Studientage der Berufsbildenden Schulen Wildeshausen im Waltberthaus

Syrerin beeindruckt Schüler mit ihrem Flucht-Bericht

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Die Schülerinnen mit Sara (5. v. l.) und Mitorganisatorin Sabine Arnold (6. v. l.).

Wildeshausen - An diesen Unterrichtstag werden sich die Schüler der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Wildeshausen noch eine Weile erinnern: Unter Tränen berichtete eine junge, syrische Mutter am Donnerstag, dass Bomben ihr Haus zerstört hätten und alle Erinnerungen, zum Beispiel Hochzeits- und Kinderfotos, auf einen Schlag zerstört worden seien.

In einem kleinen, etwas abgedunkelten Zimmer des Waltberthauses saßen die neun 16- bis 17-jährigen Schülerinnen bei Kerzenlicht und stellten zu Anfang nur schüchtern ein paar Fragen an die lebensfroh wirkende Sara aus Syrien, die mit ihren Kindern, der fünfjährigen Julie und dem vierjährigen Khaled, gekommen war, um zu erzählen. Offen und ohne Scheu berichtete die 29-Jährige, wie sie lebt – mit ihrem Mann Tarek (38) und den Kindern in einer Drei-Zimmer-Wohnung –, was sie vor der Flucht aus Syrien getan hat – an der Uni Marketing, Werbung und Wirtschaft studiert – und wie es ihr hier gefällt – „I like Wildeshausen“.

Die junge Frau ist Christin, ihr Mann ist Muslim. Für die beiden sei das kein Problem gewesen, sagte Sara, die im November mit ihrer Familie nach 17-tägiger Flucht in die Turnhalle am Gymnasium kam und nach gut drei Wochen eine Wohnung von der Stadt erhielt. Für die Familie ihres Mannes war ihr Glaube offenbar schwer zu akzeptieren. Nachdem ihr Haus und der Betrieb ihres Mannes durch Bomben zerstört worden waren, lebte die Familie bei den Eltern von Tarek. Doch „sie lieben mich nicht so sehr“, drückte Sara das schwierige Verhältnis diplomatisch aus. Dazu kam noch die Angst vor dem IS. Da die junge Frau kein Kopftuch trägt, ist sie schnell als Christin erkennbar. „Zu Hause zu bleiben, ist zu gefährlich“, erkannte sie, und die Familie beschloss, nach Europa zu fliehen.

Diese Entscheidung führte Sara, Tarek und die beiden Kinder in ein Schlauchboot, das von der Türkei nach Griechenland übersetzte. Sie habe während der Fahrt geschrien und für die Sicherheit ihrer Familie gebetet, berichtete die 29-Jährige. Einige der Schülerinnen wischten sich ein Tränchen aus dem Auge und hörten angespannt zu. „Mein Sohn schlief, aber meine Tochter war wach und sah mich voller Furcht an“, erzählte Sara.

Sie hatten Glück. Das Boot kenterte nicht. In den folgenden zwei Wochen kamen sie über die Balkanroute nach Deutschland. Sara schilderte, wie sie nach einem langen Fußmarsch die Grenze von Mazedonien erreichten und mit dem Bus nach Serbien fuhren. Vorher hatte die Familie auf der Straße übernachtet. Es sei ein riesiges Gedränge an der serbischen Grenze gewesen, sagte die Syrerin. Aus Angst um ihre Kinder habe sie diese den Polizisten entgegengedrückt, die die Kleinen widerstrebend in Sicherheit gebracht hätten. „Danach brach ich zusammen.“

Rettungskräfte versorgten die 29-Jährige. Dies war der Tiefpunkt der Flucht. Weiter ging es per Bus und Zug bis an die österreichisch-deutsche Grenze. Dort habe die Familie eine schreckliche Nacht in einem überfüllten Lager neben einer Mülldeponie verbracht, so Sara. In einem bayerischen Aufnahmelager sei die Familie versorgt worden, bevor es per Zug und Bus nach Wildeshausen ging.

Während die neun Jugendlichen die emotionale Geschichte von Sara hörten, standen in den anderen Räumen des Waltberthauses weitere Flüchtlinge den insgesamt rund 40 Schülern Rede und Antwort. Das Fachteam Religion, Werte und Normen der BBS hatte die Veranstaltung zum Thema „Flüchtlinge bei uns“ organisiert.

bor

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