Beratung für bulgarische Werkarbeiter

„Wer krank ist, wird sofort gekündigt“

Mariya Krumova füllt ein Formular aus. - Foto: bor

Wildeshausen - Die Sorgen und Nöte bulgarischer Werkarbeiter landen auf dem Tisch von Beraterin Mariya Krumova – von brutalen Arbeitsverhältnissen bis zu Problemen mit Behörden. Unserer Zeitung hat eine Sprechstunde im Wildeshauser Stadthaus begleitet.

Mariya Krumova ist das einzig Charmante, das die bulgarischen Werkarbeiter, die in der Regel bei Firmen wie Geestland Geflügel zerlegen, in dem Raum im Stadthaus erwartet, in dem die gebürtige Bulgarin freitags ihre Beratung anbietet. Öder, grauer Teppichboden, zwei einfache Stühle, ein Holztisch und Bilder mit historischen Karten an der Wand, an deren Rahmen Spinnweben hängen: Einladend wirkt das alles nicht, aber die Menschen, die zu der kleinen, zierlichen Frau kommen, haben in der Regel andere Probleme als eine karge und schmucklose Inneneinrichtung.

Eine fünfköpfige Familie zum Beispiel. „Die Mutter ist im neunten Monat schwanger, nicht krankenversichert und der Mann ist arbeitslos“, fasst Krumova die Lage zusammen. „Such Arbeit! Such Arbeit!“, rät sie dem Mann. Dabei sind die Bedingungen in der Zerlegebranche, wie sie ihre Klienten schildern, nicht gerade rosig. „Wer krank ist, wird sofort gekündigt“, sagt Krumova. Und eine Verletzung könne beim Zerlegen des Geflügels mit Messern schnell passieren.

Die meisten Bulgaren waren am Freitag jedoch nicht wegen ihrer Arbeitsbedingungen bei der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte, zu der Krumova gehört. Es ging oft um Formulare und Anträge für Arbeitslosen- oder für Kindergeld. Ein Problem zieht sich durch viele Gespräche: Die Bulgaren können die Dokumente nicht lesen, geschweige denn eine formal und inhaltlich korrekte Antwort verfassen. Das wirkt sich zum Beispiel bei einer Kündigung fatal aus, denn für einen Antrag auf Arbeitslosengeld fehlen die Kenntnisse und oft auch Dokumente. Eine Frau um die 30 mit gefärbten, blonden Haaren berichtet, ihr Arbeitgeber in Bremen sei in Konkurs gegangen. Sie will Arbeitslosengeld beantragen. Doch „ihr fehlen viele Unterlagen wie ein Kündigungsschreiben. Ich weiß nicht, ob ihr irgendjemand etwas bewilligt“, sagt Krumova. Um die Vertraulichkeit der Gesprächsinhalte der Werkarbeiter mit der Beraterin zu gewährleisten, werden hier keine Namen genannt.

Krumova: „900 Euro netto pro Monat“

Andere Bulgaren wollen wissen, wie sie Anträge für Kindergeld ausfüllen sollen. Krumova berichtet, dass die zuständige Behörde in Nürnberg mit den Anträgen nicht hinterherkomme, weil viele Werkarbeiter Sechs-Monats-Verträge hätten und bei einer Verlängerung jedes Mal wieder einen Antrag auf Kinder geld stellen müssten. Dieses sei wichtig, weil die Bulgaren damit ihre Einkommen aufbessern würden. „Ein Zerlegemitarbeiter verdient rund 900 Euro netto im Monat“, so Krumova, die ihre Klienten sachlich und zügig abarbeitet, sich aber hin und wieder auch ein Lächeln erlaubt. In drei Stunden werden rund 20 Bulgaren ihre Sorgen los. Im Schnitt kommt alle zehn Minuten ein Werkarbeiter mit einem Problem durch die Tür. „Viele sagen: ,Gottseidank ist die Beratungsstelle da, sonst wüssten wir nicht, wir zurecht kommen würden‘“, erzählt Krumova, deren Arbeit selbst gar nicht so gesichert ist. Das Projekt ist bis Ende des Jahres befristet. „Wir wissen noch nicht, wie es weiter geht“, sagt die Beraterin, bevor sich die Tür wieder öffnet und der nächste kommt.

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