Kritik an Einstellung der Justiz

Extremer Vorfall im Kreis Oldenburg: Tiere vernachlässigt, Veterinäre bedroht

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Der Landkreis Oldenburg hatte einem „Tierhalter“ zwei schwer verloste Hunde wegnehmen müssen.

Landkreis – „Tierwohlgefährdung“ – ein abstrakter Begriff, der nicht fassen kann, wie viel Leid hinter manchen Vorfällen steckt. Nicht selten werden solche Situationen beim Landkreis Oldenburg angezeigt. Die Mitarbeiter des Veterinäramtes gehen dann den Fällen nach. „Der Umgang mit Tierhaltern erfordert dabei ein hohes Maß an sozialer Kompetenz und Belastbarkeit“, beschreibt die Kreisverwaltung das Vorgehen und schildert einen erschreckenden Fall.

Ein couragierter Bürger hatte der Behörde im vergangenen Jahr angezeigt, dass zwei abgemagerte Hunde auf einem mit Schrott vollgestelltem Grundstück gehalten werden. „Die Mitarbeiter können die Tiere zwar auf dem Grundstück sehen, eine Klingel gibt es jedoch nicht“, heißt es in dem Bericht. Einer der Hunde war an einer schweren Kette angebunden, die dieser kaum hinter sich her schleifen konnte. Bei beiden Tieren waren deutlich Rippen und Wirbelsäule zu erkennen – „sie waren stark abgemagert“, schildern die Veterinäre die Situation. Der ältere Hund wirkte geschwächt und hatte Schwierigkeiten, seine Hinterbeine zu bewegen. Der Jüngere wies mehrere Bissverletzungen und eine Schwellung am Kiefer auf.

Auf postalische Kontaktaufnahme reagierte der Tierhalter nicht, Telefongespräche wurden abrupt abgebrochen. Die Behörde ordnete schriftlich an, die festgestellten Mängel abzustellen – die Tiere hätten umgehend medizinisch versorgt werden müssen. Doch der „Halter“ rührte sich weiterhin nicht. Die Lage spitzte sich im Verlauf der Zeit weiter zu: „Bei einer Nachkontrolle hatte sich die Situation der Hunde noch verschlechtert“, schreibt der Landkreis. Der ältere Hund hatte nun zusätzlich eine unversorgte Wunde am Vorderbein – Blut und Eiter liefen an seinem Bein herab. Bei dem anderen Tier war eine Vorderpfote so stark geschwollen, dass es nun ebenfalls humpelte. Die Vierbeiner waren immer noch abgemagert. Unverzügliches Handeln sei geboten gewesen, heißt es weiter: Die Tiere wurden durch das Veterinäramt mit Unterstützung der Polizei mitgenommen und tierärztlich versorgt. Sie bekamen Schmerzmittel und Antibiotika. Der Tierhalter wurde über die „Fortnahme“, wie es Amtsdeutsch heißt, schriftlich informiert. Persönlich war er weiterhin nicht zu erreichen. Gegen ihn wurden Tierhaltungs- und Betreuungsverbote angeordnet.

Die erste Zeit danach habe der Mann nicht reagiert, so der Landkreis weiter. Dann, nach drei Tagen, meldete er sich jedoch telefonisch. „Deutlich entsteht der Eindruck, dass ihm erst jetzt das Fehlen seiner Hunde aufgefallen ist“, schildern die Veterinäre ihren Eindruck. Der Halter habe daraufhin versucht, die Mitarbeiter des Veterinäramtes durch Bedrohung zur Herausgabe der Tiere zu nötigen. Zuvor hatte er im Internet über die sie recherchiert. Die Behörde erstattete Strafanzeige. „Durch den Mut von Anzeigenden und Unterstützung weiterer beteiligter Personen, konnte diesen und anderen Tieren aus vernachlässigter Privathaltung geholfen werden“, resümiert der Landkreis dankend im Rückblick. Alsbald konnten die besagten Hunde in ein neues Zuhause vermittelt werden.

Er könne natürlich kein Psychogramm solcher Tierhalter erstellen, sagt Dr. Carsten Görner, Leiter des Veterinäramtes beim Landkreis Oldenburg im Gespräch mit unserer Zeitung – jeder Fall sei anders. „Manche Leute sehen nicht, was sie da machen und handeln nicht mit böser Absicht“, berichtet er aus der Praxis – so unverständlich dies auch erscheinen mag. Für das leidende Tier mache es gleichwohl keinen Unterschied, so Dr. Görner. Die Hintergründe seien teilweise komplex und erschlössen sich im Einzelfall manchmal auch seinen Mitarbeiter nicht. Extreme Fälle, wie der geschilderte, kämen im Kreisgebiet vielleicht ein bis zwei mal im Jahr vor, die Zahlen schwankten über die Jahre. 2018 seien 169 Tierhaltungen kontrolliert worden.

Kommen angezeigte Fälle vor Gericht, gebe es Licht und Schatten. „Aus unserer Sicht wird nicht jeder Fall mit der nötigen Konsequenz verfolgt“, kritisiert Dr. Görner. Das sei dann frustrierend für alle Mitarbeiter. Es dränge sich der Eindruck auf, dass die Justiz mit einem anderen Maßstab messe und diese Art Fälle als eher nachrangig bewerte: Als Beispiel nennt er einen Vorfall aus Wildeshausen, bei dem es sich um vernachlässigte Pferde handelte. Der Halter sei mit einer nur sehr geringen Geldstrafe davongekommen. „Dann hätten wir uns die Mühe gar nicht machen müssen“, sagt er sarkastisch über die Aufarbeitung der Tat. Das könne er unumwunden zugeben.

Doch nicht bei allen Fällen, die an das Veterinäramt herangetragen werden, handele es sich um Gefährdung des Tierwohls: Zum einen seien oftmals Nachbarschaftsstreitigkeiten oder Lärmbelästigungen der wahre Hintergrund, so Dr. Görner weiter. Das binde natürlich unnötig viel Arbeitskraft in seinem Hause. In anderen Fällen sei aus tierschutzrechtlicher Sicht nichts zu beanstanden. Doch müsse er Laien natürlich zugutehalten, dass dies für sie nicht immer zu erkennen sei: „Manche gehen vom eigenen Empfinden aus.“ Manchmal schaukelten sich „besorgte Bürger“ gegenseitig hoch. Aber selbst, wenn es bei einigen Fällen durchaus Verbesserungsmöglichkeiten gebe, könnten die Veterinäre rein rechtlich nicht immer das Optimum einfordern. Doch gebe es ebenso das genaue Gegenteil: Wenn etwa die Nachbarn von offensichtlichen Verstößen wissen, diese aber nicht anzeigen. „Es scheint schwer zu sein, nicht wegzuschauen“, fasst der Veterinär diese Fälle zusammen. „Wir sind dankbar für jede Anzeige“, sagt er abschließend. Doch wäre es wünschenswert, wenn es dabei einerseits weniger emotional und andererseits weniger zurückhaltend zugehe.

Auf etwas anderes können seine Kollegen und er völlig verzichten: Beleidigungen, Beschimpfungen oder Bedrohungen, wie sie auch im Veterinäramt – aber nicht nur dort – immer häufiger vorkämen. Im Extremfall müssten die Mitarbeiter des Amtes sogar unter Polizeischutz tätig werden, sagt Dr. Görner.

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