Fast alle Auftritte weggebrochen: Profi-Schlagzeuger Michael Hugh fühlt sich alleingelassen

Wenn die Corona-Hilfe ins Leere läuft

Seit 30 Jahren Musiker: Michael Hugh aus Wildeshausen.
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Seit 30 Jahren Musiker: Michael Hugh aus Wildeshausen.

Wildeshausen – Michael Hugh (46) aus Wildeshausen hat keine riskante Investition getätigt, er ist keinem Betrüger auf den Leim gegangen und hat auch keinen wichtigen Trend verschlafen. Trotzdem steht der Profimusiker wegen der Corona-Pandemie vor den Trümmern seiner beruflichen Existenz, denn seit Anfang März kommt kaum noch Geld rein.

Vom Staat fühlt sich der Schlagzeuger wie viele andere Solo-Selbstständige auch allein gelassen, denn er könnte zwar bis zu 9 000 Euro Corona-Hilfe bekommen, darf diese aber nur für Betriebsausgaben verwenden. Und die hat er kaum, weil es nur noch sehr wenige Auftritte gibt. „Ich kann mir von der Corona-Hilfe keinen Sprit fürs Auto kaufen, kein Brot beim Bäcker holen, keine Miete bezahlen“, sagt er. „Das hilft mir nicht.“ Dabei ist er auch ein Opfer seines Wohnorts in Niedersachsen, denn in anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen kann ein Teil der Summe für Lebenshaltungskosten verwendet werden.

45 Auftritte seit März abgesagt

Am 7. März stand Hugh zum letzten Mal vor Corona auf der Bühne. Er spielt in der elfköpfigen Partyband „Free Steps“, die bei großen Firmen-Events von Coca Cola, Mercedes oder EWE, aber auch bei Kohlfahrten gebucht wird. Seitdem sind 45 Auftritte ausgefallen. Und damit auch jedes Mal Gage, die der Wildeshauser braucht, um sein Leben und das seiner Familie zu finanzieren. Zwei Monate lang habe er seine Miete nicht überweisen können. Diese wurde dank eines Bundesgesetzes gestundet, wird also erst einmal nicht fällig. Das half kurzfristig, aber es geht um mehr.

„Es sind 12 000 bis 14 000 Euro, die mir fehlen“, sagt der 46-Jährige, der mit seiner Freundin und zwei Kindern in einem Einfamilienhaus lebt – nicht in Saus und Braus, aber sie kommen über die Runden. Normalerweise. Aber seit Mitte März geht vor allem in der Veranstaltungsbranche kaum noch etwas. „Wir waren die Ersten, die betroffen waren, und werden die Letzten sein, die wieder rauskommen“, meint Hugh.

Als der Wildeshauser die Schwere der Krise realisiert hatte, erkundigte er sich wegen der staatlichen Corona-Hilfen. Dabei musste er jedoch zu seinem Erstaunen feststellen, dass diese nur für Betriebsausgaben verwendet werden dürfen. Alles andere wäre Betrug. „Ich hing vier Stunden in der Warteschleife der NBank“, erzählt Hugh. Als sich dann ein Mitarbeiter meldete, konnte dieser aber kaum helfen. „Das Gespräch war echt schrecklich“, sagt der 46-Jährige. Normalerweise fahre er 20 000 bis 30 000 Kilometer pro Jahr wegen der vielen Auftritte. Der NBank-Mitarbeiter habe gefragt, wie viele Auftritte denn noch anstehen würden. „Ich sagte: ,Keine.‘ Da meinte er, genausoviele Kilometer könne ich dann auch als Betriebskosten angeben.“

Trotzdem hat es der Wildeshauser geschafft, zumindest einen Teil der Corona-Hilfe zu erhalten. Er ist als Dozent bei einer Musikschule tätig, konnte auch während des Lockdowns online unterrichten, und hat jetzt den Übungsraum für sein Schlagzeug von der Miete abziehen und gegenüber der NBank geltend machen können. Außerdem hat seine Steuerberaterin ihre Jahresrechnung schon früher gestellt. Mit diesen und anderen Maßnahmen ist er immerhin auf 2 500 Euro gekommen, die zumindest ein bisschen helfen. Allerdings darf er das Geld nach wie vor nicht für seine privaten Kosten verwenden.

266 Gewerbetreibende wollen ALG II

Erschwerend kommt hinzu, dass Hughs Frau ebenfalls Musikerin ist und als Sängerin auch kein Geld verdient. Dafür hat sie noch eine halbe Stelle als Sozialpädagogin. Und er verdient sich mit seiner Dozententätigkeit etwas dazu. Auch deswegen will er kein Arbeitslosengeld beantragen. „Das hat nichts damit zu tun, dass das unter meiner Würde wäre“, sagt der Wildeshauser, aber er gehe davon aus, dass er kaum etwas bekommen würde, weil er ja noch ein kleines Einkommen hat und mit seiner Freundin in einer Bedarfsgemeinschaft lebt. Außerdem wisse er von Kollegen, dass die – eigentlich für Solo-Selbstständige vereinfachte – Antragstellung immer noch sehr kompliziert sei. Im Landkreis Oldenburg haben in der Corona-Zeit bislang 266 Gewerbetreibende ALG II beziehungsweise Hartz IV beantragt, von denen allerdings nicht jeder Solo-Selbstständiger war, informiert Andrea Berger vom Jobcenter.

Dass Hugh nicht alleine ist, bestätigt Claudia Becker von der Existenzgründungsagentur für Frauen in Wildeshausen. „Einige unserer Kundinnen sind in Schwierigkeiten gekommen. In der Kreativbranche oder auch für Yogalehrer sind viele Aufträge weggebrochen.“ Zum Teil sei zwar staatliche Unterstützung geflossen, über deren Beantragung die Agentur die Frauen informiert habe. „Aber das lief auch oft ins Leere, weil keine hohen Betriebskosten anfallen.“ Außerdem hätten die schwerverständlichen Unterlagen einige Frauen abgeschreckt.

Über diesen Punkt ist Hugh hinaus, der sich zum Beispiel auch im Ausland umschaut. In England müsste beim Hilfsantrag nur die Steuernummer angegeben werden. Dann berechne der Staat das Einkommen der letzten paar Jahre und Menschen, die wegen Corona wirtschaftlich in Not geraten sind, würden für einen bestimmten Zeitraum 80 Prozent ihres Verdiensts erhalten. Er fragt sich, warum das hierzulande nicht auch geht.

Inzwischen denkt der 46-Jährige ernsthaft darüber nach, als Profimusiker aufzuhören, weil er einfach keine Perspektive mehr sieht. „Kollegen von mir liefern jetzt Pakete für die Post.“ Er selbst habe sich auch schon für andere Jobs beworben. „Dabei ist Musik genau mein Ding. Ich mache das aus Überzeugung.“ Aktuell hofft Hugh, dass die „Free Steps“ doch noch auf dem Bremer Freimarkt spielen können. Ansonsten hat er Glück, dass die Band am Freitagabend und heute für einen Auftritt gebucht wurde. Aber danach sieht es wieder sehr mau aus.

Keine Perspektive für die Zukunft

Inzwischen hat der Wildeshauser ein Vintage-Schlagzeug verkauft. Und auch wertvolle Sammelkarten, die er eigentlich seiner Tochter zum Auszug schenken wollte, haben den Besitzer gewechselt. Fraglich, ob der 46-Jährige in ein paar Jahren noch hinterm Schlagzeug sitzt. „Was ist denn, wenn in zwei Jahren Covid-22 kommt?“, fragt er und hat Angst, dann wieder in so ein Loch wie in diesem Jahr zu fallen.

Von Ove Bornholt

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