AUS DEM AMTSGERICHT Erster Prozess unter Corona-Bedingungen

Tränenreiches Geständnis

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Der Besucherbereich: Normalerweise stehen in Saal 1 des Amtsgerichts rund 50 Stühle.

Wildeshausen - Zum ersten Mal seit Mitte März hat das Amtsgericht Wildeshausen am Montag öffentlich eine Strafsache verhandelt. Die Richterin saß hinter einem Spuckschutz, der Zuschauerbereich war auf sieben Stühle ausgedünnt, und der Angeklagte wurde nicht nur mit Hand- und Fußfesseln, sondern auch mit Mund-Nasen-Schutz in den Gerichtssaal geführt.

Verlassen konnte der 52-jährige Einbrecher den Raum hingegen als freier Mann. Denn obwohl er in kurzer Zeit mehrere Taten begangen und ordentlich Beute gemacht hatte, attestierte ihm der Staatsanwalt eine „nachvollziehbare Motivlage“. Die Kammer verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Der Angeklagte kommt aus Moldau, einem 3,5 Millionen- Einwohner-Staat an der Nordostgrenze Rumäniens, und war eigentlich zum Arbeiten nach Deutschland gegangen, wie er sagte. Doch der ihm zustehende Lohn sei ihm verweigert worden. Und dann sei seine Frau ins Krankenhaus eingeliefert worden. Er habe 5 000 Euro für eine Operation bezahlen sollen und deswegen angefangen, in Häuser einzudringen. Angeklagt waren sechs Einbrüche und zwei Fahrraddiebstähle. Aber der Mann hat wohl noch mehr Taten begangen. Die Richterin sprach bei den jetzt verhandelten Vorwürfen von der „Spitze des Eisbergs“.

Erst klingeln, dann einbrechen

Zum Vorgehen des Mannes, der im Spätsommer und Herbst 2019 in den Gemeinden Großenkneten, Hatten und Wardenburg im Landkreis Oldenburg aktiv gewesen war: Der 52-Jährige klingelte, und wenn niemand öffnete, hebelte er ein Fenster auf oder knackte eine Tür. Im Haus hatte er es auf Elektronikartikel wie Laptops, Navis oder Tablets und Schmuck abgesehen. Fast wäre der Moldauer davongekommen, doch die bayerische Polizei kontrollierte ihn auf der Fahrt in die Heimat und stellte zwei Fahrräder und anderes Diebesgut sicher. Seit dem 22. November befand sich der Angeklagte in Untersuchungshaft.

Schluchzend und unter Tränen wandte sich der 52-Jährige an die Richterin. „Ich bitte Sie: Sperren Sie mich nicht ein. Ich will nach Hause“, flehte er, die Hände wie zum Gebet zusammengeführt. Mittlerweile sei seine Frau gestorben, vermutlich an Corona. Er wolle sich um seine Verwandten in der Heimat kümmern, die zurzeit von fremden Leuten betreut würden und Hilfe bräuchten. Eine Sterbeurkunde lag nicht vor. Nur die Cousine des Mannes hatte den Tod der Ehefrau fernmündlich gegenüber einer Sozialarbeiterin aus dem Gefängnis bestätigt. Aber weder Richterin noch Schöffen oder Staatsanwalt ließen einen Zweifel daran erkennen.

Angeklagter wollte Ehefrau retten

Zweifel gab es hingegen sehr wohl an der Kooperationsbereitschaft des Moldauers. Erst hatte er erklärt, alle Vorwürfe einzuräumen. Dann behauptete er, die bei ihm gefundenen Fahrräder habe er gar nicht gestohlen, sondern für einen Bekannten transportiert. „Das macht beim besten Willen keinen Sinn“, so die Richterin. Nach einem nichtöffentlichen Rechtsgespräch mit dem Staatsanwalt und Verteidiger war der Angeklagte dann doch bereit, alle Taten auf sich zu nehmen.

Der Staatsanwalt sprach in seinem Plädoyer von „kleinen Startschwierigkeiten“ bei dem Geständnis des Einbrechers, der sich aber letztlich doch reuig und einsichtig gezeigt habe. Auch der fast sechsmonatige Aufenthalt hinter Gittern habe den Mann beeindruckt. Außerdem sei die Motivation, der Ehefrau zu helfen, die offenbar über keine Krankenversicherung verfügte, nachvollziehbar, auch wenn die Taten natürlich falsch seien. Der Verteidiger schloss sich dem Plädoyer des Anklagevertreters an. Wesentliche Inhalte hatten die Beteiligten offenbar während des nichtöffentlichen Rechtsgesprächs geregelt.

Die Richterin und die Schöffen brauchten dann auch nur 20 Minuten, um das Urteil zu verkünden. „Sie sind jetzt ein freier Mann“, sagte die Richterin zu dem Angeklagten, der emotional so angefasst war, dass er unter Herzschmerzen litt und die Urteilsverkündung unterbrochen werden musste. Nach eigener Aussage will der 52-Jährige nun schleunigst nach Moldau zurück. Der Teil des Diebesguts, der bei ihm gefunden worden war, wird an die Eigentümer zurückgegeben. Der Wert des Rests, immerhin rund 8 500 Euro, soll eingezogen werden. Ob da viel zu holen sein wird, ist allerdings offen.

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