht. Vor diesem Hintergrund muss ich als Firma und Aufsichtsbehörde die Sensibilität einpreisen in den Umgang mit neuen Projekten. Es muss das sichere Gefühl geben, dass die Menschen gehört werden. Das Bergamt schafft es nicht, einen Ansprechpartner vor Ort anzubieten. Alles, was in Niedersachsen an Erdgasförderung stattfindet, ist genau hier. Trotzdem ist es nicht möglich, einen Menschen hier hinzusetzen, der sich kümmert, wenn es brennt, oder stinkt oder akut die Erde wackelt.

Haben die Behörden bei der Kontrolle versagt?

Es gibt Schwächen. Die eine ist die nicht vorhandene Verfügbarkeit für die Bevölkerung. Und die Ergebnisse aus der Vergangenheit, wenn wir Quecksilber in Gräben finden, waren schon damals nicht in Ordnung. Da gibt es Defizite.

Bedeutet das jüngste Urteil des Oberverwaltungsgerichts zur Fehlplanung bei der Reststoffbehandlungsanlage das Aus für das Projekt in Bellen?

Da muss man Exxon fragen. Ob die Fehler heilbar sind am Standort, weiß ich nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass es ein großes Problem für Exxon bleiben wird, dass die Anlage nicht in einem Industriegebiet, sondern in einem Außenbereich steht.

Wie weit ist die sogenannte Urinstudie?

Es war überhaupt kein Problem, die 200 Probanden zu bekommen. Es war ein großer Aufwand, sich mit seinem privaten Umfeld zur Verfügung zu stellen. Diese Sammelgeschichten mit dem Urin muss man ja eigentlich nicht haben. Die Bereitschaft zeigt aber das Interesse an Aufklärung vor Ort. Die Leute wollen es wissen. Im Herbst sollen Ergebnisse vorliegen.

Reichen Ihnen die aktuellen Untersuchungen aus oder muss mehr geschehen?

Ich wüsste momentan nicht, wo wir noch mehr fordern könnten, was die Untersuchung der Krebsfälle angeht.

Bürgerinitiativen und auch Politiker wie der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil fordern, die Erdgasförderung komplett einzustellen hier, bis die Ursachen gefunden sind.

Ich kann nicht verlangen, die Erdgasförderung einzustellen, ohne einen tatsächlichen Beweis zu haben, dass der Krebs daraus resultiert.

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