Interview mit Landrat Carsten Harings über den Verlauf der Coronakrise

„Wir befinden uns im Krisenmodus“

„Fokussiert auf die Krise“: Landrat Carsten Harings.

Wildeshausen/Landkreis – Die vergangenen Wochen waren in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung für den Landkreis Oldenburg – die Coronakrise prägte seit Mitte März einen komplett neuen Alltag. Sorgen und unerwartete Umstellungen, Nöte und auch Ängste trieben und treiben die Menschen um. Wie bedrohlich die Situation war, zeigte sich unter anderem im Seniorenheim Atrium am Wall. Erfahrungen mit vergleichbaren Szenarien gab es nicht. Die Verwaltung des Landkreises muss viel eigenverantwortliches Krisenmanagement beweisen und nicht nur Anweisungen der Landesregierung aus Hannover umsetzen. Auch das ist eine noch nicht da gewesene Situation für die Mitarbeiter des Kreishauses und ihren Chef, Landrat Carsten Harings. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über die vergangenen Wochen und über seine Perspektive für die kommende Zeit. Die Fragen stellten Katia Backhaus, die den Text auch aufgeschrieben hat, und Gero Franitza.

Wie geht es Ihnen? Wann war Ihr letzter freier Tag?

Wie es mir geht, darüber werde ich in den nächsten Wochen mal nachdenken. Wir befinden uns im Krisenmodus und da ist man schlichtweg fokussiert auf die Krise und auf das, was ansteht. Der letzte freie Tag? Ich müsste in den Kalender gucken. Ich hatte drei Tage frei nach Weihnachten, so um die Jahreswende herum.

Seit Wochen ist die Arbeitsbelastung in der Landkreisverwaltung außergewöhnlich hoch. Wie gehen Sie als oberster Chef damit um?

Es vergeht kein Wochenende, und das seit vielen Wochen, wo wir hier nicht mit etlichen Kollegen unsere Arbeit machen. Die Arbeitsbelastung ist hoch, das stimmt. Aber wir kommen nicht daran vorbei, die Herausforderungen anzunehmen. Da gibt es keine Alternative, als sie anzunehmen, anzupacken und zu bewältigen. Ich nehme ohnehin, auch in „normalen“ Zeiten, einen ganz tollen Zusammenhalt der Verwaltung wahr. Da bedarf es nahezu keiner zusätzlichen Motivation. Ich will an dieser Stelle ausdrücklich sagen: Da bin ich ein Stück weit stolz und dankbar, und auch froh, Chef einer solchen Kreisverwaltung zu sein. Selbstverständlich richte ich regelmäßig auch ein paar Worte an die Belegschaft, in Rundschreiben an die Mitarbeiter oder an die Führungsebene.

Was passiert denn am Wochenende für eine Arbeit im Kreishaus?

Eine ständige Aufgabe ist die Aufrechterhaltung des Bürgertelefons. Und dann gibt es natürlich auch zum Wochenende hier Ergebnisse von Abstrichen, die am Freitag oder am Donnerstag genommen wurden. Mit diesen Ergebnissen muss man umgehen. Da kann man nicht bis zum Montag warten, bis man den Menschen in Quarantäne versetzt.

Kommt nach Wochen des Stillstandes im Publikumsverkehr nun eine Arbeitswelle auf die Behörden zu? Wie sieht es in den einzelnen Ämtern aus – insbesondere dem Gesundheitsamt?

Es gab keinen Stillstand: Wir haben uns fokussiert auf die Aufgaben, die dringlich waren. Das, was wir daneben gemacht haben, war eine deutliche Einschränkung des Besucherandrangs. Jetzt haben wir uns auch für alle Aufgaben wieder geöffnet. Bürger können alles wieder an die Kreisverwaltung herantragen, alles wird bearbeitet. Das wird naturgemäß noch einen gewissen Mehraufwand bedeuten, aber das werden wir in absehbarer Zeit bewältigt haben.

Was die Kundenkontakte angeht, die bleiben vorerst eingeschränkt. Wir kommunizieren viel auf anderen Wegen. Wir haben, da halte ich es mit der Kanzlerin, einen erfreulichen, aber auch nur einen Zwischenstand erreicht. Wir dürfen nicht nachlassen, wir müssen diszipliniert bleiben. Sonst reißen wir uns selbst wieder ein, was wir uns in mühsamer Arbeit aufgebaut haben. Das Gesundheitsamt ist darauf eingestellt, dass die Pandemie uns noch längere Zeit begleiten wird. Das ist eine ganz nüchterne epidemiologische Feststellung: Das Virus ist da. Wir haben es ja nicht beseitigt, wir haben nur die Infektionsketten durchbrochen. Das Gesundheitsamt haben wir auch im niedrigen zweistelligen Bereich mit Mitarbeitern aus der übrigen Verwaltung verstärkt.

Neue Verordnungen des Landes kommen regelmäßig, teilweise kurzfristig, und haben erheblichen Einfluss darauf, wie der Landkreis handeln darf und was er regeln muss. Was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie ein noch unbekanntes Dokument im Posteingang sehen?

Mein erster Gedanke ist: Neue E-Mail, die muss ich lesen. Das ist eine nüchterne Feststellung. Es ist schon eine ziemlich große Informationsflut, die man Tag für Tag bewältigen muss – auch am Wochenende. Manches kommt schon ein Stück weit überraschend. Manches überrascht auch inhaltlich. Da würde ich mir bisweilen eine bessere Kommunikation wünschen. Denn schlussendlich arbeiten wir alle, ob nun auf Landes- oder auf kommunaler Ebene, an der gleichen Sache.

Mit der bundesweiten Regelung, dass ab einer Zahl von 50 Infizierten pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche die Lockerungen wieder zurückgefahren werden sollen, fällt den Landkreisen eine große Verantwortung zu. Sie müssen dann im Zweifelsfall kommunizieren, dass Lockerungen zurückgenommen werden und sich den Bürgern stellen. Wie denken Sie darüber?

In der bundesweiten Betrachtung ist das Infektionsgeschehen in Deutschland regional sehr unterschiedlich. Ich denke schon, man darf und sollte, muss vielleicht sogar, diese Unterschiede dann auch betrachten und unterschiedlich würdigen und daran herangehen. Ich würde sagen: Die föderale Betrachtung hat sich bewährt – wenngleich mir die Lockerungen, die in diesem Föderalismus dann ausgesprochen werden, mitunter noch ein bisschen zu schnell gehen. Die Fokussierung auf Landkreise und kreisfreie Städte ist zugegebenermaßen recht kleinteilig. Ich hinterfrage auch, ob ein wieder aufflammendes Infektionsgeschehen an den Stadt- oder Kreisgrenzen halt macht. Am Ende bleibt es aber für uns und den öffentlichen Gesundheitsdienst dieselbe Aufgabe, die wir bisher schon erfüllt haben: Das Infektionsgeschehen bekämpfen und eindämmen.

Sie sagen es: Das Virus überschreitet die Landkreisgrenzen. Wie sieht die Zusammenarbeit mit den benachbarten Städten und Landkreisen aus?

Wir sind im ständigen Austausch. Die Zusammenarbeit mit den Umlandkreisen im alten Oldenburger Land funktioniert hervorragend. Dasselbe gilt im Übrigen auch für die Kommunen im Landkreis Oldenburg. Und auch für andere befreundete Behörden wie die Polizei.

Sie sind nun Manager einer globalen Katastrophe auf lokalem Raum geworden. An was haben Sie für diese neue Aufgabe anknüpfen können – gab es Krisenpläne, berufliche oder persönliche Erfahrungen, die Ihnen im Moment helfen?

Wir hatten während meiner Amtszeit seit 2014 in der Tat die eine oder andere Krise zu überwinden. Wir haben das immer hinbekommen mit einem großen Gemeinschaftsgeist. Hinter einem Krisenmanager steht auch immer ein erfahrenes Krisenteam. Das ist eine gute Grundlage, um auch dieser Krise Herr zu werden.

An welchem Punkt war die Coronakrise im Landkreis aus Ihrer Sicht bislang am kritischsten?

Der kritischste Punkt in den vergangenen Wochen der Coronaviruspandemie war für mich persönlich der Beginn des Geschehens. Da hatten wir es mit Szenarien zu tun, die es nicht ausschließen ließen, dass das deutsche Gesundheitssystem überlastete werden könnte. Wir alle haben noch die Bilder aus Italien, aus Spanien, aus New York im Kopf. Das war für mich das wahre Horrorszenario, das ich hier in Deutschland nicht sehen wollte. Das haben wir Gott sei Dank vermeiden können.

Aber ich sage auch an dieser Stelle noch einmal: Wir müssen wachsam bleiben. Das Virus ist da und es wird uns weiter begleiten. Das Risiko ist da. Umso weniger Verständnis habe ich auch für das, was ich in jüngster Zeit in den Medien sehe, Tausende, die zum Beispiel in Stuttgart demonstrieren. Jenseits der für mich völlig absurden und abstrusen Gedanken: Diese Menschen gefährden sich selbst, gefährden die Gesundheit ihrer Nachbarn und schlussendlich auch das Leben von Menschen.

Viele Bürger sind offenbar unzufrieden mit den zuvor getroffenen Regelungen und Schutzmaßnahmen – haben Sie auch im Landkreis von dieser Kritik mitbekommen?

So breit aufgestellt habe ich hier noch keine größere Diskussion wahrgenommen. Was ist, und was bleibt, sind Diskussionen über einzelne Themenkomplexe. Ich erinnere mich an heftige Diskussionen, was die temporär geschlossenen Wertstoffhöfe angeht. Da bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich ein so gravierender Einschnitt war in einer Zeit, wo wir noch heftig gekämpft haben um die Gesundheit unserer Bevölkerung. Da meine ich, es ist vertretbar, wenn es vorübergehend mal nicht möglich ist, seinen Grünschnitt loszuwerden. In dieser Phase wurden die Kollegen aus dem zuständigen Amt einmal mehr zum Teil in sehr übler Weise beschimpft am Telefon. Das fand ich unangemessen.

Ganz aktuell haben wir natürlich eine durchaus auch emotional geführte Diskussion um die Öffnung der Kindertagesstätten. Das kann ich auch verstehen. Die Eltern haben sich jetzt schon längere Zeit einschränken müssen, mussten Kompromisse eingehen, um alles unter einen Hut zu bringen. Aber im Moment steht der Infektionsschutz eben noch im Vordergrund. So steht es auch in der Verordnung des Landes, auch wenn mitunter etwas anderes verlautbart wird. Die Erfolge, die wir uns alle miteinander erarbeitet haben, sind unverändert fragil. Ich kann da nur an das Verständnis appellieren, das noch ein bisschen zu erdulden. Die Mitarbeiter unseres Jugendamtes und die Kollegen der Gemeinden sind jedenfalls die Falschen, die den Unmut abbekommen. Sie setzen nur die Vorgaben des Landes um.

Gibt es denn auch Lob?

Ja, das kommt vor. Es gab solche Momente, wo ich am Telefon oder per E-Mail anerkennende Worte entgegennehmen durfte für die Arbeit der Kreisverwaltung. Das freut einen, das baut einen auf, und das motiviert auch die Kollegen.

Wie viele Corona-Tests sind in den vergangenen Wochen durchgeführt worden?

Für den Zeitraum vom 18. März bis zum 14. Mai hat das Gesundheitsamt 790 Abstriche genommen. Im Testzenrum Wildeshausen wurden in derselben Zeit 1 066 Abstriche genommen. Nicht mit eingerechnet sind die Testungen in Hausarztpraxen und im Krankenhaus. Wir nähern uns außerdem mittlerweile fast 1 000 ausgesprochenen Quarantänemaßnahmen.

Ist der Landkreis für eine mögliche „zweite Welle“ an Infektionen gewappnet, wenn ja, wie?

Unser generelles Handeln hat zum bisherigen Erfolg geführt. Und das wird auch die Maxime unseres Handelns für eine mögliche zweite Welle sein. Unser Handeln war darauf ausgerichtet, dass wir jeden Verdachtsfall überprüft haben, sehr konsequent die Kontaktpersonen ersten Grades identifiziert haben und unter Quarantäne gestellt haben. Das würde selbstverständlich auch im weiteren Jahresverlauf gelten. Natürlich kann man eine zweite Welle nicht ausschließen, das hängt von vielen Faktoren ab. Da muss man wachsam bleiben.

Also gibt es nichts, was Sie bei einer erneuten Infektionswelle anders machen wollen würden?

Nein. Wir sind gemeinsam der Auffassung, dass unsere Arbeit gut und erfolgreich war.

Wie ist der Stand mit dem Verfahren bezüglich des Atriums?

Ich bin zunächst froh, dass es uns gelungen ist, durch klare Entscheidungen und Maßnahmen die weitere Entwicklung noch halbwegs in Grenzen zu halten. Ich betone aber, die ausdrücklich bedauerlichen und beklagenswerten sieben beziehungsweise – wenn man den ersten Patienten aus der Kurzzeitpflege dazu zählt – acht Todesfälle ist jeder einzelne zuviel. Und ich bin auch froh, dass alle Bewohner mittlerweile in die vertraute Umgebung zurückverlegt werden konnten. Die Pflegekräfte haben da einen guten Job gemacht. Was alles andere und den Stand des Verfahrens angeht, sind Polizei und Staatsanwaltschaft Herren des Verfahrens, dem kann und darf ich nicht vorgreifen. Aber ich vermisse schon eine kritische Selbstreflexion manch anderer einzelner Akteure.

Der politische Sitzungsbetrieb ruht seit knapp zwei Monaten. Wie denken Sie als Politiker darüber?

Nach meiner Überzeugung lebt die kommunale Ebene von einem guten Miteinander von Haupt- und Ehrenamt. Das musste jetzt eine Zeit lang zurückstehen, aber es geht jetzt in Kürze wieder los. Natürlich gibt es Sachen, die man nur gemeinsam mit der Politik besprechen und entscheiden kann. Und das ist, wenn man nicht persönlich zusammenkommt, natürlich schwieriger. Das versuchen wir seit einigen Wochen in wöchentlichen Telefonkonferenzen. Jeden Montag findet eine Telefonkonferenz mit den Fraktionsspitzen statt. Das kann aber natürlich eine normale Sitzung nicht ersetzen, auch eine politische Diskussion nicht. Das soll Anfang Juni wieder losgehen. Dann wird die politische Arbeit durchstarten können.

Repräsentative Aufgaben fallen derzeit nahezu komplett weg. Haben Sie den Eindruck, dass Sie sich dadurch von den Menschen entfernen?

Ich bin sicher: Wir werden uns wiedererkennen, wenn wir uns dann wieder treffen. Im Moment ist es in der Tat so, dass unsere Arbeit anders fokussiert ist. Aber auch diese Arbeit machen wir ja für die Menschen. Es fehlt mir ein Stück weit, ja. Ich sehe aber auch ein und akzeptiere, dass es im Moment nicht anders geht. Man muss sich fokussieren, um die Krise zu überwinden, und dann muss man an anderen Stellen Abstriche machen – so wie die Menschen auch ihre Abstriche machen müssen. Und wenn wir das auf allen Seiten tolerieren, kommen wir auch gemeinsam zu einem guten Ergebnis. Und dann kommen wir auch wieder zusammen.

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