Pressearbeit der Polizei

Interview: Pressesprecherin Lorena Lemke berichtet über die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei

Die Kommissarinnen Lorena Lemke und Ricarda von Seggern stehen neben einem Polizeiauto.
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Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch: Lorena Lemke (rechts) ist Polizei-Pressesprecherin. Ricarda von Seggern hospitiert derzeit.

Wie entstehen Pressemitteilungen der Polizei und wer entscheidet, wovon die Öffentlichkeit erfährt?

  • Kommissarin Lorena Lemke ist Polizei-Pressesprecherin.
  • In ihrer Inspektion geschehen bis zu 55.000 Einsätze im Jahr.
  • Nur über einen Bruchteil wird öffentlich berichtet.

Delmenhorst/Landkreis – Die Polizeiinspektion in Delmenhorst umfasst das Gebiet der Delmestadt sowie den Landkreis Oldenburg und die Wesermarsch. „Wenn die blauen Lampen leuchten, dann müssen die Leute wissen, was dahintersteckt“, sagt Jörn Stilke, Leiter der Inspektion. Für die Pressearbeit der rund 650 Mitarbeiter zählenden Dienststelle ist hauptamtlich Lorena Lemke zuständig. Die Polizeikommissarin war im Einsatz- und Streifendienst tätig, bevor sie sich für die Öffentlichkeitsarbeit spezialisierte. Ihr zur Seite steht aktuell Ricarda von Seggern, die Interesse an der Arbeit im Pressepool hat.

Herr Stilke, Frau Lemke, seit wann berichtet die Polizei über ihre Einsätze?

Stilke: Die Polizeiarbeit war schon immer für die Medien von Interesse. Früher gab es die klassischen Polizeireporter. Die sind fast jeden morgen auf den Wachen erschienen und haben gefragt, was habt ihr denn? Dann ist man das Einsatztagebuch durchgegangen und hat geschaut, was von Interesse ist und das ist dann berichtet worden. So ging das mal los.

Seit wann berichten Sie über das Presseportal?

Lemke: Das fing etwa 2007 an. Allgemein mit der Digitalisierung haben wir aufgesattelt und sind eingestiegen, das elektronisch zu verbreiten.

Wie hat sich diese Entwicklung in den vergangenen Jahren gewandelt?

Lemke: Wir veröffentlichen über das Presseportal im Internet und seit ein paar Jahren über den Kurznachrichtendienst Twitter örtlich interessante Themen. Dort haben wir einen Account für die Polizeiinspektion. Zusätzlich gibt es weitere Kanäle im Bereich Social Media wie Facebook oder Instagram. Das betreut aber die übergeordnete Dienststelle, also die Polizeidirektion in Oldenburg.

Das heißt, Sie können die Themen auswählen, welche vermeldet werden?

Lemke: Das ist ein komplexeres Thema. Es gibt Einsätze, über die wir nicht berichten, weil gewisse Gründe dagegen sprechen. Wir halten uns an den Pressekodex und das Niedersächsische Pressegesetz. Darin steht, dass wir schutzwürdige private und öffentliche Interessen wahren müssen. Deswegen berichten wir nicht über Einsätze, die beispielsweise die eigenen vier Wände betreffen, sondern hauptsächlich über Einsätze, die für den objektiven Betrachter sichtbar sind und Öffentlichkeitswirkung entfalten. Wenn wir ein Ermittlungsverfahren haben, geht es uns erst einmal darum, einen Erfolg zu erzielen. Wenn wir die Öffentlichkeit von vornherein ins Boot nehmen, kann es sein, dass der Erfolg gefährdet würde. Da gibt es Vorschriften, die wir beachten müssen. Was nicht darunter fällt, würden wir berichten, zum Beispiel Verkehrsunfälle mit Verletzten oder Toten, Brände oder klassische Präventionshinweise.

Stilke: Wenn ich auf unsere Inspektion schaue, haben wir 45. 000 bis 55. 000 Ereignisse pro Jahr. Das heißt 18. 000 bis 20. 000 Straftaten, die wir bearbeiten, etwa 20.000 sonstige Ereignisse, von der Ruhestörung bis zum brennenden Mülleimer, ausgebrochenes Weidevieh und rund 5.000 bis 7 .000 Verkehrsunfälle. Da müssen wir tagtäglich eine Auswahl treffen, was von Interesse ist. Der Grundsatz ist der Persönlichkeitsschutz. Uns geht es nicht darum, der Presse etwas vorzuenthalten. Bei häuslicher Gewalt und Streitigkeiten gibt es in den Familien ohnehin Probleme genug und das wollen wir nicht in die Öffentlichkeit tragen. Eins der Kriterien ist, wenn die blauen Lampen leuchten, dann sehen das die Leute, dann müssen sie natürlich wissen, was dahinter steckt. Wir merken, dass die Interessenslage der Medien unterschiedlich ist. Wir haben überregionale und regionale Anbieter, wir haben Bild- und Printmedien, den Rundfunk und jeder hat eine etwas anders gelagerte Interessenlage. Mal muss es schnell gehen, mal ein Bild dabei sein. In der Gemengelage versuchen wir, alle zufriedenzustellen.

Wann bekommt eine Polizeimeldung ein Bild?

Lemke: Da gibt es kein Schema. Das entscheiden wir im Einzelfall. In der Regel fertigen Pressevertreter vor Ort Bilder an. Fall gewünscht, würden wir Bilder nachliefern, falls da nichts Polizeiinternes gegenspricht. Unser Auftrag ist vorrangig eine Berichterstattung den Tatsachen entsprechend zu verschriftlichen. Für die bessere Veranschaulichung durch Fotos ist die Presse zuständig.

Hinweistelefone: Kommt es vor, dass Tipps aus der Bevölkerung eingehen?

Lemke: Bei uns gehen zahlreiche Anrufe und Hinweise ein. Diese Nummer wird tatsächlich genutzt. Wir haben viele Ermittlungsverfahren, da kann man im einzelnen nicht sagen, welcher Hinweis zu welchem Ermittlungserfolg geführt hat. Zum Beispiel haben aktuell zahlreiche Bürger nach der Pressemitteilung zum falschen Microsoft-Mitarbeiter angerufen, die betroffen waren oder sich zudem informieren wollten.

Einsatzberichte der Polizei haben eine eigenartige Schreibweise. Gibt es dazu einen Leitfaden oder interne Vorgabe?

Stilke: Das ist ein Stück weit unserer polizeilichen Sozialisation geschuldet. Ein Großteil dessen, was wir während unseres Polizeistudiums lernen, sind rechtliche Formulierungen – das Subsumieren von Tatbeständen. Vieles, was sie da lesen, kommt aus dem Juristen- und Beamtendeutsch. Wir versuchen, das etwas populär auszudrücken, aber letztlich kommen wir da nicht aus unserer Klemme raus. Auf der anderen Seite wollen wir uns so neutral wie möglich ausdrücken.

Lemke: Wir versuchen, so leicht verständlich wie möglich zu schreiben, um einen Großteil der Bevölkerung zu erreichen. Es gibt Lehrgänge aber kein festes Handbuch, an das wir uns halten müssen. Da gibt es schon Spielraum. Wir achten auf die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen und geben nicht zu viele Anhaltspunkte auf den genauen Tatort.

Wie wird man Polizeipressesprecher?

Stilke: Jede Inspektion hat einen Dienstposten „Sachbearbeiter für Öffentlichkeitsarbeit“. Dazu gehört die Arbeit des Pressesprechers. Das sind Stellen, auf die man sich intern bewerben kann. Man muss das Interesse haben sich mit Medien auseinanderzusetzen, darf keine Angst vor Mikrofonen und der Kamera haben und ein Stück weit kommunikativ sein. Man muss Verhandlungsgeschick im Umgang mit der Presse haben. Das ist die Grundaffinität, die Bewerber mitbringen müssen. Dann schauen wir uns die Leute an und lassen sie probehalber in der Pressestelle mitlaufen.

Lemke: Außerhalb der Geschäftszeiten sind Kollegen im Pressepool in Bereitschaft. Irgendjemand ist also immer erreichbar, damit die Presse Informationen bekommt.

Auch am Wochenende?

Lemke: Und an Feiertagen. Als Ergänzung: Wir alle haben die gleiche Grundausbildung absolviert. Die Pressesprecher vom Pool sind nicht gesondert im Journalismus-Bereich ausgebildet. Ich war zuvor zum Beispiel im Einsatz- und Streifendienst. Wir können theoretisch auch zurück in andere Bereiche.

Was läuft bei der Pressearbeit noch nicht ideal?

Stilke: Wir bekommen mit, dass es einen ganz erheblichen Wettbewerb um die Information gibt. Früher hatten alle Zeitungen große Redaktionen und waren ein Stück weit gelassener, aber heute haben wir eine ganz große Vielfalt an Medien und Information. Einer will schneller sein als der andere, das bessere Bild haben und schneller damit rauskommen. Das ist für uns ein Problem. Mitunter wird man zwischen diesem Interessenrad zerrieben.

Wie sehen Sie die Pressearbeit der Polizei in zehn Jahren?

Stilke: Ich weiß nicht, ob wir uns in Zukunft noch Face-to-Face unterhalten. Ich glaube, das wird immer schneller und reißerischer werden. Ich hoffe, dass die Menschen dabei – die Opfer von Straftaten – nicht instrumentalisiert werden. Meine Sorge ist, dass wir eine Berichterstattung machen, an der wir unseren Anteil tragen, die zulasten der Menschen geht, und dann sind wir in einem ganz anderen Bereich, dann ist das nur noch Voyeurismus.

Was veröffentlicht die Wildeshauser Zeitung?

Nur in Ausnahmefällen berichten wir über Suizide. In Polizeimeldungen und Gerichtsberichten haben wir uns außerdem in der Regel gegen die Nennung der Namen von Tätern entschieden. Bei ausländischen Straftätern erwähnen wir die Nationalität grundsätzlich nicht, es sei denn, die Tat steht in Verbindung zum Herkunftsland der Person oder hat einen kulturellen Bezug dorthin, wie beispielsweise in Fällen sogenannter Ehrenmorde. Mit dieser Handhabung orientiert sich die Wildeshauser Zeitung am Deutschen Pressekodex.

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