Interview mit Tourist-Info-Chefin

Was Touristen nach Wildeshausen bringt und was sie abschreckt

Der Schafkoben am Pestruper Gräberfeld gehört zu den Sehenswürdigkeiten Wildeshausens.
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Der Schafkoben am Pestruper Gräberfeld gehört zu den Sehenswürdigkeiten Wildeshausens.

Kaum ist der Wohnmobilstellplatz im Wildeshauser Krandel wieder eröffnet, steuern viele Camper die erweiterte und verbesserte Anlage an. Claudia Olberding leitet die Tourist-Info und berichtet im Interview, wie sich der Tourismus zurzeit entwickelt, was sie sich für die Zukunft wünscht und wo sie Wildeshausens Stärken sieht. Sie leitet die Tourist-Info im Rathaus.

Frau Olberding, wenn wir mal zurückschauen: Die touristische Bilanz des Jahres war ja bis jetzt wahrscheinlich mau, oder?

Ja, praktisch null. Wir hatten Anfang des Jahres einige Anfragen und Buchungen für Führungen, die wir aber absagen mussten. Seit November musste ja sowieso fast alles abgesagt werden. Zwischenzeitlich gab es immer mal wieder „click and meet“ beziehungsweise „click and collect“ – also dass Leute sich Kleinigkeiten aus der Tourist-Info bestellt haben und wir diese durchs Fenster rausgereicht haben. Aber das ist natürlich nicht das Gleiche.

Wann war der Zeitpunkt, wo Sie gemerkt haben, dass das Interesse wieder wächst?

Das ging eigentlich schon vor Pfingsten los, als sich abzeichnete, dass die Lockerungen irgendwann bald kommen und dass wir mit Einzelberatungen auf Termin anfangen können. Es war aber natürlich zuerst nur ein Bruchteil von dem, was sonst an Interesse da ist. Vorvergangene Woche war dann klar, dass wir in der vergangenen Woche wieder öffnen können und seit Mittwoch sind unsere Türen wieder offen. Das haben wir auch richtig gemerkt: Mittwoch, Donnerstag, Freitag hatten wir eine gute Resonanz.

Wildeshausen liegt ja am Jakobsweg. Kommen zurzeit viele Pilger?

Ja, jetzt die vergangenen Tage waren vermehrt Pilger hier. Eigentlich steuern sie nur die Kirchen an und holen sich dort ihre Stempel. Aber seit Anfang vergangener Woche hatten wir jeden Tag mindestens einen Pilger hier in der Tourist-Info. Das liegt daran, dass die Streckenführung in Wildeshausen leicht geändert wurde. Die Pilger kommen von Bremen aus auf der Dr.-Klingenberg-Straße nach Wildeshausen. Dort teilen sie sich auf: Die einen gehen über die Straße „Im Hagen“ zur Alexanderkirche. Die anderen wechseln zur Harpstedter Straße und dann durch die Huntemarsch zur Burgwiese, zur St.-Peter-Kirche und schließlich zur Alexanderkirche. Dabei kommen sie auch an der TouristInfo am Marktplatz vorbei.

Pilger kommen also gerade, Wohnmobilisten auch. Sind inzwischen auch wieder Leute ohne Wohnmobil dabei?

Ja, wir hören von Besuchern auch wieder: Wir sind hier im Hotel oder da in der Ferienwohnung. Viele sind Fahrradfahrer, die sich noch nicht sicher sind, wo sie was dürfen und deswegen erst einmal nur ein paar Tage in der näheren Umgebung Urlaub machen. Und es gibt viele Tagestouristen, die mit dem Rad kommen – mit E-Bikes ist der Radius ja etwas größer.

Claudia Olberding

Wo stehen wir denn jetzt, wenn man diese Zeit mit dem Jahr 2019 vergleicht?

Auf dem Niveau von 2019 sind wir noch lange nicht. Das Geschäft hat aber wirklich in den vergangenen Tagen Fahrt aufgenommen. Seit Montag vergangener Woche ist da ordentlich Dampf drauf. Die Leute fragen nach der neuen Radwanderbroschüre und sehen die Schilder „Wilde Geest zu Fuß“ – da gibt es noch keine Broschüre, aber die Route ist ausgeschildert. Man merkt einfach, die Leuten wollen wieder raus.

Und sind das dann hauptsächlich einheimische oder ausländische Touristen?

Ausländische habe ich noch nicht wieder gehabt. Sonst haben wir ja viele Holländer, Dänen und Skandinavier. Aber sehr viele kommen aus dem Ruhrgebiet. Das sind dann oft Wohnmobilisten, die den Stellplatz als Station auf dem Weg zur Ostsee nutzen. Entweder für eine Nacht oder eine richtige Pause von zwei, drei Tagen.

Wenn Sie mal einen Ausblick wagen wollen: Wird das Interesse weiter wachsen?

Ja, definitiv. Da gehen wir ganz stark von aus. Es sind auch schon die ersten Gästeführungs-Buchungen eingegangen. Das geht also auch wieder los. Vergangenes Jahr mussten wir mehr als 50 Gruppen absagen. Im Sommer waren dann wieder ein paar dabei. Und jetzt nach der zweiten, dritten Welle ist die Planung noch verhalten, aber wir haben ja die ersten Anfragen vorliegen. Und an diesem Wochenende war auch die erste Führung in diesem Jahr – eine Foto-Tour.

Wenn man jetzt mal guckt, wie es perspektivisch über den Sommer weiter geht, was für Wünsche haben Sie da? Es wurde ja schon viel diskutiert über das Urgeschichtliche Zentrum Wildeshausen (UZW) oder einen Hotel-Neubau.

Das UZW liegt uns sehr am Herzen. Ich finde, dass es eine tolle Chance ist, hier touristisch neue Akzente zu setzen. Und es wäre auch ein Highlight, das uns Wildeshausern eine Identität gibt. Gerade den Einheimischen täte es gut, den Wert eines UZW zu erkennen. Das wäre wirklich richtig gut und würde auch Folgen nach sich ziehen. Dann reden wir auch irgendwann über ein Familienhotel oder ein Jugendgästehaus, das aber nicht nur für Schulkassen, sondern auch für Fahrradgruppen und Familien offen hat. Das sind Folgen, die man im Auge haben muss. Da gehören dann auch mehrtägige Programme für Schulklassen dazu – ob das jetzt Kanu-Fahrten, Gokart oder Besuche im Schwimmbad sind. Das wäre schon gut, solche Themen zu bündeln. Das UZW erarbeitet ja auch pädagogische Konzepte, um gezielt Schulen anzusprechen. Wenn die nur einen Tagesausflug nach Wildeshausen machen, wäre das ja schon schade.

Es gibt ja Schlagworte wie „Sanfter Tourismus“. Glauben Sie, dass Wildeshausen mehr Potenzial hat? Ich denke da an die Alexanderkirche und das historische Viertel drumherum.

Wir vermarkten beziehungsweise beschäftigen uns ja mit zwei Schwerpunkten: die historische Stadt und die Megalithkultur. Beides ist im sanften Tourismus gut unterzubringen. Das steht und fällt natürlich mit den Möglichkeiten der Gästeführer und ihrer Kreativität, etwas daraus zu machen. Was die historische Stadt angeht, ist es ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, dass wir einen kompletten Stadtwall haben. Er folgt dem Verlauf der alten Stadtmauer, die 1529 abgerissen wurde, ist aber selbst auch schon alt und wurde im 16. Jahrhundert errichtet.

Wo sehen Sie denn die Stärken Wildeshausens in touristischer Hinsicht? Ist die Lage an der A 1 ein großer Vorteil, die Besucher anspricht?

Ja, die Lage an der Autobahn ist sehr wichtig. Aber auch die Nähe zur Hunte, also Fahrradwege am Wasser, ist eine Besonderheit. Und trotzdem ist Wildeshausen ruhig gelegen und kleinstädtisch. Wir müssen auch ehrlich sein: Wir wollen keinen Rambazamba-Urlaub, sondern naturnahen Urlaub anbieten. Da passen Pilger, Wanderer sowie Fahrrad- und Kanufahrer gut rein. Was ich schön fände, wäre, wenn wir noch etwas mehr für Familien und Jugendliche tun könnten.

Wildeshausen hat ja nicht einmal eine Minigolfanlage wie viele andere Gemeinden.

In Harpstedt gibt es ja eine. Und Swingolf in Iserloy. Aber trotzdem, so etwas wie ein Kletter- oder Erlebnisspielplatz, so etwas kann man vielleicht auch an der Hunte andocken. Das fände ich interessant.

Wo sehen Sie die Schwächen der Kreisstadt? Für Kinder gibt es nicht so die attraktiven Angebote. Wie sieht es mit den Museen aus?

Der Besuch zum Beispiel im Druckereimuseum erfolgt nur nach Anmeldung und nicht spontan. Das ist ein Riesenproblem, gilt aber für fast alle Museen im Naturpark. Und es liegt natürlich an den Grenzen der ehrenamtlichen Arbeit. Auch die Gastronomie im Außenbereich wie in der Landgemeinde ist schwierig, wenn Radfahrer irgendwo unterwegs einkehren wollen. Ich hoffe, dass bald etwas Unkompliziertes aufgebaut wird.

Sie meinen zum Beispiel die Melkhüser, die es in Ganderkesee gibt?

Oder in Iserloy. Hier aber gar nicht. Das ist sehr schade. Es muss aber nicht unbedingt ein Melkhus sein. Einfach eine Sitzgruppe mit einem Automaten voller gekühlter Getränke wäre schon was. Das ist die Infrastruktur wirklich noch ausbaufähig. Viele Besucher fragen auch nach Grillplätzen. Da bin ich aber ein bisschen vorsichtig, weil die Plätze ja auch gepflegt und gewartet werden müssen. Das ist eine schwierige Kiste.

Was die touristische Infrastruktur angeht, ist die Tourist-Info im Rathaus zentral gelegen, allerdings wahrscheinlich nicht mehr lange, denn sie soll ins UZW ziehen.

Das ist natürlich eine optimale Lage hier, aber wir haben zum Beispiel keine Lagermöglichkeiten. Und beim UZW ergeben sich Synergien. Da bietet sich ein Umzug an. Ich hoffe, dass das UZW jetzt auch angegangen wird – es gibt ja auch viele Fördergelder. Es geht auch nicht nur um die Urgeschichte. Das Entree in die Innenstadt wird damit auch aufgewertet. Und es wird Möglichkeiten für Busse gegen. Wir können hier keine Busse in Empfang nehmen und wo wir das können, gibt es keine Toiletten.

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