Friedrich Mansfeld erzählt von seinen Kriegserlebnissen

Mit Mut und List nach Hause

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Friedrich Mansfeld und Tochter Christine lesen in dem „Kriegsordner“, den der 93-Jährige angelegt hat.

Hemsbünde - Von Heinz Goldstein. Friedrich Mansfeld ist 93 Jahre alt und lebt in Hemsbünde. Die Zeit um den Zweiten Weltkrieg hat er nicht vergessen. Oft blättert er mit seiner Tochter Christine in einem „Kriegsordner“. Hier hat der ehemalige Wehrmachtssoldat alles abgeheftet, was er aus der damaligen Zeit an Dokumenten, Aufzeichnungen und Fotos gesammelt hat.

In einem Gespräch mit dem Journal hat der 93-Jährige für einige Stunden das Rad der Zeit zurückgedreht und erzählt von seinen Eindrücken und Erlebnissen, die er teilweise tagebuchartig niedergeschrieben hat.

Er sei mal gerade 19 Jahre alt gewesen, als die Wehrmacht ihn am 6. Oktober 1941 zur Grundausbildung nach Hannover eingezogen hatte. Zu der Zeit studierte er Maschinenbau in Frankfurt und so habe es sich angeboten, dass er danach als Funkgerätemechaniker eingesetzt wurde. Bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 sei er in Trondheim (Norwegen) als Unteroffizieranwärter im Dienst gewesen und setzte die Funkgeräte in den Flugzeugen instand, die aus der Luft die Schiffskonvois der alliierten Streitkräfte auf dem Seeweg zwischen Schottland und Russland (Murmansk) mit Torpedos bekämpften, um damit die Versorgung zu unterbinden.

„Ich möchte dabei besonders erwähnen, dass die Schiffbrüchigen der getroffenen Schiffe von der Kriegsmarine aufgenommen worden sind. Auch umgekehrt war es Ehrensache, dass die Alliierten deutsche Seeleute aus dem Wasser retteten“, erinnert sich Mansfeld daran, dass sich zumindest in Norwegen die Kriegsgegner an die Abkommen von Den Haag hielten. Diese sogenannte Haager Landkriegsordnung definiere unter anderem, wer Kriegsführender ist, lege die Stellung von Kriegsgefangenen und die Rechte auf besetztem Gebiet fest.

„Am Tag der Kapitulation haben die Engländer unseren Bereich besetzt. Als Spezialist für die Geräte war für mich die Rückführung nach Deutschland ausgeschlossen“, berichtet er. Er habe die Einweisung von Soldaten der Siegermächte an den deutschen Geräten übernehmen müssen. Im Dezember 1945 sei er dann in Oslo auf eine Nazi-Vergangenheit überprüft worden und dann nach Neustadt in Schleswig-Holstein geschickt worden.

Im Frühjahr 1946 bereitete Mansfeld mit einer List die Flucht in seine Heimatdorf Berkersheim vor, die im amerikanischen Sektor Deutschlands lag. „Mit einem genehmigten Urlaubsschein mit Marschbefehl durfte ich mich innerhalb der britischen Besatzungszone frei bewegen“, erinnert er sich. Dabei habe er bei der Angabe des Zielortes eine List angewendet, die niemandem aufgefallen sei. So trug er Berkersheim über Göttingen (Britische Zone) ein. Keiner sei auf die Idee gekommen, dass der Zielort in der amerikanisch besetzten Zone Deutschlands lag.

Auf dem Weg in die Heimat habe er in einem Spitzbunker übernachtet. Dann ging es mit dem Zug über Friedland Richtung Süden weiter. „Kontrollen durch die britische Militärpolizei umging ich, indem ich während der Prozedur auf der anderen Seite des Zuges ausstieg und später wieder zustieg“, erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln. So habe er den Kontrolleuren öfter ein Schnippchen geschlagen und sei unbehelligt nach Wilhelmshausen (Nordhessen) gelangt. „Hier war Endstation und der leere Zug ist weitergefahren“, erinnert sich Mansfeld. Er sei durch den Wald gelaufen, entdeckte auf der vor ihm liegenden Bahnstrecke einen stehenden leeren Zug. Ohne viel zu überlegen sei er in einen Waggon gestiegen. Schon bald setzte sich der Zug Richtung Süden in Bewegung, schildert er. Mansfeld erreichte letztendlich den Hauptbahnhof von Kassel. „Hier passierte ich unbemerkt die Grenze zwischen der amerikanischen und britischen Zone“, berichtet er vom Grenzübertritt.

Dann habe er einen Zug nach Gießen bestiegen und sei auch ohne Probleme dort angekommen. Er übernachtete, weil es ziemlich spät war, in der Bahnhofshalle. Zu seinem Glück gab es in jener Nacht keine Kontrollen durch die Amerikaner. „Dann habe ich am nächsten Tag die Bahn Nummer 33 nach Berkersheim genommen, um zum Haus meiner Eltern zu gelangen“, erzählt er weiter.

Die hätten von seiner Flucht nichts gewusst und seien voll damit beschäftigt gewesen, ihre kleine Feier zur Silberhochzeit vorzubereiten. „Plötzlich stand ich unerwartet in der Tür. Meine Eltern sind völlig aus dem Häuschen gewesen“, so Mansfeld. Das sei das schönste Geschenk zu ihrem Hochzeitstag gewesen, erzählten sie ihm später.

„Nun war ich zu Hause und hatte aber keine Papiere, die ich dringend benötigte, um nicht aufzufallen“, erklärte er seine damalige Situation.

Ausweise gab es in Berkersheim bei der Polizei. Nach dem Motto – kleine Geschenke erhalten die Freundschaft – erhielt die Ehefrau des zuständigen Polizisten von einem befreundeten Apotheker der Familie kostenlos Hygieneartikel geschenkt. „Als Gegenleistung hielt ich bald einen Personalausweis mit meinem Fingerabdruck in der Hand“, erklärt Mansfeld mit einem Augenzwinkern.

Gewohnt habe er bei seinen Eltern und Essenmarken konnte er nun auch empfangen. Zudem habe er die Möglichkeit gehabt, sich Arbeit zu suchen. Schnell sei er fündig geworden und arbeitete vorübergehend als Knecht auf einem Bauernhof.

„Im Herbst 1946 konnte ich dann mein Studium fortsetzen. Am 1. Mai 1948 habe ich als Jung-Ingenieur bei der Firma Voigt & Haeffner für RM280 angefangen“, beendet er seine Erinnerungen.

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