Human-Biomonitoring-Studie

Erhöhte Krebsgefahr in Bothel: Urin-Studie kann keine Erklärung liefern

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Professor Thomas Göen erläuterte die Studie.

Die erhöhte Anzahl von Krebserkrankungen in der Samtgemeinde Bothel bleibt weiterhin ein Rätsel. Ein wissenschaftlicher Infoabend im Botheler Bürgerhaus über die durchgeführte Urin-Studie lieferte keine schlüssige Erklärung für die Häufung an Erkrankungen.

Bothel - „Die nichtrauchenden Menschen, die in der Nähe der Erdgasförderanlagen in der Samtgemeinde Bothel wohnen, sind nicht mehr und nicht weniger mit Benzol und Quecksilber belastet als die Menschen, die weit weg von den Anlagen leben.“ Diese bereits seit vergangenen November bekannte Erkenntnis stellte Professor Thomas Göen während des Infoabends am Montag zu der von ihm geleiteten Human-Biomonitoring-Studie (HBM) aber dennoch in den Mittelpunkt seines Vortrags, den sich rund 55 Interessierte im Botheler Bürgerhaus angehört haben. Sie und sicher auch viele andere Menschen in der Region müssen also weiter warten, bis mögliche Ursachen für die erhöhte Zahl von Krebserkrankungen in der Region gefunden werden.

Thomas Göen von der Universität Erlangen-Nürnberg hatte jedenfalls keine Antworten parat und erläuterte zwei Stunden lang im Detail die einzelnen Untersuchungsvorgänge der Urin-Studie, stellte die Einteilung der Untersuchungsgruppen in Raucher und Nichtraucher vor und informierte über das Prozedere der HBM-Studie.

110 Menschen, Raucher sowie Nichtraucher und zu 80 bis 90 Prozent aus dem Bereich Hemslingen und Söhlingen, hatten im Sommer und Herbst 2018 jeweils für gut zwei Wochen ihren Urin gesammelt, um der HBM genügend Stoff zur Untersuchung für die Krebs-Studie in Bothel zu geben. Außerdem hatten diese Probanden Luftmesser an der Kleidung getragen und auf den Nachttisch sowie in den Garten gelegt, um herauszufinden, ob und wie stark die Umgebungsluft mit Benzol und Quecksilber belastet ist. Zum Vergleich hatten 84 Menschen einer Kontrollgruppe aus dem Nordkreis, weit weg von den Erdgasanlagen, ebenfalls Urin gesammelt und Luft gefiltert.

Rund 55 Zuhörer verfolgten den Info-Abend.

„Aber auch bei Fackelarbeiten sind keine erhöhten Belastungen identifiziert worden“, heißt es in der Krebs-Studie. Allerdings habe es bei beiden Gruppen große Unterschiede zwischen den Jahreszeiten gegeben: „Im Herbst gab es stärkere Belastungen als im Sommer“, so Thomas Göen, der sich aber keine Vermutung nach einer Ursache entlocken ließ. Allerdings bekamen die Raucher beider Gruppen symbolisch den mahnenden Finger gezeigt, denn „es wurden deutliche Differenzen zwischen den Rauchern und Nichtrauchern hinsichtlich der Benzol-Luftbelastung in den Räumen festgestellt“.

Bei der Studie seien auch die unterschiedlichen Abstände zu den Förderanlagen grob erfasst worden. „Auf die Windrichtungen hatten wir während der Messperioden aber natürlich keinen Einfluss“, so Professor Thomas Göen, der mit einem ganzen Stab von Mitarbeitern ein knappes Jahr an der vom Niedersächsischen Sozialministerium in Auftrag gegebenen Urin-Studie gearbeitet hat.

Bothel: Kritische Nachfragen bei Vortrag zu Urin-Studie

Der Fachmann erntete während des Abends aber auch Kritik an der Krebs-Studie. So wollte Kathrin Otte vom Gemeinnützigen Netzwerk für Umweltkranke (Genuk) wissen, ob das Studiendesign überhaupt die notwendigen Voraussetzungen mitgebracht habe, die Aussage zu treffen, dass die Menschen in der Region Bothel nicht stärker belastet seien, als andere. „Selbst in der Human Monitoring Kommission des Umweltbundesamts wurde eine 24-Stunden-Urin-Sammlung zur Feststellung einer tatsächlichen Körperbelastung mit Schwermetallen wie Quecksilber für unsinnig erachtet. Auf eine richtig saubere Abstandsstatistik von Expositionsquelle zu Probanden zu verzichten, ist aus unserer Sicht ebenfalls ein Fehler“, so Otte.

Solch eine Urin-Studie könne außerdem keinesfalls belastbare Aussagen zu den auslösenden Risikofaktoren liefern, schließlich betrage die Latenzzeit für das Auftreten der gehäuften Krebserkrankungen bis zu 40 Jahre. „Dies kann aus unserer Sicht nur durch epidemiologische Untersuchungen belegt oder widerlegt werden“, so Otte, die auch gerne möchte, dass nicht nur die Politik, sondern auch die Bürger aus Bothel den Fachleuten bei der Erstellung solcher Studien über die Schulter gucken.

Um bei der Suche nach den Ursachen für Krebserkrankungen vielleicht einen Schritt weiter zu kommen, werden demnächst 70 Messsonden in der Umgebung der Förderanlagen aufgestellt. „Zurzeit wird geklärt, was ein Jahr lang in der Luft gemessen werden soll“, so Dr. Sybille Zielke vom Ministerium. Sie betonte, dass sie „für Ideen aus der Bevölkerung jederzeit offen“ sei, um die Ursachen der Krebserkrankungen zu finden. Eine hatte Umweltaktivist Andreas Rathjens schon parat: „Alte Bäume auf Schadstoffe untersuchen.“

Kommentar: Krebs in der Region - Die Suche geht weiter

Von Jens Wieters

„Wir müssen aufstehen, kämpfen und das Großkapital zerschlagen“, schrie ein aufgebrachter Bürger während des Infoabends zu den Ergebnissen der HBM-Urin-Studie lautstark, um danach wutschnaubend den Saal in Bothel zu verlassen. Aber was will der Mann? Den Exxon-Mitarbeitern auf dem Söhlinger Erdgasfeld an die Wäsche? Den Dea-Fahrzeugen die Luft ablassen?

Er ist offenbar unzufrieden mit den Ergebnissen der Krebs-Studie. Denn die Fachleute haben herausgefunden, dass die Menschen zum Zeitraum der Untersuchung nicht übermäßig mit Benzol und Quecksilber belastet waren. Ob das tatsächlich so ist, war Sinn und Zweck der Studie. Nicht mehr und nicht weniger. Dem Mann, und bestimmt nicht nur ihm, wäre es sicher lieber gewesen, der Professor hätte einen Zusammenhang herstellen können zwischen der erhöhten Zahl von Krebserkrankungen in der Region rund um Bothel und der Gasförderung. Es scheint aber weiterhin nicht so einfach zu sein, die Gründe dafür zu finden. Mit Getöse und Gepoltere funktioniert die Suche nach den Ursachen schon mal gar nicht. Die Studie der ausgewiesenen Fachleute in Gänze nur aus dem Grund infrage zu stellen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, dient ebenfalls nicht einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Fakt ist aber auch: Diese Zahlen sind nicht wegzudiskutieren. Wenn es eben nicht an Benzol oder Quecksilber liegt, dann müssen die Verantwortlichen in der Politik eben weiter Geld in die Hand nehmen, um öffentlich und transparent zu forschen, warum mehr Menschen im Bereich der Samtgemeinde Bothel an dem heimtückischen Blutkrebs erkranken als anderswo. Das sind sie ihnen schuldig.

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