Größter Sohn der Stadt ist kaum ein Thema

Wildeshausen: Widukind wirkt wenig

An der Widukindstatue im Stadthaus: Professor Dr. Bernd Hucker und Tobias Alhelm (r.) mit seiner Masterarbeit.
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An der Widukindstatue im Stadthaus: Professor Dr. Bernd Hucker und Tobias Alhelm (r.) mit seiner Masterarbeit.

Wildeshausen – Der Name Wittekind oder Widukind taucht an einigen Stellen in Wildeshausen auf: Es gibt den VfL Wittekind, das Musikkorps Wittekind, den Wittekindgang in der Innenstadt, die Widukindhalle und eine Skulptur im Stadthaus, von der nur wenige wissen.

Doch der bekannteste und wohl bedeutendste Sohn des Ortes hat aktuell kaum Bedeutung für die hier wohnenden Menschen. Es gibt weder ein Museum noch einen Gedenktag. Schon gar nicht wird das Erbe des frühmittelalterlichen Sachsenherzoges touristisch oder in der Werbung genutzt.

„Wildeshausen vergibt eine Chance“

„Das ist bedauerlich und eine vergebene große Chance für Wildeshausen“, findet Tobias Alhelm aus Harpstedt. Der 32-Jährige hat seine Masterarbeit an der Universität Vechta mit dem Titel „Wildeshausen: Ein Erinnerungsort im Rahmen der Widukind-Überlieferung?“ vorgelegt und festgestellt, dass die Kreisstadt einen höheren Anspruch darauf hat, Widukindstadt genannt zu werden, als die Stadt Enger in Nordrhein-Westfalen. Diese aber nutzt die Erinnerung an Wittekind intensiv mit einem Museum sowie ständig neuen Publikationen. Und das, obwohl sie nur wenige historisch sicher belegbare Berührungspunkte mit dem Herzog hat, der von 777 bis 785 den Widerstand gegen Karl den Großen führte. Widukinds  Geburts- und Sterbedatum sind ebenso unklar wie der Ort, wo seine Familie zu Hause war.

Denkbar ist, so Alhelm, das Widukind viele Jahre in Wildeshausen ansässig gewesen ist. Möglicherweise wurde er auch hier geboren. Historisch belegt ist auf jeden Fall, dass seine Nachfahren hier lebten, denn Widukinds Enkel Graf Waltbert überführte im Jahr 851 unter anderem die Reliquie des Heiligen Alexander von Rom nach Wildeshausen und gründete danach das Kanoniker-Stift an der Stelle, wo heute die Alexanderkirche steht.

„Widukind ist ein leibhaftiger Held“

Alhelm interessiert sich schon seit Langem für Regionalgeschichte. Seine Bachelorarbeit schrieb er über den „Großen Brand“ in Harpstedt. Als sein Professor Dr. Bernd Hucker vor rund zwei Jahren in der Kreisstadt einen Vortrag über Widukind in Wildeshausen hielt, beschloss er, sich intensiv um das vielschichtige Thema zu kümmern. Schnell stellte er fest: „Wenn der Bürger in Wildeshausen an Widukind interessiert ist, muss er sich das Wissen erarbeiten. Dabei handelt es sich hier um große Geschichte mit lokalem Bezug.“

Auch Hucker sieht das so: „Der alte Adelssitz ist das Wertvollste, was Wildeshausen hier hat“, sagt er. „Es wäre klug – wenn man schon viel Wert auf die Urgeschichte legt – den Widukind als Endpunkt aufzunehmen. Der Widukind ist ein leibhaftiger Heros, während wir über die Menschen in der Urgeschichte gar nicht genau wissen, woher sie kamen.“

Wildeshausen könnte Widukinds Stammsitz gewesen sein

Alhelm hat in seiner 66 Seiten starken Arbeit zu den Sachsenkriegen, Widukinds Leben und zu seinen Nachfahren geforscht. Möglicherweise, so seine Annahme, hat ein Vorfahr von Widukind den Namen Wigald getragen, der sich später im früheren Namen Wildeshausens – Wigaldinghus – findet. Denkbar sei es zudem, dass die Arkeburg in der Gemeinde Goldenstedt eine Festung Widukinds war, während er Wildeshausen als Stamm- oder Hauptsitz nutzte und die Burg an der Hunte bewohnte.

Im vergangenen Jahrhundert, so Alhelm, wurde das Erbe Widukinds verschiedentlich genutzt. Die Nationalsozialisten versuchten, ihn in die Kette germanisch-deutscher Führer einzureihen, die gegen den „Niedergang des deutschen Volkes“ stritten. Im Juni 1934 gab es in Wildeshausen eine propagandistische Großveranstaltung.

Später, ab den 1960er-Jahren, war in den Medien vermehrt von der Wittekindstadt zu lesen. Es gab die Wittekind-Lichtspiele, Wittekind-Tanzturniere und einen Wittekindtaler. Die Symbolfiguren „Wicki“ und „Willibald“ warben für Wildeshausen, ab 1986 gab es regelmäßige Widukindschauen, und 1986 wurde die Widukindhalle eröffnet. Im Jahre 1990 wurde im Stadthaus die Statue „Wittekind auf der Hut“ eingeweiht.

Name Widukind wird kaum noch genutzt

Doch im Anschluss verschwand der Name immer mehr aus dem Gebrauch. „Warum das so ist, ließ sich leider nicht abschließend klären“, so Alhelm. „Auffallend ist, dass der Interessenverlust kurz nach der Erhebung zur Kreisstadt im Jahr 1988 erfolgte.“ Selbst auf den Ortseingangsschildern sei der Begriff „Wittekindstadt“ verschwunden.

Der Harpstedter ist der Ansicht, dass sich Wildeshausen beim Thema Widukind wieder ins Rampenlicht befördern sollte. Wildeshausen könnte somit einem Zugewinn an historischer Identität, steigendem Tourismus und vielleicht sogar einer Stärkung der überregionalen Bedeutung entgegenblicken, so das Resümee von Alhelm, der per E--Mail an alhelm.t@web.de zu erreichen ist.  dr

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