Anti-Kriegs-Collage „Weltenbrand“ geht unter die Haut

Grauen bekommt ein Gesicht

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Oliver Hermann (l.) und Michael Bideller brachten das Grauen im Schützengraben auf die Bühne.

Hütthof - Von Ulla Heyne. Ein paar Strohsäcke, einige verstreute Schuhe, dahinter eine an die Wand projizierte Postkarte von der Front oder Fotografien aus dem Schützengraben: Es braucht nicht viel, um die Schrecken des Krieges erlebbar zu machen.

Was es braucht: Drei ebenso präsente wie sendungsbewusste Schauspieler wie Oliver Hermann, Markus Voigt und Michael Bideller vom Axensprung-Theater, die am Sonntagabend in einem Gastspiel in Hütthof ihre szenische Lesung „Weltenbrand“ auf die Bühne des Metronom brachten.

Ein Stoff, den sich nicht eben viele Zuschauer zumuten wollten. Vielleicht, weil der Erste Weltkrieg zu weit weg scheint angesichts der aktuellen Probleme der Welt? Er ist es mitnichten, wie die erschütternde Produktion zeigte. Nicht nur Parallelen zu den jüngsten Ereignissen von Paris drängen sich auf, „schließlich stand auch 1914 ein Attentat am Anfang des Kriegs“, wie Metronom-Hausherr Andreas Goehrt eingangs erklärte. Auch die Thematik der Verblendung, die den wechselseitig personifizierten Hauptprotagonisten Adolf Reisiger dazu bringt, sich freiwillig für den Krieg zu melden, weist beklemmende Parallelen zur Begeisterung europäischer Jugendlicher für den IS auf, wie Schauspieler Oliver Hermann nach der Vorstellung erklärte.

In den collagenartig zusammengesetzten Szenen wird die Gedankenwelt der damaligen Jugend greifbar: Von der ersten Enttäuschung, als die vermeintliche Kameraderie zunächst aus Drill, Langeweile und Desinteresse der Vorgesetzten besteht, bis zur „Feuertaufe“, wo Reisiger beim ersten feindlichen Beschuss mit den abgetrennten Körperteilen der Kameraden konfrontiert wird.

Der Schrecken entsteht in der Mimik der Schauspieler, die mit intensivem Spiel immer wieder die Rollen wechseln, und in den Köpfen der Zuschauer. Verdichtet werden sie durch die Einblendung von Dias, durch Sounds und durch Posaunenbegleitung. Das übereinander gelagerte Stimmengewirr deutet die Schrecken der Belagerung im Schützengraben nur an. Das Sprechertempo wechselt wie das Schnellfeuer, und wenn der angesichts des Anblicks verstümmelter Kameraden und eigener Verletzungen traumatisierte Soldat später – vor der Einlieferung ins Speziallazarett – zitternd den Tod seines gesamten Bataillons meldet, ist das kaum zu ertragen.

Immer wieder eingestreute Original-Zitate veranschaulichten als Zeitdokumente: Der Krieg wurde auch von Intellektuellen wie Thomas Mann getragen, selbst Uni-Professoren und Wissenschaftler stärkten dem Einsatz der jungen Männer mit Attributen wie „Treue, Opfermut und Manneszucht“ den Rücken.

Adolf Reisigers Erkenntnis, dass der Krieg „eine Sauerei“ ist und seine späte Selbstverweigerung bringt ihn in die Irrenanstalt, ganz wie in der autobiografischen Romanvorlage „Heeresbericht“ von Edlef Köppen, 1930 veröffentlicht und alsbald von den Nazis verbrannt. Die Leistung der vom deutschen Volksbund der Kriegsgräberfürsorge geförderten Inszenierung: „Hier bekommt das Grauen ein Gesicht“, so Geschichtslehrer Friedhelm Horn.

Auch wenn nicht ausverkauft, war Goehrt dennoch zufrieden: „Es ist unsere Verantwortung als Kulturschaffende, auch ernsteren Themen ein Forum zu bieten, die keine Schenkelklopfer sind.“ Besonders gefreut hat den Theatermann, dass einige Jugendliche der Scheeßeler Eichenschule privat die Gelegenheit genutzt haben, sich das im Unterricht behandelte Thema auf diese Weise zu vergegenwärtigen. Andere Schulen der Region nutzten die einmalige Gelegenheit und besuchten die gestrige Schülervorstellung, um ihren Schützlingen dieses Kapitel deutscher und Weltgeschichte ebenso kompakt wie eindrucksvoll näher zu bringen.

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