Dirk Eberle spricht über seinen Kampf gegen die Y-Trasse / Alpha-Variante „bildet Gütermengen ab“

„Ein Fest, wenn wir die Schilder abbauen“

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Dirk Eberle kämpft seit fast zwei Jahrzehnten gegen die Y-Trasse.

Bothel - Von Jens Wieters. Lichterketten, unzählige Plakate, viele Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen, weite Fahrten und oft Enttäuschungen: Die Gegner der umstrittenen Y-Trasse hatten es in den vergangenen Jahren nicht leicht. Aber durch die Entscheidung des Dialogforums Schiene Nord in Celle, auf die Alpha-Variante (siehe Infokasten) statt auf das Y zu setzen, um mehr Güter von den Häfen ins Hinterland zu bringen, scheint es so, als ob sich die Mühe der Bürgerinitiativen gelohnt hat. Ein Mann der ersten Stunde des Widerstands gegen das Y ist Dirk Eberle, amtierender Samtgemeindebürgermeister in Bothel und langjähriger Vorsitzender des Umweltschutzverbands Bothel/Brockel (BBU). Im Interview spricht er über den Kampf gegen die Y-Trasse und die Gespräche mit Bahnchef Rüdiger Grube.

Haben Sie nach dem Votum des Dialogforums eine Flasche Sekt aufgemacht?

Dirk Eberle: Dafür ist es im Moment noch ein bisschen zu früh. Ich habe mich aber sehr gefreut, dass ein so großes Gremium in so heterogener Zusammensetzung doch bewiesen hat, dass ein Miteinander, mit Rücksichtnahme auf den Nachbarn und Respekt gegenüber den Beteiligten an anderen Varianten zu einem so breiten Konsens geführt hat. Feiern werden wir erst, wenn die Ergebnisse des Forums in der Landes-Raumordnung berücksichtigt sind, der Bundes-Verkehrswegeplan beschlossen und die klassische Y-Trasse nicht mehr darin enthalten ist. Dann feiern wir aber wirklich richtig!

Sie haben fast Ihr halbes Leben gegen die Y-Trasse gekämpft. Wie hält man das durch?

Eberle: Ein bisschen älter bin ich dann doch schon. Zur Motivation gehören wohl mehrere Zutaten: Ein dickes Fell und ein bisschen Dickschädel sind Grundvoraussetzung. Dazu kam das sichere Empfinden, sich für eine gerechte und richtige Sache einzusetzen. Und wenn dann mal Resignation drohte, gab es immer einige Mitstreiter wie Evelyn Rathjen, die mir in der Zwischenzeit enge Freunde geworden sind, die mich gemahnt haben, nicht aufzugeben und mein Detailwissen um das Thema nicht wegzuwerfen. Außerdem gab es immer wieder auch kleine Erfolge, die Hoffnung gemacht haben, die nun wohl endlich auch zum Sieg geführt haben. Ein ganz wichtiger Aspekt war aber auch, mit der Zeit die Mechanismen der größeren Politik und das Gefüge zwischen Landes-, Bundes-, und Bahninteressen immer besser kennenzulernen, das eigene Netzwerk immer weiter auszubauen und irgendwann zu einem Ansprechpartner für ganz viele Beteiligte von allen Seiten zu werden. Das hat mich fasziniert und mir das Gefühl gegeben, auch selbst ein Wort mitreden zu können.

Haben Sie zwischendurch nie ans Aufgeben gedacht?

Eberle: In so einem großen Zeitraum bleibt so ein Gedanke nicht aus, klar. Es war schon manchmal frustrierend, wenn die eigenen Argumente ignoriert wurden und das Verfahren einfach so weiter vorangetrieben wurde. Besonders das Raumordnungsverfahren hat mir da zu schaffen gemacht. Wenn man Zweifel hatte, ob der eigene Staat und sein System noch funktionieren, wenn man den Eindruck hatte, dass das Ergebnis einer Untersuchung hingebogen wurde, um den Weg für das Ypsilon frei zu machen, wenn Politiker mit wehenden Fahnen in dem Moment vom Trassengegner zum Befürworter wurden, in dem sie Regierungsverantwortung übernahmen, da waren schon ein paar Momente dabei, in denen man keine Lust mehr hatte. Richtig schwierig wurde es auch, wenn man das Gefühl hatte, dass das Thema niemanden mehr interessierte, wenn man fast allein bei Versammlungen war. Da taucht ganz von allein die Frage auf, für wen man das eigentlich macht. Aber am Ende gab es immer im richtigen Moment jemanden, der mich zum Weitermachen motiviert hat.

Wann haben Sie als damals noch recht junger Mensch die ersten „Nein“-Schilder gemalt und warum sind Sie überhaupt zum Gegner des Bahnvorhabens geworden?

Eberle: Das dürfte Ende der 90er Jahre gewesen sein. Ich hatte während des Studiums und im Rahmen meiner Arbeit die wichtigsten Grundlagen im Raumordnungs- und Naturschutzrecht kennengelernt, hatte mir die umfangreichen Ergebnisse der Umweltverträglichkeitsstudie zur Y-Trasse angesehen und war entsetzt. Für mich waren die großen Naturschutzgebiete, Moore und Flusslandschaften ein so großes Hindernis für eine solche Planung, dass ich überhaupt nicht mit einer Trassierung in unserer Region gerechnet hatte. Und da sah man dann die rote Linie der Trasse nicht nur durch meine Heimat, sondern sogar durch unser Dorf verlaufen. Das war der Punkt an dem ich mir gesagt habe: Du musst was tun!

In den vergangenen 20 Jahren hieß es oft: Das Y kommt! Dann war es plötzlich wieder vom Tisch. Welche Rolle haben Ihrer Meinung nach die Bürgerinitiativen in diesem gesamten Verfahren gespielt?

Eberle: Ein Standard-Spruch zum Thema Bürgerwillen lautete früher immer: Die da oben machen sowieso, was sie wollen! Das ist heute nicht mehr so. Heute sind Medien neugierig auf kritische Stimmen, spätestens die sozialen Netzwerke haben da ein Umdenken bewirkt. Und für das Thema Großprojekte war spätestens Stuttgart 21 ein wichtiger Wendepunkt. Schon vor Jahren haben die Medien begonnen, die Y-Trasse nie ohne das Attribut „umstritten“ zu beschreiben. Das war eindeutig ein Verdienst der vielen Initiativen entlang der Trasse. Das hat ganz klar Wirkung gezeigt, auch und gerade bei den Entscheidern in dieser Sache. Man kann sich streiten, ob dieser Einfluss der Bürgerinitiativen nicht auch manchmal wichtige Entwicklungen blockiert. Aber letztendlich muss ein Großprojekt so vorbereitet sein, dass es der Kritik standhält, dass es überzeugt, bevor Milliarden ausgegeben werden. Das hat die klassische Y-Trasse nie geschafft, nicht einmal bei einer rein verkehrlichen Betrachtung.

Hatte Bahnchef Rüdiger Grube etwas damit zu tun, dass es überhaupt zu einem Dialog gekommen ist?

Eberle: Ich habe Herrn Grube als einen sehr klugen, bodenständigen, ehrlichen Mann kennengelernt. Bei seinem ersten Auftritt im Y-Land versprach er, sich mit den Initiativen an einen Tisch zu setzen. Und er hat Wort gehalten. Auch das Versprechen, sich die Trasse mal im Detail zeigen zu lassen, hat er bald danach eingelöst. Er war ganz eindeutig von den unglaublichen, einkalkulierten Schäden der Zerschneidung, insbesondere aber auch den persönlichen Schicksalen der betroffenen Menschen, die er an diesem Tag kennenlernte, sehr beeindruckt. Nicht lange danach begannen die ersten wirklich ernstzunehmenden Gespräche auf Augenhöhe zwischen Bahn und Vertretern der Bürgerinitiativen, die dann in das Dialogforum mündeten. Ich bin mir sicher dass diese Veränderung des Umgangs mit den Bürgerinitiativen auf Weisung von Herrn Grube so passiert ist. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit ihm, in dem er sinngemäß sagte: „Ich leite ein umweltverträgliches, zukunftsorientiertes Unternehmen, ein Verkehrsunternehmen, wie es kein Energie effizienteres gibt. Warum sollte ich mir diese Kritik, die Rolle als Umweltzerstörer, länger vorwerfen lassen?“

Hat die Alpha-Variante tatsächlich die Kapazität, den prognostizierten Güterverkehr aufzunehmen?

Eberle: Ein eindeutiges Ja! Grundlage für die Beratungen des Dialogforums waren Verkehrsprognosen, die Anfang des Jahres vorgelegt wurden. Die Untersuchung der jetzt präferierten „Variante E“, der sogenannten Alpha-Lösung, hat ergeben, dass diese Gütermengen auf dem Netz der Variante abgefahren werden können. Wenn der gleiche Gutachter, der auch für die Bundesregierung den Verkehrswegeplan vorbereitet, zu diesem Ergebnis kommt, wenn die Bahnvertreter sogar davon überzeugt sind, dass durch intelligente Verkehrslenkung sogar noch Reserven vorhanden sind, dann gibt es da für mich keinen Zweifel.

Wird der Hamburger Hafen damit nicht ein wenig abgehängt?

Eberle: Die Prognosen zur Hafenentwicklung sind sehr optimistisch. Sie sehen einen stetigen, starken Anstieg der Gütermengen in den kommenden 15 Jahren voraus. Und auch wenn fraglich ist, ob so viel Zuwachs wirklich eintritt, ob alle Erwartungen so ambitioniert auch eintreten, bildet die favorisierte Alpha-Lösung diese Gütermengen ab. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist die Hamburger Position, dass eine Lösung ohne Fahrzeitverkürzung für den Personenfernverkehr nicht akzeptiert wird. Dieser Anspruch, ohne Rücksicht auf die enormen Auswirkungen für die Menschen an einer Neubautrasse, ohne Rücksicht auf die Folgen für Natur und Umwelt, solche Maximalforderungen gegen einen so breiten Konsens im Dialogforum durchsetzen zu wollen, hat viele Mitglieder des Forums enttäuscht. Sie sind verärgert darüber, dass sie ein Jahr lang daran gearbeitet haben, für die Stadt Hamburg im Land Niedersachsen eine Lösung für die Güterabfuhr zu finden und Hamburg selbst bei einer Erfüllung der Ausgangs-Anforderungen doch immer noch mehr Vorteile fordert.

Wird das Celler Ergebnis Ihrer Meinung nach eins zu eins in den neuen Bundesverkehrswegeplan einfließen?

Eberle: Es spricht vieles dafür. Nach den letzten Untersuchungen werden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Bundesverkehrswegeplan durch unsere Lösung erfüllt. Das ist eine wichtige Voraussetzung. Und die Alpha-Variante, die ja ursprünglich eine Idee der Bürgerinitiativen war, wurde von vielen Verkehrspolitikern verschiedener Parteien auf Bundesebene, allen voran von Kirsten Lühmann von der SPD, in der Diskussion stark unterstützt. Dazu kommt der unschätzbare Vorteil, dass das Forum viele betroffene Kommunen und Bürgervertreter in den Konsens einbinden konnte, indem wir optimalen Lärmschutz und eine sehr umfangreiche Einbindung in vorhandene Infrastruktur zur Bedingung für die Umsetzung gemacht haben. Es wäre in meinen Augen töricht, dieses Konsenspaket aufzuschnüren oder gar zu ignorieren, wenn es um die Positionierung im Bundesverkehrswegeplan geht. Die Chance, einen so breiten Konsens zur Akzeptanz eines Großprojekts in der betroffenen Region zu nutzen, wird sich weder Verkehrsministerium noch Bundestag entgehen lassen.

Und, bauen Sie jetzt die „Y-Nein“- Schilder ab?

Eberle: Das wird der BBU zusammen mit den anderen BIs entscheiden. Der richtige Zeitpunkt ist immer noch schwer einzuschätzen. Es gibt noch einige Fragezeichen. Sowohl der Bundesverkehrswegeplan als auch das Landes-Raumordnungsprogramm werden derzeit überarbeitet. Ich rechne mit deren Veröffentlichung in sechs bis zehn Monaten. Und wenn die klassische Y-Trasse in diesen beiden entscheidenden langfristigen Planungen nicht mehr auftaucht, wenn das Ergebnis des Dialogforums von Bahn, Land und Bund an deren Stelle übernommen wurde, wird es ein Fest sein, die Schilder abzubauen und das Ende der Y-Trasse zu feiern!

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