Organisator im Interview

Christian Meyer über das E:A:O-Ende: „Irgendwann wird man mürbe“

Wie beim Auftritt der Hardcore-Truppe von „Anchors & Hearts“ vor zwei Jahren wurde beim E:A:O über die Jahre ausgiebig zu krachender Rockmusik abgefeiert.

Söhlingen - Es war eine feste Größe im Konzertkalender heimischer Musikfans. 23 Jahre lang zelebrierten die Fans mit den Organisatoren der vierten Generation um Christian Meyer, Olaf Precht und Urvater Herbert „Herby“ Röhrs beim Erntefest All Over, dem „lautesten Erntefest“ der Region, von Hand gemachte Rockmusik.

Hier gaben sich im intimen Rahmen unter anderem lokale Szenegrößen wie Maintain, Everlaunch, Distream oder die Kleinstadthelden das Mikro in die Hand; einige von ihnen waren später beim Hurricane oder dem Wacken Open Air zu erleben. Diese Woche kam für viele die ebenso überraschende wie traurige Nachricht: Das E:A:O ist Geschichte. Wir fragten Organisator und Booker Christian Meyer nach den Gründen.

Herr Meyer, für viele Fans kommt das Aus überraschend, die Trauer in der lokalen Rock- und Metalszene ist groß. Hätten Sie mit dieser Resonanz gerechnet?

Christian Meyer: Insgeheim hatte ich gehofft, der Konzertabend könnte nach meinem kurzfristigen Rückzug fortgeführt werden, auch wenn das Aus nicht überraschend kommt. Ich freue mich sehr über den Zuspruch, auch wenn der Grund natürlich ein trauriger ist. Auf die jetzige Resonanz hatte ich ehrlich gesagt gehofft, denn das E:A:O war für viele, mich eingeschlossen, mehr als nur ein Festzelt mit irgendwelchen Livebands.

Sie werden es sich mit der Entscheidung, den Stecker zu ziehen, nicht einfach gemacht haben. Ermüdungserscheinungen nach mehr als zwei Jahrzehnten, mangelnde Resonanz, immer schwierigere Buchungslage, explodierende Kosten, rote Zahlen – was hat letztlich den Ausschlag gegeben?

Christian Meyer

Meyer: Die genannten Gründe treffen wohl alle zu und hängen auch zusammen. Hätte sich die Veranstaltung finanziell getragen, wäre dies schön gewesen, aber nicht zwingend mein Ziel. Große Gewinnabsichten gab es bei uns nicht, die Kosten waren stets kalkulierbar und für den Umfang angemessen. Ausschlaggebend für meinen persönlichen Rückzug, der das „Aus“ mit sich brachte, war die mangelnde Resonanz. Vielen aus unserem Team der vergangenen zehn Jahre war es besonders wichtig, mit Leidenschaft und Einsatz den eigenen Ansprüchen an eine solche Veranstaltung gerecht zu werden. Wir wollten den Künstlern und Besuchern, aber auch uns selbst, eine runde, professionelle und tolle Veranstaltung bieten und haben stets gehofft, dass es sich in der Resonanz widerspiegeln wird. Unsere Preise waren niedrig, das Programm stets abwechslungsreich und die musikalische Qualität sehr hoch. Letztendlich fehlte über Jahre der Zuspruch, der die Zweifel größer werden ließ und dann die Absage ins Rollen brachte.

Da schwingt Resignation mit, fehlende Anerkennung. Oder wie Ihr Mitstreiter Herby Röhrs vom Söhlinger Schützenverein es formuliert hat, dass sich der enorme persönliche Einsatz nicht mehr gelohnt habe.

Meyer: Natürlich. Ich konnte in den vergangenen Jahren nicht verbergen, wie traurig und wahnsinnig enttäuscht ich vom mangelnden Zuspruch war. Wir haben es immer wieder versucht; neue Werbemaßnahmen, andere Werbemaßnahmen, exklusivere Bands bei minimal angepassten Eintrittspreisen – eben alles im Rahmen unserer Möglichkeiten. Irgendwann wird man mürbe und resigniert. Die fehlende Anerkennung tat uns vor allem für die auftretenden Musiker leid, die zum Teil von weither angereist waren und vielerorts eine andere Resonanz gewohnt waren.

Sie sind all die Jahre ohne öffentliche Förderung und mit wenig Sponsoren ausgekommen. Ein Fehler?

Meyer: Es gab unzählige Versuche, lokale Unternehmen von der geschichtlichen Bedeutung des E:A:O und als Veranstaltung für die Szene zu überzeugen. Die Bemühungen fanden nur sehr mäßig Zuspruch, sodass wir in den vergangenen Jahren einige Löcher aus der eigenen Tasche stopfen mussten. Der Versuch, mit öffentlichen Mitteln gefördert zu werden, wurde nach Abgabe eines Konzeptpapiers aufgrund „einer fehlenden überregionalen Bedeutung“ sehr trocken abgewiesen. Vielleicht werden sich die Verantwortlichen nach dem Wegfall einer solchen Veranstaltung über eine generelle kulturelle Bedeutung für Jugend und Musikszene bewusst. Vielleicht schämen sie sich sogar etwas.

Einerseits sterben etablierte Veranstaltungen und Veranstaltungsorte, auf der anderen Seite sprießen viele neue Festivals aus dem Boden. Ist das der Lauf der Dinge oder findet gerade ein Paradigmenwechsel in der Festivallandschaft statt?

Meyer: Vor zehn Jahren haben wir von einem Trend gesprochen, dass kleinere Livemusikveranstaltungen auf dem Land rückläufige Besucherzahlen aufweisen. Kneipen haben geschlossen, etablierte Bühnen und Veranstaltungsreihen sind weggebrochen. Heute würde ich es als Zustand bezeichnen. Es wäre jedoch zu einfach, das pauschal an einer Gruppe oder an einem Hintergrund festzumachen. Ich denke, die breite Masse interessiert sich nicht mehr sonderlich für kleinere Liveveranstaltungen, die keinen Festival- oder Party-Charakter mit optionalem Camping bieten. Außerdem hat sich der Musikgeschmack geändert. Bei größeren Open Airs mit Livemusik sind jüngeren Besuchern die etablierten und angesagten Acts aus den Charts wichtig, bei elektronischen Open Airs geht es um das visuelle Gesamterlebnis, bei dem musikalisch das geboten wird, was an übrigen Wochenenden in Großraumdiscos und auf Zeltfeten durch die Boxen wummert. Wir haben zudem beim E:A:O im Booking gemerkt, dass immer weniger junge Menschen auf dem Land zu Instrumenten greifen und Bands gründen. Der Musikgeschmack und die Interessen sind andere, die jungen Leute sind vielleicht auch etwas fauler und anspruchsloser geworden, neue Musik zu entdecken. In Söhlingen haben wir aus diesem Grund über die Jahre versucht, verschiedene Gruppen unterschiedlicher Altersklassen anzusprechen. Mich freut es sehr zu sehen, dass sich das Heimat Festival in Scheeßel sehr erfolgreich etabliert hat und auf einen starken Rückhalt bauen kann. Sehr außergewöhnlich in der heutigen Zeit, aber ein kleiner Hoffnungsschimmer in unserer Region.

Die Bands, die bei Ihnen aufgetreten sind, schwärmen vom E:A:O – was hat das Besondere ausgemacht?

Meyer: In Gesprächen mit unseren Musikern wurde sich oft für die Gastfreundschaft, die Liebe zum Detail hinter der Bühne und die technische Ausstattung auf der Bühne bedankt. Auch haben sich über die Jahre Freundschaften unter den Musikern gebildet, es wurden hinter der Bühne neue Bands gegründet und man kannte sich einfach. Ich hatte immer ein gutes Gefühl, neue Bands bei uns zu begrüßen, da ich wusste, dass die Stimmung hinter der Bühne genauso angenehm sein wird wie auf oder davor. Ein ungezwungenes Klassentreffen der lokalen Musikszene, die auch die Entwicklung und unsere Anstrengungen bemerkte und honorierte. Mit dem ein oder anderen Kaltgetränk und Kater am Tag danach.

Was bleibt bei Ihnen persönlich: Wehmut und Enttäuschung oder Erinnerungen an grandiose Momente?

Meyer: Diese zehn Jahre haben mich in vielerlei Hinsicht – zwischenmenschlich, musikalisch und beruflich – wahnsinnig geprägt. Ich habe die besten Menschen kennengelernt, durfte die tollsten Musiker auf die Bühne stellen, habe mich sehr wohl in einem Team aus Gleichgesinnten gefühlt und hatte ab dem ersten Tag das Gefühl, hier mit vielen anderen eine großartige Veranstaltung und Idee weiterzuführen. Dass ich auch hauptberuflich den Weg des Konzertveranstalters eingeschlagen habe, kam nicht von ungefähr. Trotz der mangelnden Besucherzahlen war die Erfahrung einmalig und ich bin dankbar für jedes der letzten zehn Jahre; was nun auch ein Drittel meiner bisherigen Lebenszeit ausmacht. Wehmut vielleicht, Enttäuschung ein bisschen. Grandiose Momente, Stolz und tiefer Dank für alles und jeden, der mitgewirkt hat, oder einfach nur als Gast vor Ort war: In jedem Fall!

Wenn Sie sich per Zeitmaschine zurückbeamen dürften, wo würden Sie landen?

Meyer: Die Zeitmaschine, den DeLorean, haben wir bereits zum 20-jährigen Bestehen rausgeholt, um den Headliner Thorn des ersten Jahres erneut auf die Bühne zu stellen. Ich würde ins Jahr 1996 reisen; das erste E:A:O. Herby hat damals seine Musikanlage bereitgestellt. Ich wüsste wirklich gerne, wie laut es damals im Zelt war. Bis zu diesem Jahr war „gefühlte“ und „tatsächliche“ Lautstärke immer ein sehr spezielles „Diskussionsthema“ zwischen uns beiden. Und natürlich wäre ich gerne bei der Debütveranstaltung dabei gewesen.

Und wie sähe Ihr Traum-Programm aus 23 Jahren aus?

Meyer: Ich nehme mir heraus, für alle Booker zu sprechen. Ob Thorsten, Birger, Todde oder meine Wenigkeit: Wir alle haben nur die Bands nach Söhlingen eingeladen, von denen wir überzeugt und begeistert waren. Wir haben sie gerne gehört und als Bereicherung für Bühne und Besucher empfunden. Das Traum-Programm umfasst 120 tolle Auftritte in 23 großartigen Jahren – da ist einfach kein Kompromiss oder Rosinenpickerei möglich.

In den Kommentaren zum E:A:O-Aus heißt es: „Wir hoffen auf einen Dornröschenschlaf“. Ist die Hoffnung auf ein Revival realistisch?

Meyer: Wenn es wieder deutlich mehr ausgehhungrige, musikinteressierte Menschen in unserem Landkreis und über die Grenzen hinaus gibt, die auch Veranstaltungen wie das E:A:O in Scharen besuchen und wertschätzen würden – warum nicht? Ich kann das nicht ausschließen. Ich wäre der Letzte, der Nein sagen würde. Ruft mich dann einfach an und bucht ein großes Zelt! Die Bands und gewohnte Lautstärke bekommen wir schon hin.

hey

Die E:A:O-Geschichte

Das Erntefest All Over wurde 1996 von Thorsten Röhrs als Bühne für die lokale Musikszene geschaffen. In 23 Auflagen traten insgesamt mehr als 100 regionale und überregionale Bands im Festzelt am Söhlinger Schützenhaus auf.

Es stellte nicht nur einen Anlaufpunkt für Livemusik in der Region dar, sondern entwickelte sich auch zu einem Treffpunkt, bei dem sich Musiker aus der Region vernetzten. Der Schützenverein Söhlingen stellte das für das anschließende Erntefest aufgebaute Festzelt zur Verfügung, weswegen das Festival gern als „lautestes Erntefest der Welt“ tituliert wurde. Nach dem Tod von Thorsten Röhrs wurde die Veranstaltung von seinem Vater Herby Röhrs in dessen Gedenken weitergeführt.

Für das Booking zeichneten sich über die Jahre Birger Lüdemann, Thorsten Finner, Christian Meyer und Olaf Precht verantwortlich, unterstützt von zahlreichen ehrenamtlichen Helfern.

Gastkommentar: Die Tür zum großen Zirkus

Von Olaf Precht

Olaf Precht

Neulich in Hamburg erzählte ich dem Gitarristen der Band Rising, dass wir zuhause in Söhlingen schon mal die Kopenhagener „Nachwuchsband“ Tainted Lady hatten. Dass die in Deutschland schon vor 200 Leuten gespielt haben, macht ihn offensichtlich etwas neidisch. Er hatte gerade vor 20 Leuten die Deutschlandtour seiner im Heimatland etablierten Band gestartet. In diesem Moment hatte das E:A:O für mich kein Dorfbums-Charakter, sondern es konnte die Tür zum großen Rock’n’Roll-Business sein.

Und so hat es sich auch die ganzen Jahre für uns angefühlt. Im Backstage, vor der Bühne, auf der Bühne. Wir waren ein richtiges, wenn auch kleines Festival. Ich war fast jedes Jahr dabei. Am Anfang im Publikum, zwei mal selber auf der Bühne und zum Ende als Mitveranstalter und Moderator. Und mein persönlicher Anspruch, jeder, der im Publikum ist, soll einen geilen Abend haben, wurde jedes Mal erreicht. Als es beim Hurricane Stress wegen Taschenkontrollen gab, brauchten wir nicht mal eine Security. Das beste Indiz dafür, wie freundlich es beim E:A:O zuging. Viele Gäste wurden von uns per Handschlag und einem

Lächeln begrüßt. Bei uns gab es sechs Bands für sechs Euro. Geile Zeit. Aber die Musik-Landschaft und die Rahmenbedingungen für Livekonzerte haben sich geändert. Als Ende der 90er und Anfang der 00er-Jahre jede Band noch ihren riesigen Freundeskreis mitgebracht hat, war das E:A:O ein Selbstläufer. In den letzten Jahren mussten wir uns extrem ins Zeug legen, um noch relevant zu sein. Die großartigen lokalen Bands, wie Everlaunch, Gallmucke, Sons of Howie Munson, Who killed Frank, Sturch oder Maintain gibt es in der Gegend leider nicht mehr. Und wenn die Anstrengung nicht ausreicht, dass die Veranstaltung sich trägt, ergibt sie leider keinen Sinn mehr.

Das E:A:O hat Früchte hervorgebracht. In Veranstaltungen wie dem Heimat-Festival, dem Beckstage-Festival und dem Rock am See stecken/steckten überall auch E:A:O-Gene drin. Mit Thorn hat es angefangen, und mit Thorn alias Distream hat es auch geendet. Mit Timo Böhling von Maintain als Gastsänger. Ein passender Schluss. Olaf Precht hat das E:A:O über all die Jahre als Gast, Mitveranstalter, Musiker und Enthusiast auf allen Ebenen begleitet und geprägt.

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