Chance für einen Neuanfang

Jugendhilfe-Unternehmen kämpft ums Überleben

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Im April hatte Lothar Kannenberg noch von einem Sportzentrum und Luxushotel geträumt. 

Bothel - Von Jens Wieters. Vor gut einem halben Jahr sorgte der ehemalige hessische Schwergewichtsboxer Lothar Kannenberg mit der Idee für Aufsehen, in Bothel ein Sportleistungszentrum mit Wellnesshotel zu bauen. Das wird wohl nur eine Idee bleiben, denn die Akademie Lothar Kannenberg mit Sitz in Bothel hat am Montag dieser Woche beim Amtsgericht Walsrode Insolvenz angemeldet.

Das Unternehmen will sich aber durch das Eigenverwaltungsverfahren sanieren. Das Amtsgericht hat laut Mitteilung aus dem Kannenberg-Haus gestern dem Antrag entsprochen und die vorläufige Eigenverwaltung angeordnet. Zum vorläufigen Sachwalter bestellte das Gericht Rechtsanwalt Stefan Denkhaus. Er begleitet und überwacht die Eigenverwaltung.

Das ist ein Verfahren ohne Insolvenzverwalter. Das Unternehmen darf unter Aufsicht eines Sachwalters und meistens unterstützt durch Sanierungsexperten die Gesellschaft selbst durch das Verfahren führen. Nach rund drei Monaten mündet es in ein Hauptverfahren, in dem die Gläubiger ihre Forderungen anmelden können.

Grund für den Insolvenzantrag ein Liquiditätsengpass, heißt es. Der Geschäftsbetrieb laufe aber uneingeschränkt weiter. Insgesamt arbeiten demnach mehr als 230 Mitarbeiter für das norddeutsche Unternehmen, das sechs Jugendhilfe-Einrichtungen in Bremen und drei in Sachsen und Sachsen-Anhalt betreibt. Die Gehälter der Beschäftigten sind durch die Insolvenzgeldvorfinanzierung für drei Monate gesichert.

Der ehemalige Amateurboxer und hessische Landesmeister im Schwergewicht Lothar Kannenberg hatte 2014 die vollstationäre Jugendhilfe- und Bildungseinrichtung mit diversen Wohngruppen gegründet.

Sanierung in Eigenverwaltung

„Durch die Eigenverwaltung haben wir die Chance, das Unternehmen wieder zukunftsfähig aufzustellen“, wird Geschäftsführer Kannenberg in der Mitteilung zitiert. Infolge des starken Zuzugs von Flüchtlingen ab 2015 hatte die Akademie in Spitzenzeiten mehr als 1 000 Jugendliche betreut. Aktuell wird aber eine deutlich nachlassende Auslastung verzeichnet. „Die Kosten, insbesondere für Personal und Miete für die Einrichtungen, übersteigen die Einnahmen, sodass der Insolvenzantrag unvermeidlich ist“, heißt es weiter. Ziel sei jetzt, dass die Akademie nach erfolgreicher Restrukturierung durch einen Insolvenzplan – einen Vergleich mit den Gläubigern – aus dem Verfahren herausgehe.

In der Botheler Verwaltung arbeitet ein knappes Dutzend Kannenberg-Leute. Die Gehälter der insgesamt 230 Mitarbeiter sind durch die Insolvenzgeldvorfinanzierung für drei Monate sicher. - Foto: jw

In finanzielle Schieflage ist das Unternehmen offenbar durch Forderungen der Stadt Bremen in Höhe von fünf Millionen Euro gekommen. Dabei geht es um Vorauszahlungen in Form von Pauschalen, die höher waren als die Einzelabrechnungen. Die Akademie fordere ihrerseits drei bis vier Millionen Euro von Bremen.

Der 60-jährige Lothar Kannenberg, in dessen Verwaltung in Bothel ein knappes Dutzend Angestellte beschäftigt ist, hatte gegenüber unserer Zeitung noch im April von großen Plänen berichtet. Die Rede war von einem Sportleistungszentrum mit angeschlossenem Hotel. Der Komplex sollte gleichermaßen für Profis als auch für Amateure und sozial benachteiligte Talente geeignet sein. „Solch eine Einrichtung ist bundesweit einmalig“, so Kannenberg im Frühjahr.

Sportzentrum-Pläne sind wohl vom Tisch

Ein Fußballfeld nach Standards des DFB mit Trainingsfeldern, ein Basketballplatz, eine Schwimmhalle mit olympischem Becken, eine Sporthalle, ein Boxzentrum, ein Sportinternat, ein Fünf-Sterne-Wellnesshotel mit 100 Zimmern, ein Tagungsgebäude und ein Bistro, dazu Laufbahnen und eine Tribüne: All das sollte in Bothel entstehen.

Mit diesen groben Plänen war Kannenberg auch im Rathaus der Samtgemeinde Bothel vorstellig geworden. Der parteilose Bürgermeister Dirk Eberle hatte seinerzeit lose Gespräche bestätigt, in denen es um mögliche Standorte innerhalb der Kommune gegangen sei. Bei der Umsetzung der Vision habe Eberle Kannenberg signalisiert, ihn im Rahmen der Samtgemeindegrenzen zu unterstützen.

„Seit dem habe ich aber nichts mehr von ihm oder von irgendjemand anderem über das Projekt gehört“, so Eberle gestern auf Nachfrage unserer Zeitung. In der Samtgemeindeverwaltung sei man damals schon eher skeptisch gewesen, was die Umsetzung der Pläne angehe. „Wir haben das Ganze mit äußerster Vorsicht betrachtet und damit haben wir offenbar nicht so falsch gelegen“, beurteilt Eberle die aktuelle Situation. Grundstücke oder ähnliche Dinge seien jedenfalls nicht für die Kannenberg-Pläne reserviert worden.

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