Stück der Hamburger Kammerspiele zeigt Tragik eines Mannes, der unter einem absurden Regime gesetzestreu sein möchte

„Judenbank“: Humorvolles Theater macht betroffen

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Peter Bause vor der „Judenbank“ im Forum des Gymnasiums.

Wildeshausen - Gesetzestreu, das würde der 65-jährige Dörfler Dominikus Schmeinta, der unter Muskelschwund leidet, gerne sein. Allerdings sieht er sich plötzlich per Gesetz eines ihm seiner Ansicht nach zustehenden Rechtes beraubt. Und zwar des Rechtes auf seine lieb gewonnene Sitzgewohnheit. Das Nazi-Regime brachte jüngst auf „seiner“ Bank – nämlich der mit der besten Aussicht auf den Ottersdorfer Bahnhof – ein Schild „Nur für Juden“ an. Und das, obwohl es in Ottersdorf gar keine Juden gibt. So beschließt er, den Führer in einem Brief höchstpersönlich zu bitten, ihn zu einem Juden zu machen.

In Reinhold Massags Theaterstück „Die Judenbank“, das die Hamburger Kammerspiele adaptierten und das der Kulturkreis Wildeshausen für eine Aufführung in die Wittekindstadt geholt hatte, brillierte am Sonntagabend im Forum des Gymnasiums Peter Bause. Der Schauspieler verkörperte in dem Solostück gleich alle neun Rollen, meisterte dabei Monologe, ebenso wie Dialoge. Er war die Hauptperson Dominikus, nur um sich einen Moment später in dessen faschistischen Neffen und Bürgermeister zu verwandeln. Oder in den jugendlichen Hansi, der an seinem Nazi-Vater verzweifelt. In die arbeitsame und kirchentreue Silly. In die ihren Ehemann denunzierende Lena. Oder in den NSDAP-Mann beim Verhör.

Auch ohne auffällige Kostümierung oder Requisiten fiel es spielend leicht, dem 72-jährigen die so verschiedenen Charaktere abzunehmen. Bause überzog die Figuren nicht. Ganz authentisch brachte er das Gespräch über den Gartenzaun herüber, die Situation am Familientisch, die betrunkene Heimkehr vom Nazi-Frühschoppen, und nahm das Publikum zwischendurch immer wieder als sinnierender Dominikus an die Hand, um mit seinen Monologen die Wissenslücken zu dem absurden und tragischen Geschehen in Ottersdorf zur Nazi-Zeit zu füllen.

Nun bringt Dominikus dieses neue Schild „Nur für Juden“ in eine Bredouille. Obwohl er seinen Nazi-Neffen, den Bürgermeister, darum bittet, will der nichts dagegen unternehmen. „Dem Führer muss gefolgt werden, auch wenn das heißt, seinen Arsch woanders hin bewegen zu müssen.“ Also macht sich Dominikus so seine Gedanken, was ein Jude eigentlich ist, und wie man einer werden kann.

„Also rassisch bist du in deinem Alter wohl eigentlich schon festgelegt“, klärt Großneffe Hansi ihn auf. Dann müsse es eben über die Religion gehen, meint Dominikus. „Ich will ja nichts werden, ich will ja nur die Bestätigung haben, dass ich etwas bin, damit ich wieder auf meiner Bank sitzen kann.“

In dem Stück wechseln sich lockere, humorvolle Sprache und Szenen mit Aussagen und Geschehnissen ab, die wie Bomben einschlagen. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto öfter bleibt dem Zuschauer das Lachen in der Kehle stecken. Dennoch schaffen es „Die Judenbank“ und Bauses Umsetzung, die richtige Mischung zwischen Unterhaltung und Betroffenheit bis zum Schluss aufrecht zu erhalten.

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