Mehr Pragmatismus, Kommunikation und Flexibilität gefordert

Corona-Krisenmanagement des Landkreises Oldenburg in der Kritik

Maskenpflicht auf der Huntestraße: Die Wirtschaft leidet stark unter den Einschränkungen.
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Maskenpflicht auf der Huntestraße: Die Wirtschaft leidet stark unter den Einschränkungen.

Wirtschaftsvertreter aus Wildeshausen sind enttäuscht vom Corona-Krisenmanagement des Landkreises Oldenburg. Sie fordern mehr Pragmatismus, Kommunikation und Flexibilität ein.

  • Wirtschaftsvertreter ärgern sich über das strikte Festhalten des Landkreises Oldenburg an der Corona-Verordnung.
  • Es wird mehr Pragmatismus, Kommunikation und Flexibilität eingefordert und auf andere Landkreise verwiesen.
  • Auch der Umgang mit der Belegschaft fleischverarbeitender Betriebe stört die Wirtschaftsvertreter.

Die Mittelstandsvereinigung Wildeshausen (MIT) sowie der Handels- und Gewerbeverein (HGV) kritisieren das Corona-Krisenmanagement des Landkreises Oldenburg. Die Verbände wünschen sich mehr Pragmatismus im Umgang mit den Corona-Regeln, ein höheres Maß an Kommunikation statt nur Kontrolle und vor allem das Zulassen von alternativen Wegen.

Dass es weiterhin Beschränkungen geben müsse, solange die Impfungen nicht flächendeckend Wirkung zeigen, ist für die Wirtschaftsvertreter dabei klar. Sie machen deutlich, dass sie die Situation nicht verharmlosen: „Auch uns bereiten die steigenden Fallzahlen große Sorgen, und sicherlich geht es hier nicht um Schuldfragen. Dafür ist die Situation zu ernst. Ziel ist, die Pandemie in den Griff zu bekommen, damit die Intensivstationen einsatzfähig bleiben.“

Starres Festhalten an Regeln

Konkret werfen die Wirtschaftsvertreter dem Landkreis eine „offensichtlich unverhältnismäßig strenge Umsetzung der aktuellen Coronaverordnungen des Landes“ vor. „Man bekommt bereits seit geraumer Zeit den Eindruck, vieles im Landkreis Oldenburg scheint nicht zu gehen, was in anderen Landkreisen mit dem notwendigen Augenmaß funktioniert“, heißt es in der Mitteilung, die am Donnerstag an die Presse ging.

Bei vielen Unternehmern sei inzwischen der Eindruck entstanden, dass „ein lösungsorientiertes Arbeiten, gerade mit betroffenen Unternehmen und Geschäften, nicht stattfindet“, so der MIT-Vorstand, der sich mit dem HGV abgestimmt hat. Dies zeige sich nicht zuletzt in dem Brief des Euronics-Geschäftsführers Dennis Böseleger an den Landkreis Oldenburg. Wie berichtet, hatte er auf das Beschwerdeschreiben keine Antwort erhalten. „Beschwerden oder Kritik, die wie im Fall Böseleger oder des HGV direkt an den Landrat gerichtet werden, prallen scheinbar ergebnislos ab – es wird nicht reagiert oder einfach auf Landesverordnungen verwiesen“, ärgern sich die Wirtschaftsvertreter.

Gerade der örtliche Fachhandel leidet stark unter den Einschränkungen, während zum Beispiel Lebensmittelmärkte weiterhin öffnen dürfen und dabei durchaus auch Waren wie Staubsauger, Pfannen und Kleidung verkaufen. Für den Fachhandel stelle sich die Frage, „warum die Gefahr bei einem Kunden auf 40 Quadratmetern offenbar größer ist als in Sonderposten- und Drogeriemärkten, die mit gleichem Sortiment gar keinen Beschränkungen unterliegen, beziehungsweise dort ein Kunde auf zehn Quadratmetern zulässig ist“.

Keine mutigen Entscheidungen

MIT und HGV wünschen sich mehr Initiative aus den Verwaltungen. „Gerade jetzt, in einer der größten Krisen unseres Landes, brauchen wir eine starke und engagierte Führung in den Verwaltungen von Landkreis und Stadt, die sich eben nicht hinter dem ,Klein-Klein‘ einer Landesverordnung verstecken, sondern auch mutig eigene Entscheidungen treffen“, fordert der MIT-Vorstand. „Und Entscheidungsspielräume bestehen. Dies zeigt sich eindeutig in den unterschiedlichen Regelungen der Nachbar-Landkreise.“

Wie berichtet, war es zum Beispiel im Januar bei Euronics im Landkreis Diepholz möglich, die Telefonabteilung für Kunden zu öffnen. In Wildeshausen hatte die Kreisverwaltung das untersagt. Die MIT nennt mit dem Wohnmobil-Dinner, das im ehemaligen „Obby‘s“ in Rechterfeld angeboten wurde, ein weiteres Beispiel. „Während im Landkreis Vechta diese sichere Form der minimalen Aktivierung der heimischen Gastronomie auch behördlich unterstützt wird, erhalten Gastronomen unseres Landkreises nur Absagen für ihre Konzepte“, heißt es in der Mitteilung. Angefangen bei der Führung, seien hier auch die Beteiligten des Ordnungsamtes und des Gesundheitsamtes gefragt, „nicht nur den Amtsschimmel zu reiten, sondern lösungsorientierte Wege zu gehen und diese auch zuzulassen“.

Modellkommune

Die Wirtschaftsvertreter ärgern sich zudem, dass die Bewerbung der Stadt als Modellkommune für Lockerungen nicht zustande gekommen ist. An dem Konzept hätten Vertreter aus verschiedenen Bereichen in zahlreichen Videokonferenzen gearbeitet. All die Mühe der Beteiligten sei letztendlich umsonst gewesen. „Bürgermeister, Stadtmarketing, Malteser und Vertreter aus Gastronomie, Handel und Freizeit hatten in enger Zusammenarbeit ein großartiges Bewerbungskonzept erstellt, welches dann direkt im Keim vom Landkreis und dem Gesundheitsamt, mit dem Hinweis auf die aktuell hohen Inzidenzen, erstickt wurde“, kritisiert der MIT-Vorstand.

„Selbst wenn die Aussicht auf Erfolg nicht hoch erschien – so wäre eine Bewerbung auch ein Zeichen des guten Willens gewesen. Vielleicht sogar das Zeichen, was die gebeutelten Unternehmen gebraucht hätten“, heißt es weiter. „Übrigens auch ein Fall, bei dem Nachbarkreise anders gehandelt haben und zumindest positive Zeichen setzen konnten. Auch wenn deren Bewerbungen keinen direkten Erfolg hatten.“

Kommunikation

In diesen schwierigen Zeiten sollte es um ein Miteinander gehen, findet der MIT-Vorstand. Der Kontakt der Verantwortlichen zu den betroffenen Unternehmen und Geschäften müsse aktiv gesucht werden. Der Landrat habe sich in diesem Bereich zu wenig engagiert. „Die bisherige Informationspolitik des Landkreises ist augenblicklich –milde gesagt – nicht optimal. Das hat der Landrat inzwischen selbst eingestanden. Einsicht ist bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Wir hoffen darauf“, so die MIT.

Fleischverarbeitende Industrie

In Bezug auf den Infektionsschwerpunkt in der fleischverarbeitenden Industrie wünschen sich die Wirtschaftsvertreter gezielte, ordnungsbehördliche Maßnahmen, um die „offenkundige Überbelegung von marodem Wohnraum“ zu unterbinden. Das sei sicherlich sinnvoller als eine allgemeine Ausgangssperre.

Landrat Carsten Harings nimmt Stellung zu der Kritik:

Landrat Carsten Harings hat kurz nach dem Bekanntwerden der öffentlichen Kritik wie folgt Stellung zu dem Schreiben der Wirtschaftsverbände genommen: „Der für mich normale Weg wäre gewesen, dass die MIT ihren recht weit ausholenden ,Beschwerdebrief´ zumindest parallel auch mir hätte zukommen lassen. Dies ist bis dato nicht geschehen. Offenbar hat die MIT ausschließlich den Weg zur Presse gesucht. Das ist kein guter Stil und ich beabsichtige nicht, mich auf diese Art der Kommunikation einzulassen. Die an so mancherlei Stellen subjektiven und wenig bis gar nicht umsetzbaren Interpretationen von einer Landesverordnung, Abläufen, Geschehnissen und Zusammenhängen möchte ich daher weder bewerten noch kommentieren.
Unverändert sind wir bestrebt, jedem der sich an uns wendet baldmöglichst eine adäquate Antwort zukommen zu lassen. Wenn das hier in einem konkreten Einzelfall noch nicht geschehen ist, ist das bedauerlich, aber wegen einer Vielzahl von Anfragen auch leider nicht gänzlich auszuschließen. Mir selbst ist es schlechterdings nicht möglich, auf die seit Monaten konstant eingehende Fülle von Anrufen, Briefen und E-Mails aus dem gesamten Kreisgebiet jeweils persönlich zu antworten.“

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