Vom „Spätzünder“ zum Stadtbrandmeister

Wildeshausens Stadtbrandmeister Helmut Müller über seinen Werdegang und Abschied vom Amt

Haben zugenommen: Schwere Unfälle mit Lastwagen auf der A 1 gehören fast schon zum Alltag der Wildeshauser Feuerwehr. Archiv
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Haben zugenommen: Schwere Unfälle mit Lastwagen auf der A 1 gehören fast schon zum Alltag der Wildeshauser Feuerwehr.

Wildeshausen – Der Stadtbrandmeister in Wildeshausen hört auf. Im Interview berichtet Helmut Müller, durch welchen Zufall er zur Feuerwehr kam, wie sich die Arbeit über die Jahrzehnte verändert hat und warum er nicht mehr weitermachen möchte.

Herr Müller, Sie hören als Stadtbrandmeister auf. Wann und warum sind Sie überhaupt zur Feuerwehr gegangen?

Ich bin am 27. März 1982 eingetreten und feiere bald mein 40-jähriges Dienstjubiläum. Mein Bruder Werner wollte damals zur Feuerwehr und da sagte ich ihm „Bring doch ein Anmeldeformular mit“. Ich war damals ja schon 23.

Also fast schon ein Spätzünder, was die Feuerwehr angeht. Wie ist denn Ihr beruflicher Werdegang?

Ich bin gelernter Kfz-Mechaniker, bei Opel Denker an der Harpstedter Straße. Nach der Ausbildung habe ich meinen Meister gemacht und bin 1986 in den Autoverkauf gewechselt. Später bin ich dann zu einem Autohaus in Emstek gegangen. Und in anderthalb Jahren gehe ich in Rente.

Sie sind jetzt 62. Welche Rolle spielte Ihr Alter bei der Entscheidung, jetzt aufzuhören? Ihre Amtszeit läuft ja eigentlich noch drei Jahre.

Ich habe bei der Wahl vor drei Jahren schon gesagt, dass ich nur noch eine halbe Amtszeit machen möchte, weil ich die Altersgrenze erreiche. Ich bin dann 26 Jahre lang Ehrenbeamter gewesen. Jetzt können es auch mal andere machen. Man trägt ja auch eine gewisse Verantwortung.

Was waren Sie denn, bevor Sie 2013 zum Stadtbrandmeister gewählt wurden?

Am 1. Dezember 1995 wurde ich zum stellvertretenden Ortsbrandmeister und am 1. Dezember 2001 zum Ortsbrandmeister gewählt.

Erklären Sie bitte mal: Wo liegt der Unterschied zwischen Orts- und Stadtbrandmeister?

Wir haben ja die Feuerwehr der Stadt Wildeshausen und die aus der Landgemeinde, die Feuerwehr Düngstrup. Als Ortsbrandmeister war ich für die Wildeshauser zuständig, als Stadtbrandmeister habe ich beide Feuerwehren unter mir.

Welche Aufgaben nehmen Sie als Stadtbrandmeister wahr?

Ich bin das Bindeglied zwischen der Feuerwehr und der Stadtverwaltung. Ich versuche, dem Rat und der Verwaltung zu erklären, was die Feuerwehr braucht, denn wir wollen ja keine goldenen Wasserhähne. Das ist ein ganz schöner Aufwand. Die Politik ist zwar in der Regel sehr aufgeschlossen, aber manchmal muss man Kompromisse schließen.

Da sitzen Sie ja oft zwischen den Stühlen, also den Forderungen aus der Feuerwehr und den Möglichkeiten und Mehrheitsverhältnissen in der Politik. Dabei denke ich zum Beispiel an den Neubau des Feuerwehrhauses in der Pagenmarsch, der letztlich sehr viel teurer wurde als veranschlagt.

Die Politik hat den Standort ausgewählt. Wir hätten uns auch andere Möglichkeiten wie den Parkplatz von Schröder an der Breslauer Straße vorstellen können.

Sie kriegen wahrscheinlich auch oft Beschwerden auf den Tisch.

Anwohnerbeschwerden zum Beispiel, wenn Kameraden angeblich zu schnell zum Feuerwehrhaus fahren, gab es immer. Bei Einsätzen sind viele Bürger sehr hilfsbereit. Manche meckern aber auch. Die Beschwerden haben schon zugenommen, aber insgesamt hält sich das noch im Rahmen. Vor allem als Ortsbrandmeister ging abends manchmal noch das Telefon, wenn es innerhalb der Feuerwehr ein Problem gab. Zum Beispiel beim Auszug aus dem alten Feuerwehrhaus in der Stadt. Viele wären gerne dort geblieben.

Das wäre wohl schwierig geworden angesichts der Anforderungen der Feuerwehr-Unfallkasse. Aber zurück zu Ihnen. Wenn ich es richtig verstehe, sind Sie damals eher zufällig zur Feuerwehr gekommen. Was war Ihr erster Einsatz?

Das weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich nichts Spektakuläres (lacht).

Und was war der erste Einsatz, an den Sie sich erinnern?

Da war ein Bauernhof in Glane, auf dem ein Gebäude abgebrannt war. Es war Winter, eiskalt. Das Wasser ist uns in den Schläuchen eingefroren. Und dann war da eine ältere Frau auf dem Hof, die uns alle in die Stube geholt hat. Wir waren draußen und wollten unsere nassen und dreckigen Klamotten wechseln. Aber sie hat uns hereingebeten und mit Glühwein und was weiß ich noch allem bewirtet.

Immer wieder sind Feuerwehrleute bei Unglücken dabei und müssen zum Beispiel tote Menschen aus Fahrzeugen bergen. Wie hat sich der Umgang damit im Laufe Ihrer Dienstzeit verändert?

Damals wurde man ins kalte Wasser geschmissen. Es hieß, fahr einfach mal mit. Das hat uns aber nicht geschadet. Und auf dem Rückweg hat einer so viel Schabernack gemacht, dass man abgelenkt war. Heutzutage ist die Herangehensweise anders. Man redet mehr mit den jungen Kameraden. Auch weil die Einsätze damals geringfügiger waren. Die schweren Unfälle auf der Autobahn, zum Beispiel mit Lastwagen, haben zugenommen.

Was schätzen Sie an der Feuerwehr?

Die Kameradschaft. Das blinde Vertrauen, das sich zu Anfang meiner Laufbahn aufgebaut hat.

Sind Sie eigentlich ehrgeizig? Aus Zufall wird man vermutlich nicht Stadtbrandmeister.

Das kam so nach und nach. Erst dachte ich, Hauptfeuerwehrmann zu werden, das wär‘ schon was. Dann wurde ich gefragt, ob ich stellvertretender Gruppenleiter werden möchte und auf Lehrgänge geschickt. Man wächst ja mit seinen Aufgaben, und die Wahlen zum Ortsbrandmeister und vorher zum Stellvertreter waren einstimmig. Ich habe also immer das Vertrauen der Mannschaft gespürt.

Dabei mussten Sie sicherlich auch unbequeme Entscheidungen treffen.

Ich bin manchen Leuten auch mal anständig auf die Füße getreten. Aber Gewitterluft bringt ja immer etwas Reines mit sich. Und ich kann es nicht jedem Recht machen.

Wie geht es für Sie weiter, wenn Sie in „Feuerwehr-Rente“ gehen?

Ich lasse erst einmal die Füße baumeln. Wenn meine Frau auch in Rente geht, wollen wir ein bisschen mehr reisen. Außerdem möchte ich wieder öfter Motorrad fahren. Meine Frau hat mir die ganze Zeit den Rücken freigehalten. Wenn ein Einsatz war, habe ich sie schon mal im Restaurant sitzen lassen.

Und wenn Sie dann nachmittags am Kaffeetisch sitzen und Sirenen-Alarm hören? Bleiben Sie dann still sitzen und essen Ihren Kuchen?

Natürlich bin ich dann neugierig, was da läuft. Das wird mich die erste Zeit sicher noch begleiten. Wahrscheinlich erfahre ich über meine zwei Söhne, die auch bei der Feuerwehr sind, etwas. Als Stadtbrandmeister rücke ich jetzt ja meistens auch nur bei größeren Einsätzen mit aus, aber die Kameraden kriegen das alles alleine geregelt.

Wegen Corona gab und gibt es bei der Feuerwehr Einschränkungen, unter denen die Kameradschaft leidet. Vermutlich auch Ihre Verabschiedung oder?

Ich wäre sehr gerne zum Abschluss an Himmelfahrt mit den Kameraden in die Lehmkuhle ausmarschiert. Da war ich immer mit dabei. Das wäre jetzt ein schöner Schlusspunkt.

Eine Frage habe ich noch: Warum sollte man zur Feuerwehr gehen?

Um anderen Menschen in der Not zu helfen und wegen der tollen Kameradschaft in der Feuerwehr. Es sind sämtliche Berufszweige vertreten. Man lernt viele unterschiedliche Menschen kennen. Aber man muss mit Ehrgeiz und Lust dabei sein. Nur die Uniform tragen zu wollen, das reicht nicht.

Stadtbrandmeister Helmut Müller

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