Die Frau, die Elke Twesten stürzte

Birgit Brennecke will für die Grünen in den Landtag

+
Birgit Brennecke will für die Grünen in den Niedersächsischen Landtag einziehen. Sie hat sich vor allem durch ihr Engagement gegen die Erdgasförderung einen Namen gemacht.

Söhlingen - Von Jens Wieters. „Nein, tut mit leid, ich kann Ihnen nicht mehr helfen, denn wir haben das Geschäft aufgegeben. Aber ich habe hier eine Adresse ...“ Birgit Brennecke kramt in ihrer Telefonliste und nennt dem Anrufer eine Nummer, unter der er ein bestimmtes Gewürz bekommt. Ihr eigenes Geschäft mit dem besonderen Namen „Pfeffercorner“ gibt es nicht mehr.

„Zu viel Verwaltung und zu wenig Ertrag“, sagt die 62-Jährige. Aber dennoch hat sie auch künftig eine Menge mit Salzen und anderen Substanzen zu tun, die tief in der Erde lagern, durch die Gasförderung ans Tageslicht geholt werden und dann verrührt zu einem Chemiecocktail wieder in den Boden verpresst werden. Und genau das will die Söhlingerin nicht und möchte darum für die Grünen in den Niedersächsichen Landtag einziehen, um die Weichen zum Thema Erdgasförderung gänzlich anders zu stellen.

„Denn das ist dringend nötig nach allem, was wir hier in der Region schon erlebt haben“, klagt Birgit Brennecke, während sie bedächtig in ihrer Teetasse rührt und nach draußen in den großen Garten blickt, wo die Katze sich in der Nachmittagssonne rekelt.

Genau so muss es im Oktober 2004 gewesen sein, als ein Erdbeben mit der Stärke 4,5 auf der Richterskala diese Idylle je zerstört hatte und Menschen im östlichen Altkreis Rotenburg und im Heidekreis massiv erschreckte. „Ich habe damals sofort bei Exxon angerufen und gefragt: ,Was macht Ihr da?‘“, erinnert sich die dreifache Mutter noch genau an den Tag, als die Wände ihres Holzhauses wackelten.

„Erdgasförderung schon von Anfang an suspekt“

„Mir war die Erdgasförderung schon von Anfang an suspekt“, betont die studierte Soziologin, die im Dörfchen Klein-Dören im Harz geboren wurde und gut 20 Jahre mit ihrem damaligen Ehemann, dem Sohn und den beiden Töchtern in Bremen gelebt hat.

1998 zog sie wegen einer Erkrankung ihres Sohnes von der Weser an die Wiedau, „um weg von den Abgasen zu kommen und um fortan in sauberer Landluft und natürlicher Umgebung zu leben“. Politik für die Grünen hatte sie zwar auch schon im Sozialausschuss der Hansestadt gemacht, denn schließlich war sie viele Jahre in der Kinder- und Jugendarbeit und beim Roten Kreuz in leitender Stellung tätig, aber eigentlich hatte sie das in der Gemeinde Hemslingen nicht auf dem Zettel.

„Aber beim Schützenfest hatte mich damals Heidi Röhrs von der SPD angesprochen, ob ich nicht im Gemeinderat mitarbeiten und mich zur Wahl stellen wolle. Als ich ihr aber entgegnete, dass die Idee nicht schlecht wäre, ich aber eine Grüne sei, war sie natürlich ein wenig enttäuscht“, berichtet die Unternehmerin vom damaligen Einstieg in die Kommunalpolitik. Denn natürlich bekam Ute Tümler, die ehemalige Vorzeige-Grüne in der Samtgemeinde Wind von dem Engagement Brenneckes, die jetzt 24 Jahre Parteimitglied ist, und lotste sie am Ende auf einen Stuhl im Botheler Samtgemeinderat.

Unermüdlich gegen Förderung im Einsatz

Den will sie nach dem 15. Oktober auch nicht aufgeben, aber parallel dazu auch im Niedersächsischen Landtag sitzen. Denn seit dem ersten Erdbeben in der Region hat Brennecke den Erdgas-Konzernen auf und in die Bohrtürme geguckt. „Damals wurde darüber wenig kommuniziert, das sieht heute schon ganz anders aus.“ Sicher auch das Verdienst der unermüdlichen Arbeit Brenneckes und ihrer Mitstreiter in vielen Arbeitskreisen, Runden Tischen und sonstigen Gesprächskreisen, die das Thema behandeln. 

Sie trat in die Bürgerinitiative von Silke Döbel ein, die in Hemslingen und Söhlingen an jeder Haustür um Mithilfe bat. „Von da an war ich fast eher an irgendwelchen Bohrlöchern zu finden als Zuhause“, lacht die Unternehmerin, die sich selbst vor rund zwei Monaten plötzlich vor Anfragen von Fernsehsendern und Zeitungsredakteuren kaum noch retten konnte.

Denn sie war es, die bei der Nominierung der Landtagskandidaten des Kreisverbands der Grünen der Landtagsabgeordneten Elke Twesten deutlich das Nachsehen gab. Die wiederum war daraufhin zur CDU gewechselt und löste damit auch ein Erdbeben aus – wenn auch nur ein politisches.

Twesten hat „nicht sauber gearbeitet“

Aber damit kann Birgit Brennecke gut leben, denn „es wird auch mal Zeit, dass sich etwas ändert, denn von der Kommunalpolitik dringt wenig bis in die Landesregierung durch. Und andersrum ist es genauso.“ Gerade was die Kommunikationswege betrifft, habe ihre ehemalige Parteifreundin Twesten „nicht sauber gearbeitet“.

Brennecke, die schon ihr Leben lang „mehr auf Authentizität als auf Strategien“ gesetzt hat, will es viel besser machen, auch wenn ihre Chancen mit Platz 31 auf der Landesliste nicht besonders groß sind, in den Landtag einzuziehen. „Dafür müssten wir schon 18 Prozent bekommen.“

Wenn es am Ende nicht reichen sollte, werde sie aber weiterhin auf allen Erdgas- und Arbeitskreisebenen aktiv sein. „Die Leute werden auch weiterhin von mir hören“, sagt Grünenpolitikerin Birgit Brennecke, schnappt sich ihre Jacke und fährt zum Bohrloch Söhlingen Z1, um dort mal wieder über den Zaun zu gucken.

Der Überblick

Alle Kandidaten aus dem Wahlkreis Rotenburg und die Ergebnisse am Wahlabend finden Sie im Überblick bei uns.

Das könnte Sie auch interessieren

Bayern-Fest bei Heynckes' Europa-Comeback - 3:0 gegen Celtic

Bayern-Fest bei Heynckes' Europa-Comeback - 3:0 gegen Celtic

Werder auf dem Freimarkt

Werder auf dem Freimarkt

NRW: 700 Polizisten stürmen Hells-Angels-Wohnungen

NRW: 700 Polizisten stürmen Hells-Angels-Wohnungen

Bild von gewildertem Nashorn ist Wildlife-Foto des Jahres

Bild von gewildertem Nashorn ist Wildlife-Foto des Jahres

Meistgelesene Artikel

70 Kilometer lange Herbstrallye mit Neuerungen

70 Kilometer lange Herbstrallye mit Neuerungen

Jetzt braucht die Krippe nur noch einen Namen

Jetzt braucht die Krippe nur noch einen Namen

Pastorin Sonja Domröse über Reformation und Emanzipation

Pastorin Sonja Domröse über Reformation und Emanzipation

Die H-Moll-Messe von Bach zwei Mal in der Stadtkirche

Die H-Moll-Messe von Bach zwei Mal in der Stadtkirche

Kommentare