Politiker informieren sich

Bohrschlammgruben und Gefahren der Gasförderung: „Hier sterben Menschen“

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Bothels Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle erläutert den SPD-Landespolitikern um die Verdener Abgeordnete Dörthe Liebetruth die Probleme mit den hiesigen Bohrschlammgruben vor Ort am Beispiel von „Scheeßel Z1“.

Hemslingen - Von Michael Krüger. Bohrschlammgruben sind ein Problem. Das ist seit Jahren bekannt. Nur wie groß dieses Problem ist, weiß bislang niemand so genau. Auch das, was unter den Füßen derer lagert, die am Montag auf dem Hollerberg in Hemslingen unterwegs sind, ist weitgehend ungeklärt. Die Ungewissheit belastet die Menschen in der von den erhöhten Krebszahlen belasteten Region – das können die angereisten SPD-Umweltpolitiker um die Verdener Landtagsabgeordnete Dörte Liebetruth mit nach Hannover nehmen.

„Hier sterben Menschen.“ Bothels Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle will eigentlich nicht die ganz große pathetische Keule schwingen lassen, als er am Rande der Grube „Scheeßel Z1“ die Brisanz des Themas schildert, aber dieser Satz rutscht dann doch raus. „Entscheidend ist es für uns, die Ursachen für die Krebserkrankungen zu finden.“ Tragen die giftigen Abwässer, die Ausdünstungen der alten Mülldeponien dazu bei? 24 sind mittlerweile als verdächtige Flächen im Kreisgebiet ausgemacht, drei davon in der Samtgemeinde Bothel, in Hemslingen und Kirchwalsede.

Die SPD-Landespolitiker wollen sich an diesem Montag ein Bild von der Brisanz des Themas machen und sind dazu nicht nur zum Ortstermin am Nachmittag in Hemslingen. Am Vormittag haben bereits Stationen in Verden und Langwedel auf dem Programm gestanden, es ging um Bohrungen für die Erdgasförderung in Trinkwasserschutzgebieten, um Lagerstättenwasserverpressung und die Gefahr von Erdbeben durch die Fördermaßnahmen. In der Region rund um Bothel ist das alles bekannt. Und es ist mit den Bohrschlammgruben ein neuer Aspekt hinzugekommen vor erst wenigen Jahren.

Denn die Bohrschlammgruben hatte viele Jahrzehnte niemand auf dem Schirm. „Bürgermeisterdeponien“ sind das zum großen Teil, wie auf dem Hollerberg mehrere Meter mächtig in die alte und zum Teil abgebaute Sanddüne gefüllt. Zunächst flog der Hausmüll hinein, oben drauf pumpte in diesem Fall Anfang der 1970er die „Deutsche Texaco AG“ ihre Bohrschlämme aus dem Bereich Abbendorf, wo man auf der Suche nach Erdöl war. Darüber eine Deckschicht Mutterboden, die Natur kämpfte sich zurück, später wurde das landeseigene Areal Ausgleichsfläche für eine Biogasanlage. Und unten drin liegen „all die Leckereien“ (Eberle), die man einst aus der Tiefe befördert hatte.

Umweltaktivist Andreas Rathjens ist auch vor Ort.

Nun gibt es ein Förderprogramm mit Landesmitteln und Zuschüssen der Industrie, um Klarheit zu erlangen, auch „Scheeßel Z1“ wird begutachtet. Wie sich die einstige Grube genau abgrenzen lässt und vor allem, was wirklich drin ist, lässt sich nach den ersten Untersuchungen noch nicht sagen. Es gibt nur eine erste Einschätzung nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben: Schadstoffe wie Benzol oder Kohlenwasserstoffe sind zu finden, dringen aber nicht über die strengen Grenzwerte hinweg nach außen oder ins Grundwasser.

Noch nicht. Das betont Bürgermeister Eberle beim Ortstermin. Für ihn berge der sandige Boden die Gefahr, „dass sich die Schadstoffe irgendwann auf die Reise machen“. Es sei ja eine hohe Belastung da, die Frage, wie stabil sie an Ort und Stelle bleibe, dürfte nicht ewig aufgeschoben werden. Da stimmen auch die angesichts der so eklatanten Missstände mitunter überraschten SPD-Genossen zu. Umweltaktivist Andreas Rathjens, wie stets bei solchen Terminen dabei, spricht von Sondermüll.: „Es wird Zeit, dass wir aufräumen.“

Bis dahin dürfte aber noch einige Zeit vergehen. Und die Region wird sich, wie Eberle verdeutlicht, in dieser mit vielen anderen Problemen der Gemengelage um die Probleme der Erdgasförderung beschäftigen. Kommt gleich nebenan trotz der rechtlichen Bedenken schon bald die neue Reststoffbehandlungsanlage von Exxon in Bellen? Was ergeben die jüngsten Testreihen mit Anwohnern zu den Krebsursachen? Die SPD-Politiker wollen die Themen mitnehmen. Eine Kleine Anfrage an die Landesregierung dazu werde umgehend vorbereitet, verspricht der umweltpolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Marcus Bosse. Und Dörte Liebetruth lässt durchblicken, dass mit Umweltminister Olaf Lies (SPD) ein Gespräch geplant sei, um die Zuständigkeiten für die Überwachung der Industrie effektiver zu organisieren. Für Dirk Eberle ein kleiner Schritt vorwärts. „Das ist ja alles keine Kleinigkeit“, sagt er.

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