Nach Einsturz eines Hallendaches fürchten Anwohner Gesundheitsrisiken

Asbest versetzt Jeersdorfer in Angst und Schrecken

Welche Gefahr geht von der alten Lagerhalle in Jeersdorf wirklich aus?
+
Welche Gefahr geht von der alten Lagerhalle in Jeersdorf wirklich aus?

Scheessel - Von Lars Warnecke · Die Angst geht um in Jeersdorf. Dabei ist das, wovor sich einige Bewohner fürchten, für das Auge unsichtbar – und dennoch bedrohlich. Die Rede ist von Asbest, jenem krebserregenden Baustoff, der lange Jahre in einer Lagerhalle eingeschlossen war.

Dort stehen nämlich Nachtspeicheröfen – rund 3000 an der Zahl und allesamt asbesthaltig. Jetzt ist der Dachstuhl des alten Gemäuers eingestürzt. Die Dorfbewohner verlangen von den Behörden Aufklärung, ob für sie ein Gesundheitsrisiko besteht. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam ...

„Diese Öfen waren mir schon immer ein Dorn im Auge, auch den anderen Nachbarn.“ Meike Dittmer steht in ihrem Garten, keine hundert Meter von der Halle entfernt. Mit Besorgnis schaut sie zu dem zerfallenen Gebäude hinüber. „Mein Mann und ich haben zwei kleine Kinder“, sagt die Jeersdorferin. „Natürlich sind wir ein wenig besorgt, vor allem jetzt, wo die Öfen nicht mehr vor Witterungsverhältnissen geschützt sind.“

Seit sieben Jahren wohnt die junge Familie am Westerescher Weg. Welches Risiko auf dem Gelände der ehemaligen Jeersdorfer Zementfabrik schlummert, sei ihr Anfangs gar nicht bewusst gewesen, so Dittmer. Rund 3000 Nachtspeicheröfen sind hier seit den frühen 90er Jahren eingelagert – ein Umstand, der bereits damals für mächtig Ärger gesorgt hatte.

Durch die Vermietung seiner Lagerhalle wollte sich der Jeersdorfer Karlheinz Rathjen den Ruhestand finanzieren. Aber daraus wurde nichts: Der damalige Mieter, ein bereits mehrfach vorbestrafter Unternehmer, lagerte aufgrund einer Geschäftsidee die asbesthaltigen Öfen in dem Gemäuer ein, einen nach dem anderen – und das trotz Untersagungsverfügung des Gewerbeaufsichtsamtes.

Seine Firma ging pleite, er machte sich aus dem Staub, ließ dabei alles zurück. Eine Entsorgung hätte damals 1,5 Millionen D-Mark gekostet. Eine Summe, die der Eigentümer nicht aufbringen konnte. Die Öfen verweilten an Ort und Stelle, da angeblich keine Gefahr von dem eingelagerten Asbest ausging, blieben Behörden und der Vermieter untätig.

Meike Dittmer hat sich auf das Nachbargrundstück begeben. Ihr Blick geht durch eines der kaputten Fenster. „Sehen Sie, die Eternitplatten samt Holzlatten sind herabgestürzt – und zwar direkt auf die Nachtspeicheröfen!“ Erinnerungen werden wach an jene frühen Morgenstunden des 6. August, als das marode Dach in sich zusammenbrach: „In der Nacht konnte man bereits Geräusche hören, die ich zunächst nicht deuten konnte, es hörte sich so an, als würden Dachpfannen herunterstürzen.“ 

Kurz nach dem Einsturz habe sich für die junge Mutter die Frage gestellt: „Kann ich überhaupt meine Fenster zum Lüften öffnen?“ Noch am selben Tag habe sie den Landkreis über die Lage informiert und gebeten, die Halle in Augenschein zu nehmen. „Man werde die Sachlage prüfen und untersuchen, sagte man mir.“ Auch die Gemeinde Scheeßel sei über den Vorfall in Kenntnis gesetzt worden. „Passiert ist seitdem gar nichts“, klagt Dittmer. Und Anwohner Steffen Ulrichson ergänzt: „Eigentlich tappen wir nach wie vor im Dunkeln, die Informationspolitik beider Behörden lässt diesbezüglich sehr zu wünschen übrig.“

Die Nachbarn schütteln den Kopf. „Wir können nicht nachvollziehen, was es am Schreibtisch noch zu prüfen gibt, nachdem das Kind nun in den Brunnen gefallen ist“, sagt Meike Dittmer. „Nach den gesetzlichen Vorschriften müssen die Öfen zur Lagerung vor Witterungseinflüssen geschützt sein, das sind sie aber definitiv nicht. Warum wird also nicht die sofortige Entsorgung beschlossen?“

Auf Anfrage unserer Zeitung beim Amt für Bauaufsicht des Landkreises hieß es gestern von dessen Leiter, Alfons Schulte, man müsse zunächst die eingestürzten Bauteile entfernen, bevor die Halle betreten werden könne. „Der Eigentümer möchte zur Durchführung dieser Maßnahmen einen fachkundigen Ingenieur hinzuziehen, der in den kommenden Tagen aus dem Urlaub zurück sein wird“, so Schulte. Eine Besichtigung und Überprüfung des Gebäudeinneren werde baldmöglichst erfolgen.

Auf die Frage, ob von einer gesundheitlichen Gefährdung der Nachbarschaft auszugehen sei, gibt der Amtsleiter Entwarnung. „Normalerweise gelangt das Asbest im Inneren der Bauteile nicht an die Luft, es sei denn, es wirkt erhebliche äußere Gewalt auf die Öfen ein“, sagt er. Anhaltspunkte, dass beim Einsturz einzelne Geräte erheblich beschäftigt wurden, lägen seiner Behörde nicht vor.

Nur eines scheint momentan sicher: „Der Eigentümer der Halle ist nach wie vor zur Entsorgung verpflichtet“, so Schulte. „Hier im Hause wird derzeit die weitere Vorgehensweise geprüft.“

Für die inzwischen misstrauischen Jeersdorfer geht das Bangen auch drei Wochen nach dem Einsturz also weiter.

„Kann ich meine Fenster zum Lüften öffnen?“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Näher dran

Näher dran

Näher dran
In Ostervesede gestrandeter „Circus May” ist immer noch auf Spenden angewiesen

In Ostervesede gestrandeter „Circus May” ist immer noch auf Spenden angewiesen

In Ostervesede gestrandeter „Circus May” ist immer noch auf Spenden angewiesen
Autofahrerin verletzt sich bei Unfall auf Glatteis schwer

Autofahrerin verletzt sich bei Unfall auf Glatteis schwer

Autofahrerin verletzt sich bei Unfall auf Glatteis schwer
Verkehrsunfall bei Ahausen mit sieben beteiligten Fahrzeugen

Verkehrsunfall bei Ahausen mit sieben beteiligten Fahrzeugen

Verkehrsunfall bei Ahausen mit sieben beteiligten Fahrzeugen

Kommentare