„Für die Eltern ist das ein Schock“

Serie Frühgeborene: Von Trinkschwäche bis Herzmonitor

Sylvia Helmke kennt sich mit Frühgeborenen und ihren Eltern gut aus. Foto: kab
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Sylvia Helmke kennt sich mit Frühgeborenen und ihren Eltern gut aus. 

Wildeshausen – „Für die Eltern ist das ein Schock: Das Kind kommt zu früh, das soll so nicht sein.“ Sylvia Helmke, seit knapp 30 Jahren als Kinderkrankenschwester im Klinikum Bremen-Mitte tätig, kennt diese Situation sehr gut. Für die Wildeshauserin gehört der Umgang mit Frühchen zum Alltag. Sobald die Säuglinge die Intensivstation verlassen dürfen, landen sie bei Helmke und ihren Kolleginnen. In der Regel sind die Neugeborenen dann mindestens 28 Wochen alt.

Häufig haben sie Probleme mit dem Herz oder dem Sauerstoff – Situationen, in denen eine schnelle Reaktion gefordert ist. Verantwortung schreiben die 51-Jährige und ihre Kolleginnen deshalb groß. „Frühchen haben oft keinen schönen Start“, sagt Helmke. 

Schwierigkeiten mit der Lunge oder den Augen, letztere umso stärker, je länger die Kinder beatmet werden müssen, Hirnblutungen: Wie gut oder schlecht die ersten Tage und Wochen der Säuglinge verlaufen, variiert stark. „Man muss immer gucken, was sie an Erkrankungen dazu kriegen.“ Auch die Symptome, die Frühgeborene bei Krankheiten zeigen, sind nicht so typisch wie bei anderen Kindern, erklärt Helmke. Aufmerksamkeit und Erfahrung sind für ihre Arbeit deshalb entscheidend.

Die Neugeborenen müssen stabil sein

Auf Station vier der Professor-Hess-Kinderklinik, an der die Wildeshauserin arbeitet, sollen die Säuglinge vor allem eins erreichen: einen Zustand, der stabil genug ist, damit sie mit ihren Eltern nach Hause können. „Unter 2 000 Gramm entlassen wir nicht so gerne“, sagt die 51-Jährige. Die Kleinen müssen zudem stetig zunehmen, in der Lage sein, ihre Körpertemperatur zu halten sowie drei Tage lang frei von Herzfrequenz- und Sauerstoffabfällen sein.

Das Gewicht ist also nicht der einzige ausschlaggebende Punkt für die Frage, wann ein Kind nach Hause darf. Gerade für Mütter und Väter ist es aber häufig ein besonderer Stressfaktor, beobachtet Helmke. „Wir müssen die Eltern oft zurückhalten: Das Kind gibt das Tempo vor, nicht wir.“ 

Denn die Säuglinge müssen das Trinken erst einmal lernen. Dafür bekommen sie oft einen Schnuller. Nahrung erhalten die Frühchen in der Regel zunächst über eine Magensonde, zusätzlich trinken sie Milch aus der Flasche – soviel sie eben schaffen. Manchmal sind es nur wenige Milliliter. Überanstrengen soll die Kleinen sich dabei jedoch nicht. Ein schwieriger Balanceakt, findet die Wildeshauserin.

Doppelte Belastung für die Mütter

Auch die Mütter seien durch die Sondersituation doppelt belastet, sagt die 51-Jährige: „Erst müssen sie Milch abpumpen und dann füttern.“ Die Schwestern achten beim Essen auf einen festen Zeitplan, weil die Säuglinge sonst einfach weiterschlafen. „Die melden sich nicht, die müssen geweckt werden“, erklärt Helmke.

Beim Thema Schlaf bietet die Klinik den Eltern die Möglichkeit, sich für eines von drei Modellen zu entscheiden. Sie können entweder zuhause schlafen und tagsüber vorbeikommen, dort ein eigenes Zimmer beziehen oder sogar eines mit ihrem Kind teilen. Denn in der Regel liegen die Frühgeborenen allein in einem Raum, um ihnen möglichst viel Ruhe zu gewähren.

Dass Mutter und Vater hinzukommen, empfehlen sie und ihre Kolleginnen allerdings eher nicht, sagt Helmke: „Der Geräuschpegel ist sehr hoch.“ Das liegt nicht daran, weil die Neugeborenen nachts schreien, sondern wegen der piepsenden Geräte, die ihre Atemzüge überwachen. Häufig sei es auch ein Fehlalarm, ausgelöst durch eine Bewegung, erklärt die 51-Jährige. „Eltern sind oft ganz fixiert auf den Monitor.“ Eine Situation, die nicht viel Entspannung bietet. 

Es komme auch vor, dass die Erwachsenen die Belastung nicht mehr aushielten und einen Tag Pause brauchten – auch das ist möglich, sagt Helmke. „Wir richten uns viel nach den Eltern.“

Patientenbezogene Pflege als Prinzip

Die Arbeitsstruktur auf der Station erleichtert diese zugewandte Haltung, für die das Personal jüngst die Auszeichnung „Deutschlands beste Pflegeprofis“ erhalten hat. Die Krankenschwestern sind für einzelne Patienten zuständig und nicht für bestimmte Aufgaben. Je nach Schicht sind zwei bis fünf Pflegerinnen auf der Station, die laut Internetseite 29 Betten hat. Organisation, Visite, Pflege – all dies fällt in eine Hand. „Man kennt die Eltern, man kennt die Kinder, man baut Vertrauen auf“, erklärt Helmke die Vorteile.

In diesem Umfeld steht die Bindung der Frühchen zu Mutter und Vater besonders im Fokus: So früh wie möglich soll das sogenannte Känguruhen beginnen, sagt die 51-Jährige. Durch den direkten Kontakt Haut an Haut hören die Säuglinge den Herzschlag, den sie bereits aus dem Bauch kennen, und beruhigen sich. 

Wer zu früh auf die Welt kommt, muss erst einmal damit zurechtkommen – und vermisst die warme Enge aus dem Mutterleib. Aus diesem Grund mögen die Kleinsten es auch gern, straff eingewickelt zu werden, erklärt Helmke. Mehrlinge werden deshalb in der Regel zusammen in ein Bettchen gelegt.

Eltern können eine Probenacht in der Klinik verbringen

Bevor die Kinder die Klinik verlassen, können Eltern ein weiteres Angebot des Hauses nutzen und eine oder zwei Nächte vor Ort schlafen, in denen sie sich eigenständig um das Neugeborene kümmern. Bei Schwierigkeiten kann das Personal dann immer noch helfen. Nicht alle, aber viele Mütter und Väter nutzten diese Gelegenheit, erzählt Helmke. 

Manche von ihnen sehe sie allerdings schnell wieder, wenn die Kleinen sich zum Beispiel einen Infekt einfangen oder andere Schwierigkeiten auftreten. Ihre Arbeit mache ihr sehr viel Spaß, erzählt die 51-Jährige. Aber manchmal sei sie auch froh, mit älteren Kindern zu tun zu haben – da sei die Verantwortung nicht ganz so riesig.

Serie Frühgeborene

Rund um den Weltfrühgeborenentag am 17. November zeigen wir verschiedene Perspektiven auf das Thema Frühgeburt auf. Im ersten Teil der Serieging es um die Elternbetreuung im Ronald-McDonald-Haus. Im zweiten Teil geht es um einen Jungen, der in der 35. Schwangerschaftswoche zur Welt kam. Im dritten Teil erzählt eine Mutter von ihren Zwillingen, die sie in der 28. Schwangerschaftswoche bekam.

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