„Erstürmung ist  unverhältnismäßig“

Razzia im Auslandsprojekt der Jugendhilfeeinrichtung Wildfang

Dirk Precht

Bothel - In einem rumänischen Heim für auffällige Jugendliche aus Deutschland, die vom Jugendhilfeträger Wildfang in Bothel dorthin vermittelt werden, hat es weitere Festnahmen gegeben. Wie die rumänische Ermittlungseinheit für organisierte Kriminalität und Terrorismus mitteilte, wurden nach einer erneuten Razzia drei Personen festgenommen. Drei weitere Verdächtige blieben demnach unter Auflagen auf freiem Fuß.

„Dabei handelt es sich um rumänische Mitarbeiter. Die Männer sind offenbar noch in Haft, die Frauen wurden wieder entlassen“, sagt Dirk Precht, Leiter der Botheler Einrichtung. Die drei deutschen Jugendlichen, die noch auf dem Hof Maramures untergebracht waren, befinden sich seit der vergangenen Woche mit ihren Erziehern auf einer Ferienfreizeit in Polen.

„Die Festnahmen in unserer rumänischen Partnereinrichtung erfolgten sicher nicht wegen der Misshandlungsvorwürfe. Es scheint um etwas anderes zu gehen, denn für die Jugendlichen interessiert sich bei der Polizei niemand“, so Precht.

Die Kollegen in Rumänien hätten ihre Aussagen gemacht und stünden für Gespräche jederzeit zur Verfügung. „Eine Erstürmung des Hauses, in dem auch kleine Kinder wohnen, durch bewaffnete und maskierte Polizisten im Morgengrauen ist sicher unverhältnismäßig“, schimpft der Botheler. Er wisse immer noch nicht genau, weshalb die Terrorbehörde tatsächlich ermittelt. „Uns geht es allein um die Jugendlichen, die unbedingt zurück wollen in ihre rumänischen Gastfamilien. Für die Zukunft der betreuungsintensiven Jugendlichen gibt es aktuell keine Perspektive und wir können keine Pläne mit ihnen umsetzen, solange wir keine Unterstützung von den rumänischen Behörden erhalten.“ Das Wildfang-Engagement in Maramures ruhe so lange, bis die vollständige Aufklärung und Rehabilitierung erreicht sei.

Wildfang vermittelt Jugendliche aus ganz Deutschland in das Projekt. „Es handelt sich dabei also nicht um Heranwachsende aus der Region“, stellt Precht klar. Das Auslandsprojekt laufe unter der Trägerschaft der Kinder- und Jugendhilfe Wildfang, die Mitglied im Arbeitskreis der Auslandsprojekte in niedersächsischen Jugendhilfeeinrichtungen sei.

Bereits Ende August waren bei einer Razzia in der Einrichtung nahe der Grenze zur Ukraine der deutsche Heimleiter sowie rumänische Mitarbeiter festgenommen worden. Die befinden sich laut Precht auch immer noch in Haft.

Sie sollen laut Staatsanwaltschaft Teenager „zu Bedingungen wahrhafter Sklaverei“ ausgebeutet haben. Ermittelt werde wegen Menschenhandels, Handels mit Minderjährigen und illegaler Freiheitsberaubung im Zeitraum von 2014 bis August 2019. Ein aus der Einrichtung geflohener Jugendlicher hatte damals die Vorwürfe erhoben. Dem widersprach eine 18-Jährige, die knapp zwei Jahre an dem Projekt teilgenommen hatte, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Niemals haben wir Schläge bekommen, mussten hart arbeiten oder haben nichts zu essen erhalten.“

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