Imker Harald Wulferding erklärt

Was die Biene im Winter macht

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Harald Wulferding war lange Jahre Vorsitzender des Imkervereins Wildeshausen und Hautflüglerberater des Landkreises Oldenburg. Sein Wissen gibt er gerne weiter, um Verständnis für die schwierige Situation der Bienen zu wecken.

Wildeshausen - Von Bettina Pflaum. Die meisten Vereine kämpfen um das Überleben, doch der Imkerverein Wildeshausen kann sich nicht beklagen: Er verzeichnet derzeit einen großen Zulauf an neuen Mitgliedern in allen Altersgruppen. Darüber freut sich der Ehrenvorsitzende Harald Wulferding sehr, denn: „Ohne die Biene hat auch der Mensch wahrscheinlich keine Zukunft“, prognostiziert er.

Von Anfang der 1990er-Jahre bis 2013 stand er dem Verein selbst aktiv vor, seit mehr als 30 Jahren ist er nun Imker. In der Rubrik „Kopf der Woche“ berichtet er über das wundersame Staatenleben der wichtigen Insekten, erzählt, mit welchem Trick sie die Wintertemperaturen überleben und möchte angesichts des Artensterbens mit Fakten aufrütteln.

Wulferding kam im Januar 1941 in Wildeshausen zur Welt, wie schon sein Vater und sein Großvater. An der Landskrone, nahe der Hunte, wuchs er auf. „Nach vorne ging es in die Stadt, und hinten begannen die Marschwiesen. Wir hatten einen Hof mit einigen Tieren“, blickt er zurück. 

Nach seiner Schulzeit begann er eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker und arbeitete im Anschluss bis zu seinem Ruhestand vor rund zehn Jahren als Maschinenschlosser im Bereich Trinkwasseraufbereitung im Wasserwerk Wildeshausen beim Pestruper Gräberfeld. 

Bei der Hochzeit seines Cousins im Jahr 1966 lernte er seine zukünftige Gattin kennen, eine Frau aus Bühren. Sie war die Trauzeugin der Braut – und er der Trauzeuge des Bräutigams. Zwischen den beiden sprang der Funke im Laufe der Feier über. 1968 kam eine Tochter zur Welt, 1971 ein Sohn.

An der Natur interessiert seit Kindertagen

Schon als Kind interessierte er sich für die Natur und die Lebewesen, Biologie war sein Lieblingsfach in der Schule. „Ich züchtete damals Brieftauben“, berichtet er. Auch als erwachsener Mann war ihm die Natur immer nahe. Er dachte darüber nach, Bienen zu halten. „Meine Frau Brigitte war aber zunächst dagegen“, blickt er zurück. Mitte der 1980er-Jahre, die Kinder waren schon groß und das Leben verlief in ruhigeren Bahnen, versuchte er einen neuen Vorstoß und bekam das „Ok“. 

Er nahm Kontakt zu dem Imkerverein Wildeshausen auf, mit zwei Bienenvölkern auf dem Grundstück der Familie am Katenbäker Berg fing er 1988 dann an. „Damals war das eine Beschäftigung von Rentnern – im Gegensatz zu heute. Jetzt haben wir viele jüngere Imker im Verein, auch Frauen“, zeichnet er den Wandel der Zeit nach.


„Die erste Zeit war sehr spannend“, erinnert er sich an seine Anfänge. „Das geht allen Neu-Imkern so. Wir sagen ihnen bei den Schulungen im Verein immer, dass sie mit zwei Völkern anfangen sollen. Eines zum In-Ruhe-Lassen und arbeiten, denn Bienen wollen möglichst ungestört sein. Und ein zweites zum Beobachten. Junge Imker wollen natürlich beobachten, was ihre Tiere im Stock tun. Das tut dem Volk aber überhaupt nicht gut – oft überlebt es die Neugier nicht“, teilt er mit. 

Ziemlich schnell stockte er seinen Bestand auf 20 Völker auf und baute in der Nachbarschaft auf einem größeren Grundstück ein neues Haus. Heute hält er seine Bienen nicht mehr dort, sondern auf geschützten Plätzen in der näheren Umgebung. Zunächst trug er volle Schutzkleidung, wenn er sich den Stöcken näherte. Heute hat er nur noch einen Smoker dabei.

Bei Kälte bildet das Volk eine Kugel

Wie schaffen es seine Tiere nun, durch den Winter zu kommen? „Ein Volk besteht in der kalten Jahreszeit aus 8000 bis 10.000 Exemplaren. Die überwintern gemeinsam in ihrem Wabenbau, sie haben einen Futtervorrat und sitzen ganz eng als Kugel zusammen. Die äußeren Tiere bewegen in raschem Takt ihre Flugmuskeln – man hört das als ein leises Brummen – und erzeugen so Energie. Wenn sie warm sind, gehen sie nach innen und geben ihre Temperatur dort ab. Die, die nun außen sind, übernehmen diese Aufgabe. So ist es im Inneren der Kugel immer 20 bis 25 Grad Celsius warm“, preist er diese kollektive Meisterleistung. 

Da Imker den Bienen einen Teil des gesammelten Honigs wegnehmen, füttern sie im Winter Haushaltszucker zu. „Das ist für die Bienen sogar besser. Denn Zucker hat im Gegensatz zu Honig keine Ballaststoffe, das heißt, der Darm der Biene – die diesen im Winter nicht entleert – ist dann nicht so voll“, erklärt er.

Ist der Frühling endlich da und können die Bienen erstmals hinaus, unternehmen sie daher zuallererst einen Reinigungsflug. „Gerne hinterlassen sie ihren Darminhalt auf hellem Untergrund“, sagt er schmunzelnd. Dann beginnt das Volk, zu wachsen. Schon im Vorfrühling beginnt das Brutgeschäft. Die Arbeiterinnen tragen Wasser und Nektar in den Stock ein, die Königin legt auf dem Höhepunkt ihrer Legeleistung im Mai pro Tag rund 1500 Eier ab. Die Arbeiterinnen bauen Waben mit Arbeiterinnen- und etwas größeren Drohnenzellen. 

Je nach Alter haben die Tiere verschiedene Aufgaben, die mit Präzision bewältigt werden. 20 bis 30 Zellen mit befruchteten Eiern werden mit Gelee Royal statt mit normalem Nektar gefüttert, daraus entstehen die neuen Königinnen. Nach neun Tagen wird die Zelle verdeckelt, nach 16 Tagen schlüpft die erste zukünftige Staatenführerin. Deren erste Aktion: Sie „tütet“, das heißt, sie sticht ihre noch nicht geschlüpften Nebenbuhlerinnen in den Zellen ab. 

Nach vier, fünf Tagen geht sie auf „Hochzeitsflug“ zu einer „Drohnensammelstelle“. Dort treffen sich alle frisch geschlüpften Königinnen und Drohnen – die männlichen Bienen – aller Völker, die in der Nähe hausen. Jede einzelne Königin paart sich mit bis zu 20 Drohnen, der Spermavorrat reicht ihr nun für ihr ganzes Leben, das bis zu fünf Jahre lang währen kann.

Kundschafterinnen besichtigen Wohnstätten

An dem Tag, an dem die Königinenzellen verdeckelt werden, zieht die alte Herrscherin, die „Weichsel“, mit einem Teil ihres Volkes ab. „Rund 20.000 Arbeiterinnen fliegen mit ihr auf der Suche nach einer neuen Immobilie umher und setzen sich zunächst irgendwo als Schwarm ab. Einige Kundschafterinnen besichtigen dann geeignete Wohnstätten“, schildert Wulferding anschaulich die Entwicklung und fügt hinzu: „Wenn der Imker das feststellt, versucht er natürlich, den Schwarm wieder einzufangen.“ 

Jedenfalls hat ein Volk im Sommer 60.000 bis 70.000 Exemplare. Die Arbeiterinnen werden nur 40 bis 45 Tage alt. Diejenigen, die im Herbst geboren werden, leben aber bis zum nächsten April und bauen das Sommervolk auf. Die Königin misst mit ihren Fühlern die millimetergenauen Zellen aus: In eine größere Zelle kommt ein unbefruchtetes Ei, daraus entwickelt sich eine Drohne, in die kleineren legt sie die befruchteten Eier. 


Im Spätsommer werden die Drohnen, die nun nicht mehr gebraucht werden zum Erhalt des Volkes, radikal aus dem Stock rausgeschmissen. „Im Bienenvolk wird nur Nützliches geduldet, es ist ein hocheffizientes System. Und die Drohne ist dann nur noch ein nutzloser Fresser“, erklärt der erfahrene Imker.

Gibt es am Ende des Sommers keine Tracht, also Nahrung, mehr, aber noch viele alte Arbeiterinnen, werden diese ebenfalls von den Wächtern nicht mehr in den Stock gelassen und verhungern. „Die abgestorbenen Bienen dienen dem Ökosystem wiederum als Nahrung“, weiß Wulferding. Fliegt eine Biene im Winter aus dem Stock, tut sie das, weil sie weiß, dass sie ihr Lebensende erreicht hat. Dann möchte sie das Volk nicht mit ihrem Kadaver belasten. So nimmt das Leben seinen Lauf. 

Viele Details über das Bienenleben

Im Gespräch berichtet er eine Fülle interessanter Details über das Leben der fleißigen Insekten. So fächeln die Arbeiterinnen den Nektar mit ihren Flügeln trocken und geben diesen von Mund zu Mund weiter. Ihren Honig wollen sie nicht gerne hergeben, daher gibt es im Bienenkasten einen oberen Bereich mit den Honigräumen und einen unteren Trakt, in dem die Königin mit den Ammenbienen lebt, die durch ein Sperrgitter getrennt sind. Mit Duftstoffen lockt der Imker die Bienen in den unteren Bereich, wenn er oben an den Honig möchte. Bis zu 25 Kilo Honig erntet er so pro Volk. Dazu kommt Propolis, Bienenwachs, Bienengift und Gelee Royal.

Wulferding engagiert sich auch sehr im didaktischen Bereich. Oft erklärt er Kindergruppen vor Ort bei seinem Volk, das in einem Schaukasten lebt, oder in den Kindergärten mit Anschauungsmaterial das Leben der Bienen. „Sie sollen sehen, wozu diese Tiere da sind. Ihre Bestäubungsleistung ist so wichtig, die kann niemand ersetzen. Nach den Schweinen und Rindern stehen sie an dritter Stelle der Wichtigkeit“, möchte er das Verständnis der Kinder wecken.

Appell: Jeder kann Bienen helfen

Monokulturen, Pflanzenschutzmittel und die Varoa-Milbe, die die einheimische Honigbiene nicht als Feind erkennt und daher nicht mit eigenen Mitteln bekämpft, machen ihr sehr zu schaffen. „Nicht nur Glyphosat schadet ihnen. Fliegen die Bienen durch den Sprühnebel von vermeintlich ungiftigen Spritzmitteln, verlieren sie ihren typischen Stockgeruch und werden nicht mehr in ihn eingelassen – ihr sicherer Tod“, gibt er zu bedenken. „Jeder kann aber etwas dazu tun, den Bienen bessere Lebensbedingungen zu bieten“, beteuert er.

Wer einen Garten hat, könne blühende Sträucher und Stauden mit offenen Blüten – keine gefüllten – pflanzen, die vom Frühling bis spät in den Herbst hinein eine Nahrungsgrundlage bieten. Bauer könnten zwischen den Mais die „Durchwachsende Silphie“, ein Korbblütler, säen, die bis zu 15 Jahre lang geerntet und in die Biogasanlagen eingebracht werden könne. 

„Wenn man manche Vorgärten sieht, dick mit Schotter belegt, einige immergrüne, nichtblühende Sträucher dazwischen, alles schön pflegeleicht – da kommt mir das Grauen“, räumt er ein und setzt hinzu: „Solche Leute beklagen dann auch noch die Monokulturen der Landwirte.“ Den Artenrückgang merkt er ebenfalls im eigenen Garten. „Es gibt viel weniger Vögel und Insekten. Meine Nisthilfen für Schwalben im Carport werden seit einiger Zeit nicht mehr alle bevölkert“, hat er festgestellt. Er appelliert an Landwirte, wenigstens Blühstreifen anzulegen und auszuweiten. „Das wird auch bezuschusst“, weiß er.

Freude über Imker-Nachwuchs

Bis vor zwei Jahren war Wulferding einer der Hautflüglerberater im Landkreis Oldenburg. Dieses Amt hat er aber in jüngere Hände abgegeben: „Ich klettere nicht mehr so gerne auf Dächern herum“, begründet er. Zudem möchte er sich auch seinem großen Gemüsegarten widmen. Alle Kästen und Rahmen für seine Bienen baut er selbst. 

Er freut sich, dass so viele junge Leute heute Interesse am Imkern haben. „Als ich als Vorstand des Imkervereins anfing, hatten wir rund 50 Mitglieder. Im Laufe meiner Tätigkeit und bis heute sind es dann 140 geworden“, meint er und versichert: „Der Verein richtet Neuimkerschulungen aus und hilft mit Rat und Tat.“ Weitere Informationen erteilt er unter der Telefonnummer 04431/1204.

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