Betreuung von Dementen ist immer wieder Herausforderung 

Veeh-Harfe und Hunde wecken Erinnerungen

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Wenn Silvia Ahrens mit ihren Hunden kommt, freuen sich auch Marianne Block und Joseph Werner. 

Wildeshausen - Von Joachim Decker.  Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Besonders die Angehörigen leiden extrem, wenn ein Familienmitglied von Demenz ereilt wird. In der „Residenz Atrium am Wall“ in der Kreisstadt haben die Mitarbeiter täglich mit einigen erkrankten Menschen zu tun, die immer wieder „aufgefangen“ werden müssen, um ihnen zu vermitteln, dass auch sie noch dazugehören.

„Ich bin froh, ein solch gutes Team zu haben, das sich rührend um die Menschen kümmert. Das ist ein gutes Gefühl, das ich jeden Tag aufs Neue erleben darf“, so Residenzberaterin Natalie Mucker-Schumann. „Sehr wichtig ist dabei auch die gute Kommunikation zwischen Bereuungs- und Pflegedienst.“

Silvia Ahrens ist Pflegefachkraft nach Paragraf 43 b. Aber in ihrem Arbeitsvertrag steht nicht nur ihr Name, sondern auch die ihrer Hunde „Roxy“ (Australian Shepherd) und „Emma“ (Goldendoodle), die als Begleithunde drei- bis viermal pro Woche im „Atrium“ eingesetzt werden. „Die Hunde werden zwar nicht nur bei der Arbeit mit Dementen herangezogen, aber bei ihnen ist es besonders wichtig“, sagt Ahrens. Die Erkrankten hätten nicht mehr die Kontrolle über sich: „Aber den Hunden können sie einfach etwas erzählen oder sie auch mal knuddeln. Durch die Tiere werden Unruhe und Ängste abgebaut, sie bauen praktisch eine Brücke zwischen den Welten.“ Zudem würden die Menschen durch die Hunde motiviert, sie bekämen eine Aufgabe. Zum Beispiel sie zu füttern oder Wasser für sie zu holen.

Aufmerksam hört sich die Ehefrau eines dementen Bewohners, die ihren Namen nicht genannt haben möchte, diese Ausführungen an: „Das kann ich nur bestätigen. Denn es ist wirklich schwer für die Angehörigen, mit einem Dementen umzugehen.“ Ihr Mann lebe praktisch in einer ganz anderen Welt, von der Realität völlig abgeschottet: „Gespräche sind nicht mehr möglich. Ich musste es auch erst lernen, richtig auf ihn einzugehen und diese Rolle zu spielen.“

Diese Aussage bestätigt Ahrens: „Wir haben hier einige Demente. Wichtig ist, dass wir sie nicht spüren lassen, dass sie die Kontrolle über sich nicht mehr haben. Natürlich geben wir ihnen in fast allen Dingen Recht. Und wenn mir ein 80-Jähriger sagt, dass er 40 Jahre alt sei, dann ist das eben so. Und wenn er mich Mutter nennt oder meint, dass ich seine Nachbarin sei, dann ist das auch okay.“ Fakt sei nämlich, dass die letzten 20 bis 30 Jahre bei diesen Menschen kaum noch vorkommen: „Die Erinnerungen gehen bis auf den Anfang des mittleren Alters und die Kindheit zurück.“

„Pflege ist immer eine Herausforderung“

Die Pflege sei immer wieder eine große Herausforderung, sind sich Mucker-Schumann und Ahrens einig: „Wir haben zum Beispiel eine Frau hier, die möchte immer wieder nach Hause zu ihren Eltern, um sie zu versorgen. Sie steht dann mit gepacktem Koffer unten und möchte los.“ Das sei ein Beweis dafür, dass das Erinnerungsvermögen ausschließlich auf die Zeit vor vielen Jahren greift: „Sicherlich hat sie früher ihre Eltern gepflegt.“ Aus diesem Grund sei die Biografiearbeit von großer Wichtigkeit: „Nur wenn uns die Angehörigen möglichst viel von den Dementen erzählen, können wir auf sie eingehen.“ Dazu gehörten Vorlieben, frühere Hobbys oder Abneigungen.

Im Nebenzimmer sitzt Hildegard Hakenbroch an der Veeh-Harfe. Neben ihr Elvira Schmelter, Betreuungsfachkraft nach 43 b. Die Seniorin ist nicht dement, aber freut sich, wenn sie für Mitbewohner das Instrument erklingen lassen kann. Diese Harfe kann aufgrund spezieller Unterleg-Griffblätter schnell von jedem gespielt werden. „Bei Dementen nutzen wir sie für die Einzelbetreuung. Es ist für sie immer wieder ein wahres Glücksgefühl, wenn die richtigen Töne erklingen“, sagt Schmelter. Auch dabei würden Erinnerungen wach: „Schließlich handelt es sich um alte Lieder, die sie kennen.“

„Genau das ist unser Ziel, wir wollen Wissen wecken und die Fähigkeiten der Erkrankten erhalten und noch ausbauen“, sagt Beate Coert, Betreuungsassistentin nach 43 b. „Sehr wichtig ist dabei die Erinnerungsarbeit, die sie wieder ein Stück weit zurück ins Licht bringt.“ Sie sitzt am Tisch und führt die Hände eines Erkrankten auf die Nesteldecke, an der ein Autoschlüssel, ein Schlips und einige andere Dinge des täglichen Lebens befestigt sind: „Hierbei handelt es sich um das Schulen von Grob- und Feinmotorik, verbunden mit dem Sehen und Fühlen. Hinzu kommen alltägliche Tätigkeiten wie das Schälen von Kartoffeln oder das Legen von Wäschestücken.“ All das seien Tätigkeiten, die Demente noch sehr gut von früher kennen: „Damit wird ihnen vermittelt, dass sie noch gebraucht werden, dass sie noch etwas können.“ Eine Bedeutung hätten auch die Gegenstände an der Wand und auf dem Schrank: Teppichklopfer, Waschbrett und Kaffeemühle. „Auch diese Dinge nehmen wir für die Betreuungsarbeit zur Hand, um Erinnerungen zu wecken und darüber zu sprechen.“

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