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Alle Campus-Zimmer belegt

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Von: Guido Menker

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Dorothee Clüver (l.) und Cornelia Höck haben die Betreuung der Flüchtlinge auf dem Campus im Griff.
Dorothee Clüver (l.) und Cornelia Höck haben die Betreuung der Flüchtlinge auf dem Campus im Griff. © Menker

Alle auf dem Campus Unterstedt zur Verfügung stehenden Zimmer sind inzwischen wieder belegt. Knapp 70 Flüchtlinge leben zurzeit in der vom Diakonissen-Mutterhaus betreuten Unterkunft. Die Menschen kommen aus Syrien, Nord-Mazedonien, Somalia, Kolumbien und Irak – in der Mehrheit sind es allerdings Frauen, die mit ihren Kindern vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet sind, sagt Cornelia Höck, die auf dem Campus mit Dorothee Clüver die organisatorischen Fäden in der Hand hat.

Rotenburg – Cornelia Höck steht eigentlich mächtig unter Strom, wie sie selbst sagt. Und doch nimmt sie sich Zeit, um über den aktuellen Stand der Dinge zu sprechen. „Alle Ukrainer befinden sich jetzt in der Grundsicherung und haben eine Krankenversicherung.“ Es geht also voran. Darüber hinaus haben die Frauen ihre Termine für einen Test, der einem Integrationskurs vorausgeht, der dann nach den Sommerferien in Kooperation mit der Volkshochschule (VHS) Rotenburg starten soll.

Es geht voran, und es entsteht der Eindruck, als sei den Geflüchteten aus der Ukraine klar, dass eine Rückkehr in ihre Heimat vorerst kaum realistisch erscheint. „Ja, das ist ihnen klar, auch wenn sie nach ihrer Ankunft eigentlich gedacht haben, sie könnten schnell wieder zurück“, sagt Höck. Sie stelle jedoch fest, dass diese Menschen nicht in ein schwarzes Loch fielen, sondern ihr Leben in die Hand nehmen. Sie seien aktiv und bemühten sich, hier Fuß zu fassen.

Dieses bemühen allerdings wird punktuell ausgebremst. Die Frauen sind eigentlich auf die Betreuung ihrer Kinder unter sechs Jahren angewiesen. „Keine von ihnen hat bislang jedoch einen Kita-Platz bekommen“, erklärt Höck die schwierige Lage. Die Frauen sprechen sich ab, damit zumindest ein paar Freiräume entstehen. Doch mitunter löst das nicht das Problem.

Cornelia Höck berichtet von einer jungen Mutter, die im August eine Berufsausbildung starten könnte. „Das setzt aber voraus, dass wir einen ganztägigen Betreuungsplatz für ihr Kind finden.“ Danach sehe es zurzeit jedoch nicht aus. Auch dann, wenn die Integrationskurse beginnen, könnte es von Fall zu Fall schwierig werden. Höck: „Da muss schon bald eine Lösung her.“ Die Einrichtung einer Gruppe auf dem Campus sei so nicht möglich. Man stoße an Grenzen, für die die Vorschriften in Sachen Kinderbetreuung sorgten. Immerhin: Einmal in der Woche nimmt sich eine Ehrenamtliche der Kleinen an.

Doch dieses Angebot befinde sich noch in den Kinderschuhen. Es gibt also noch viel zu tun, um den Geflüchteten ein so angenehmes Leben wie möglich bieten zu können. Cornelia Höck stellt jedoch fest, dass sie von sich aus viel unternehmen, um sich eine Perspektive zu schaffen für die Zeit in Deutschland, von der sie eben nicht wissen, wann sie endet. „Sie wollen Deutsch lernen, sie wollen arbeiten.“ Und zugleich planen sie für ihre Kinder die Zeit nach den Sommerferien. Die Mütter der älteren Schüler peilen für sie vielfach ganz zuversichtlich den Weg in die neue IGS-Oberstufe an.

Für die Kinder im Vorschulalter bietet immerhin das Außengelände mehr und mehr Möglichkeiten an, eine gute Zeit im Freien zu verbringen. Das gilt auch für die Erwachsenen. Ein kleiner Grillplatz steht mittlerweile bereit, es gibt eine Tischtennisplatte, Sitzgelegenheit und viel Platz zum Spielen und Toben. Nicht zuletzt durch Spenden ist das alles möglich geworden, betonen die beiden Damen, die auf dem Campus den Laden schmeißen.

„Es war am Anfang natürlich mehr, aber wir erhalten immer wieder neue Angebote“, sagt Höck. Kleidung für die warme Jahreszeit und auch Kleinmöbel seien durchaus gefragt. Wer etwas anbieten möchte, sollte sich allerdings die Mühe machen und vorher eine telefonische Anfrage stellen. Höck: „Dann können wir alles genau absprechen.“ Eine Familie werde schon bald den Campus verlassen und in eine eigene Wohnung ziehen. Für einen solchen Fall seien natürlich einige Dinge zur Ausstattung der Wohnung erforderlich.

Die Stimmung auf dem Campus sei nicht nur gut, wie Höck und Clüver feststellen, sondern inzwischen auch wieder ruhiger. Die Aufregung der ersten Tage nach der Flucht aus den Kriegsgebieten in der Ukraine habe sich gelegt. „Die Frauen aus der Ukraine sind wirklich sehr stark und nehmen ihr Leben in die Hand.“ Und doch sei zu spüren, wie sehr sie immer wieder Gespräche brauchten, um das Erlebte zumindest mal loswerden zu können. „Wir fangen da einiges auf, und das tut ihnen gut.“ Für Ablenkung sorgten Unternehmungen – einige der Frauen möchten am Wochenende zu den „Fogelvreien“, aber sie wünschen sich auch kulturelle Besuche in Hamburg oder Bremen. Deshalb sei bei den Campus-Bewohnern das Neun-Euro-Ticket sehr begehrt. „Wichtig ist immer nur, dass sie informiert sind über das, was läuft“, berichtet Höck. Dabei helfe nicht zuletzt eine „WhatsApp“-Gruppe. Dorothee Clüver indes will schon bald eine Stadtführung in Rotenburg anbieten. Einen Termin gibt es noch nicht.

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