Einsatzleiterin und Vorsitzende im Interview

50 Jahre Dorfhelferinnen: „Feuerwehr für Familien in Not“

Kuratoriumsvorsitzende Anke Lütjens (l.) und Einsatzleiterin Anke Dittmers planen das Fest zum 50-jährigen Bestehen. - Foto: Wieters

Hemslingen - Von Jens Wieters. Die Dorfhelferinnen der evangelischen Station Rotenburg kommen immer dann zum Einsatz, wenn es in den Familien aufgrund eines Unfalls, einer schweren Krankheit oder wegen einer Entbindung im täglichen Ablauf nicht mehr weitergeht.

Jetzt feiert die Station ihren 50. Geburtstag. Ein Grund mehr, einmal hinter die Kulissen zu blicken und Einsatzleiterin Anke Dittmers und Kuratoriumsvorsitzende Anke Lütjens über die tägliche Arbeit und den Aufbau der Organisation berichten zu lassen.

Frau Dittmers, was sind eigentlich Dorfhelferinnen?

Anke Dittmers: Dorfhelferinnen übernehmen für eine begrenzte Zeit von einigen Tagen bis zu mehreren Wochen das Familienmanagement.

Sozusagen die Frauen für alle Notfälle?

Dittmers: Genau so kann man es bezeichnen. Wir sind die Feuerwehr für Familien in Not. Wir sind immer da, wenn es – im übertragenden Sinne – in einem Haushalt brennt.

Was zeichnet die Dorfhelferinnen aus?

Dittmers: Sie passen sich mit ihren pädagogischen, pflegerischen und hauswirtschaftlichen Fähigkeiten flexibel an die Gewohnheiten der jeweiligen Familien an. Übrigens werden sie nur umgangssprachlich Dorfhelferinnen genannt. Sie heißen offiziell ein wenig sperrig: geprüfte Fachkraft für Haushaltsführung und Familienbetreuung in Haushalten landwirtschaftlicher Betriebe.

Frau Lütjens, wie ist die Organisation aufgebaut? Wer steckt dahinter?

Anke Lütjens: Das evangelisches Dorfhelferinnenwerk Niedersachsen in Hannover ist der Hauptsitz. Dorfhelferinnen sind beim Werk angestellt und werden zu den wohnortnahen Dorfhelferinnenstationen ausgesandt, hiervon gibt es 28 in Niedersachsen. Jede Station hat eine Einsatzleitung, die für die Vermittlung zuständig ist und die sich um die Beratung der Einsatzfamilien und Verhandlungen mit den Kostenträgern kümmert. 

Ebenfalls gehört zu einer Dorfhelferinnenstation das Kuratorium. Das setzt wiederum sich aus Vertretern des Landvolkes, des Landkreises, der Kirche und der Landfrauen zusammen. Sie unterstützen die Dorfhelferin und Einsatzleitung und werben für die Arbeit vor Ort.

Seit wann gibt es die Dorfhelferinnen im Landkreis und was war der Anlass, um diese Form der Hilfe ins Leben zu rufen?

Dittmers: Die Dorfhelferinnenstation Rotenburg wurde am 12. Mai 1967 gegründet. Auf den landwirtschaftlichen Höfen gab es immer mehr Maschinen, die zur Arbeit gebraucht wurden. Dadurch wurden dann auch nicht mehr so viel Landarbeiter und Hilfskräfte eingestellt. Die Arbeit wurde auch oft von den Frauen mit übernommen. Dieses führte zu erheblichen Überlastungen. Aus dem Kreis der Kirche, der Landfrauen und des Landvolkes wurde dann die Hilfe organisiert.

Wenn Familien in Not geraten, wie können sie den Kontakt herstellen?

Dittmers: Ganz einfach: Sie rufen eine Einsatzleitung wie mich beim Landvolk in Zeven, wo ich angestellt bin, unter der Rufnummer 04281/821106 an und klären das weitere Vorgehen.

Kann jede Familie das Angebot einer Dorfhelferin in Anspruch nehmen?

Lütjens: Was ursprünglich als Haushaltshilfe überwiegend für landwirtschaftliche Familien konzipiert war, wird inzwischen auch im städtischen Umfeld und von Alleinerziehenden mehr und mehr benötigt. Versicherte der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau erhalten in Niedersachsen eine Dorfhelferin, wenn keine andere im Haushalt lebende Person helfen kann und mindestens zwei Kinder unter zwölf Jahren zu versorgen sind oder ein Altenteiler hilfs- oder pflegebedürftig ist oder eine besondere familiäre Situation vorliegt. Das kann zum Beispiel ein Säugling sein, eine Person mit Behinderung, eine lebensbedrohliche Erkrankung eines Haushaltsmitgliedes oder ein besonders großer Haushalt weiterzuführen ist.

Und wenn die Familie keine Landwirtschaft betreibt?

Dittmers: Die gesetzlichen Krankenkassen in Niedersachsen bewilligen den Einsatz einer Fachkraft wie die Dorfhelferin in der Regel, wenn keine andere im Haushalt lebende Person helfen kann und drei Kinder unter zwölf Jahren zu versorgen sind oder zwei Kinder unter sechs Jahren oder ein Säugling unter neun Monaten oder ein krankes oder pflegebedürftiges Kind oder ein Kind mit Behinderung oder eine andere außergewöhnliche Situation in der Familie vorliegt.

Wer übernimmt die Kosten?

Dittmers: Kostenträger sind die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, die gesetzliche Krankenkassen, Pflegekassen, Deutsche Rentenversicherung, Unfallversicherungen und auch schon mal das Jugendamt.

Über einen welchen Zeitraum ist die Hilfe gesichert? Nur ein paar Tage oder sogar über Wochen?

Dittmers: Von wenigen Tagen bis über mehrere Wochen, je nach Bewilligung des Kostenträgers. Bei einem Todesfall ist aber bei den meisten Kostenträgern am Todestag Schluss, obwohl dann die Not in der Familie wegen der emotionalen Situation ja fast noch größer ist.

Das sind ja auch für Sie ganz harte Tage und Stunden. Welcher Fall hat Sie bisher am meisten berührt?

Dittmers: Es gab eine krebskranke Frau mit fünf kleinen Kindern im Alter von zwei bis zehn Jahren. Ihre Krankenkasse wollte keine Dorfhelferin zahlen. So hat die Frau mit allen Kindern das Büro aufgesucht, leider erfolglos. Am Ende hat zum Glück das Jugendamt einen Teil der Kosten übernommen.

Sie sind ja quasi von einem Tag auf den anderen Mitglied einer fremden Familie und haben Zugang zu den intimsten Dingen. Wie reagieren die Leute auf sie?

Dittmers: Fast immer sind sie alle erst einmal sehr dankbar, dass wir vor Ort sind und helfen. Wir sind zwar mittendrin, aber keine Angst, nichts dringt nach außerhalb. Wir unterliegen der Schweigepflicht.

Wie viele Dorfhelferinnen gibt es im Altkreis?

Lütjens: Es sind nur drei im Altkreis Rotenburg. Brauchen wir in besonderen Situationen mehr, helfen uns die Nachbarstationen aus Bremervörde, aus den Landkreisen Verden oder Heidekreis aus. Und wir helfen natürlich auch dort.

Wie wird man Dorfhelferin? Gibt es Nachwuchsprobleme?

Dittmers: Mangel an Interessentinnen haben wir eigentlich nicht. Die Ausbildung in Loccum umfasst einen Blockunterricht, der insgesamt 14 Monate dauert. Es folgen schriftliche Klausuren in den Bereichen Betreuung der Familienangehörigen in der häuslichen Umgebung, Kommunikation sowie berufliche und rechtliche Rahmenbedingungen. 

Außerdem noch eine praktische Hausarbeit, die das Erfassen, Darstellen und Beurteilen einer Haushaltssituation anhand von praktischen Erfahrungen als Vertretung der haushaltsführenden Person eines landwirtschaftlichen Betriebes beinhaltet. Am Ende muss man ein Fachgespräch führen und Inhalte und Ergebnisse der Fachaufgabe erläutern. Die Prüfung ist bei mindestens ausreichenden Leistungen in allen drei Bereichen bestanden.

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen?

Dittmers: Abschlussprüfung im Ausbildungsberuf Hauswirtschafter nach dreijähriger Ausbildung, eine mindestens einjährige Berufserfahrung in der Hauswirtschaft, davon mindestens sechs Monate praktische Erfahrung im Haushalt eines landwirtschaftlichen Betriebes. Oder aber den Abschluss staatlich geprüfte Wirtschafter nach einjährigem Besuch der Fachschule Hauswirtschaft und mindestens sechs Monate praktische Erfahrung im Haushalt eines landwirtschaftlichen Betriebs. 

Ausbildungszeiten im Haushalt eines landwirtschaftlichen Betriebes werden angerechnet. Bis zur schriftlichen Prüfung müssen einen Kurs in Erster Hilfe und in Erster Hilfe am Kind nachgewiesen werden. Ach ja, und ein Führerschein muss vorhanden sein.

Sind die Helferinnen fest angestellt? Wie wird ihre Arbeit vergütet?

Lütjens: Die Dorfhelferinnen sind fest beim Dorfhelferinnenwerk angestellt. Vollzeitstelle, Dreiviertelstelle, Halbzeitstelle oder Viertelstelle. Bei Teilzeitanstellungen wird ein Zeitkonto geführt. Die Vergütung erfolgt nach dem Tarif der Länder in der Entgeltgruppe 6.

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