Strafen für „Rabenmütter“ und „Möchtegernjuristen“

Gildegericht urteilt Verfehlungen ab – hat aber noch Zeit für eine Bratwurst

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Dieser Trommler kam mit einer Geldstrafe davon.

Wildeshausen – Nanu, das Gildegericht tagt am Pfingstdienstag im Krandel, aber die Anklagebank ist leer? Richter Otto Böttcher zuckt mit den Schultern und seufzt: „Ich sehe da jede Menge Grünröcke nutzlos rumstehen“, bemerkt er. Doch Beine macht er ihnen nicht. Kollege Peter Decker schlägt stattdessen vor: „Wie wäre es mit einer Runde Tetris? Oder noch besser: Ich hole uns eine Bratwurst.“ Sämtliche Richter sind angetan, Decker läuft los. Es kommt, wie es kommen musste: Kaum ist die heiße Bratwurst da, führen die Grünröcke von der Wache jede Menge „Sünder“ vor.

Ein Angeklagter soll seiner Schwester gegenüber anzügliches Verhalten an den Tag gelegt haben. Andere müssen sich wegen Wildpinkelei verantworten, und manche einfach nur, weil sie in Twistringen geboren sind und ein Gildemitglied wuschig gemacht haben. Solch ein Verhalten will Carsten Kloster nicht dulden. Als Ankläger fordert er den dienstältesten Richter Böttcher auf, ein hartes Urteil zu sprechen. Dieser zögert nicht lange: „Zehn Euro Ordnungsgeld – und zügig die Stadtmauern verlassen.“

Eine „Rabenmutter“ trifft es noch härter. Sie wollte ihre Kinder nicht das Gildefest besuchen lassen. Böttcher drängt auf eine dreimonatige Erziehungskur in der Nachbargemeinde Dötlingen. „Damit aus Ihnen ein vernünftiger Mensch wird“, verkündet er. „Dort lernen Sie, wie man sich richtig anzieht und mit Messer und Gabel isst.“ Ganz billig sei das aber nicht. Pro Woche koste der Aufenthalt 3 000 Euro. Großzügig, wie das Gildegericht nun einmal ist, darf die „Rabenmutter“ in Raten zahlen – jeden Pfingstdienstag 20 Euro. Die Frau nimmt das Urteil – zur Überraschung von Böttcher – ohne Widerrede an. „Damit habe ich gar nicht gerechnet“, schreit der Richter mittlerweile ins Mikro und stoppt einen Offizier: „Hör mal, wer hat uns denn die Kapelle vor die Tür gestellt?“

Kaum hat das Orchester sein kleines Konzert beendet, folgt die nächste Ruhestörung. Ein „normales“ Gildemitglied kommt auf einer Wachetrommel spielend in den Gerichtssaal. Unerhört. „Und Amtsanmaßung“, wie Thorsten Wawrzinek erläutert. Er klagt den Mann zudem wegen Entwendung und Missbrauchs des Instrumentes an. Der Trommler hat zu allem Überfluss einen Verteidiger, der einfach nicht aufhört zu reden. Böttcher macht kurzen Prozess: 20 Euro sowie ein Strafkorn für den „Musiker“ und zehn Euro für den „Möchtegernanwalt“.

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