Gebäude war marode

Wie ein Ackerbürgerhaus an der Kirchstraße in Wildeshausen gerettet wurde

1. September 1939 und heute: Das Ackerbürgerhaus an der Kirchstraße in Wildeshausen zählt zu den ältesten Wohngebäuden der Stadt.
+
1. September 1939: Das Ackerbürgerhaus an der Kirchstraße in Wildeshausen zählt zu den ältesten Wohngebäuden der Stadt.

Dieser Artikel ist der Auftakt einer Serie über alte Gebäude. Heute berichtet Cornelia Harms vom Bürger- und Geschichtsverein über ein Ackerbürgerhaus.

Als Stephan Damke durch einen Freund auf die Häuser an der Kirchstraße 8 und Sägekuhle 2 in Wildeshausen aufmerksam gemacht wurde, war er auf den ersten Blick begeistert. Den Dötlinger Architekten reizten besonders die verschiedenen Facetten, mit denen er es hier zu tun haben sollte: Fachwerk und Putz, alte, teils windschiefe Dächer und ein holzverkleideter Giebel ließen sein Herz höherschlagen.

Die malerische Lage tat ihr Übriges – und so zögerte er nicht lange und kaufte das Ensemble im Jahr 2014. Zu diesem Zeitpunkt war es um die beiden Gebäude nicht gut bestellt – heute gehören sie wieder zu den Schmuckstücken der Wildeshauser Innenstadt.

Wechselvolle Geschichte

Bis dahin hatten sie eine wechselvolle Geschichte hinter sich: Die Ackerbürgerhäuser zählen zu den ältesten Wohnhäusern der Stadt. Es handelt sich um Fachwerkhäuser mit Lehmausfachung, die teilweise auf einem Findlingssockel errichtet wurden. Im Innern weisen sie noch die typische Raumstruktur alter Ackerbürgerhäuser auf. Beide Gebäude wechselten häufig den Eigentümer, bis Ende des 19. Jahrhunderts zwei Schwestern die Häuser erwarben beziehungsweise erbten. Anschließend blieben sie im Familienbesitz. Der Enkel Dr. Heinz Schulte richtete 1939 an der Kirchstraße eine Zahnarztpraxis ein.

Zwischen den beiden Häusern befand sich ursprünglich ein Nebengebäude, das 1898 abgerissen und zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch einen Anbau ersetzt wurde. Dieser Mitteltrakt wurde fortan als Wohnung genutzt. Das hintere Gebäude an der Sägekuhle diente der landwirtschaftlichen und das Obergeschoss der wohnwirtschaftlichen Nutzung.

Große Schäden an der Bausubstanz

An der Sägekuhle befindet sich auf einem Torbogen eine Inschrift, die auf das Motto der Burschenschaft Germania in Würzburg „Ehre Freiheit Vaterland“ Bezug nimmt. Ergänzt wurde das Wort „Gott“. Sie wurde anlässlich des 70. Geburtstages von Schulze im Mai 1977 im Zusammenhang mit einer Restaurierung des Gebäudes angelegt. Die dort genannte Jahreszahl 1775 beruht auf einer mündlichen Überlieferung aus der Familie.

2009 verkaufte Familie Schulte die Häuser an die Brüder Weitz. Im März 2014 waren die Schäden am Gebäude an der Sägekuhle 2 nicht mehr zu übersehen: Das Dach hatte große Löcher, Dachbalken waren eingebrochen, das Fachwerk war beschädigt, zur Grünen Straße hin wies es sogar Löcher auf. Die von einigen Nachbarn alarmierte Denkmalschutzbehörde nahm das Haus in Augenschein und prüfte die Statik. Anschließende Gespräche zwischen Behörde und Eigentümer führten zu einer Sicherung der Substanz. Das Dach wurde provisorisch abgedichtet, damit Holz- und Bauteile trocknen konnten, doch waren weitere Maßnahmen vor dem Winter erforderlich. Die drohenden Sanierungskosten bezifferte der Eigentümer mit einer Million Euro, was schließlich zum Verkauf an Stephan Damke führte, der mit dem Erhalt historischer Bausubstanz vertraut ist.

So sieht das sanierte Gebäude heute aus.

Nun ging alles sehr schnell: Zunächst wurden unter Verwendung alter Ziegel das Loch im Dach des Gebäudes an der Sägekuhle geschlossen und die Giebel fertiggestellt. Der Giebel zur Grünen Straße weist eine Neigung von 70 Zentimeter auf, die alten Dachpfannen waren daran bereits angepasst. Die Holzverkleidung des Giebels ist diesem Bereich erhalten. Außen wurde das Fachwerk instand gesetzt, teilweise mussten hier Ständer erneuert werden, die großen Löcher wurden gestopft. Die Fachwerkarbeiten führte die Zimmerei Asche aus Großenkneten durch, die Erfahrung mit denkmalgeschützten Gebäuden hat.

Modern mit Bezug zum historischen Bau

2015 folgte die Fassadensanierung: Die alte Holzverkleidung am Giebel zur Kirchstraße blieb erhalten und wurde mit einer neuen Verkleidung überdeckt. Die Tischlerei Stukenborg aus Lohne baute neue, maßangefertigte Fenster ein. Die Dachpfannen an der Kirchstraße wurden gereinigt, das Dach isoliert und anschließend mit alten Pfannen wieder eingedeckt. Zwei Schornsteine wurden rückgebaut, die wiederhergestellten Dachüberstände schützen den Sockel des Hauses vor Feuchtigkeit. Parallel dazu wurden im Inneren der Gebäude an der Kirchstraße die alten Verkleidungen und Trennwände entfernt und so das alte Fachwerk und die Tragwände sichtbar gemacht. In der ehemaligen Diele ist nun ein Großraumbüro entstanden. Das Haus erhielt eine isolierende Innenschale und eine Fußbodenheizung. Es entstand ein Gebäude, das modern ist und gleichzeitig einen Bezug zum Alten hat.

Alle Arbeiten fanden im Einklang und in enger Absprache mit der Denkmalschutzbehörde statt, ebenso wichtig war die gute Zusammenarbeit mit den erfahrenen Handwerkern. Die Nachnutzung des Gebäudes war bereits 2014 gesichert. Die neuen Mieter konnten im Januar 2017 einziehen.

Inzwischen nutzt Damke selbst den Mitteltrakt an der Sägekuhle 2 als Architekturbüro und fühlt sich sehr wohl: Die Lage in historischer Umgebung mit dem alten Kopfsteinpflaster hat ihn sofort angesprochen. Aus dem Fenster blickt er auf den kleinen Garten an der Grünen Straße mit dem kürzlich restaurierten Speicher. „Das ist hier wie Urlaub“, so Damke. Die Wiederherstellung eines solchen Hauses sei „ein Lebenstraum.“ Im Ackerbürgerhaus an der Sägekuhle wird noch gearbeitet, derzeit wird eine isolierende Innenschale angelegt. In der alten Diele befindet sich noch ein Alkoven, der wohl so alt ist wie das Haus selbst. Kleine Änderungen durfte Damke in Abstimmung mit dem Denkmalschutz vornehmen: So erhielt der Mittelteil eine Tür, die nun den Zugang zur Grünen Straße und dem Garten erlaubt. Die Liebe zum Detail zeigt sich auch hier: Die Gartenpforten sind mit altem Holz „erneuert“.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

Meistgelesene Artikel

Neue Hausarztpraxis am Westring in Wildeshausen

Neue Hausarztpraxis am Westring in Wildeshausen

Neue Hausarztpraxis am Westring in Wildeshausen
Kirmes kommt doch noch nach Wildeshausen

Kirmes kommt doch noch nach Wildeshausen

Kirmes kommt doch noch nach Wildeshausen
3 000 Zigarettenkippen in Wildeshausen gesammelt

3 000 Zigarettenkippen in Wildeshausen gesammelt

3 000 Zigarettenkippen in Wildeshausen gesammelt
Heftige Reaktionen auf 2G-Regel: „Kack denen vor die Tür“

Heftige Reaktionen auf 2G-Regel: „Kack denen vor die Tür“

Heftige Reaktionen auf 2G-Regel: „Kack denen vor die Tür“

Kommentare