Unerwartete Abschiedsrede von Landrat Carsten Harings während der Kreistagssitzung

„Still und leise gehen“

Ein Mann steht an einem Rednerpult. Daneben klatschen Menschen Beifall.
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Frühe Verabschiedung: Landrat Carsten Harings (rechts) spricht zu den Mitgliedern des Kreistages.

Wildeshausen/Landkreis – Es war die erste Präsenz-Kreistagssitzung seit einem Jahr und sie dauerte viereinhalb Stunden. Und es waren vier der 17 Tagesordnungspunkte, die die meiste Zeit in Anspruch nahmen: die Neuordnung des Rettungsdienstes im Landkreis Oldenburg, der Einbau von Luftfilteranlagen in Klassenräumen sowie die finanzielle Entlastung der Kommunen durch den Landkreis und – damit inhaltlich einhergehend – die Schaffung einer Heranziehungssatzung für die Übernahme von Aufgaben im Sozialbereich durch die Kommunen.

Wurden schließlich alle Vorlagen gebilligt, war zuvor heftig debattiert, gestritten, polemisiert und unterstellt worden. Ganz anders ging die Sitzung zu Ende: Einvernehmlich erhoben sich alle der rund 40 Kreistagsabgeordneten in der Turnhalle des Wildeshauser Gymnasiums von ihren Plätzen und spendeten Landrat Carsten Harings Beifall. Der hatte in einer persönlichen Erklärung dargelegt, wie er in wenigen Monaten aus dem Amt scheiden wolle und werde: still und leise, auf jeden Fall ohne eine große, zentrale Veranstaltung.

Ruhig und sachlich begann Harings seine Ausführungen, die zuvor nicht öffentlich angekündigt worden waren und die er unter dem Tagesordnungspunkt „Mitteilungen des Landrates“ vortrug. Die „politische Alltagsarbeit“ sei an diesem Abend an einem Ende, sagte der Verwaltungschef. Dann kämen die Sommerferien, danach die Vorbereitungen der Kommunalwahl, danach die Bundestagswahl sowie deren Nachbereitungen. Deswegen sei nun Zeit und Raum, um innezuhalten und zurückzublicken: Im Jahr 2014 habe er das Amt zunächst kommissarisch übernommen. Auch nach seiner Wahl Ende Mai und dem offiziellen Amtsantritt im November habe er die Situation als sehr belastend empfunden. Ziel sei es gewesen, „das Schiff Landkreis Oldenburg“ auf Kurs zu halten, „durch schwere See“ zu fahren und Vertrauen zu gewinnen. Durch einen Schulterschluss von Belegschaft und Kreistags-Politikern sei es gelungen, das „Schiff“ in einen sicheren Hafen zu bringen. Die Doppelbelastung als Erster Kreisrat und Landrat habe ihn während dieser Phase an seine Grenzen gebracht, gestand Harings.

Ein Glücksgriff und Turbulenzen

Im Jahr 2015 habe der Landkreis mit Christian Wolf als neuem Ersten Kreisrat „einen Glücksgriff“ getan, lobte er seinen Stellvertreter ausdrücklich. Doch wer ab dann auf eine normale Zeit gehofft habe, sollte sich getäuscht sehen: Denn nur ein halbes Jahr später kam mit der Flüchtlingskrise eine neue Herausforderung auf den Landkreis zu. „Unvergessen und prägnant“, seien die Schicksale gewesen, denen man damals begegnet sei. Doch sei seine Zeit nicht nur von Turbulenzen, sondern ebenso von Weiterentwicklungen geprägtgewesen, sagte Harings und nannte einige Eckpunkte: 60 Millionen Euro seien in die Schulen investiert worden – „gut angelegtes Geld“ – sowie 31,5 Millionen Euro für 16,2 Kilometer Radwege und Kreisstraßen, der Neubau des Frauenschutzhauses wurde angeschoben, der Breitbandausbau erfolgte, FFH- und 19 Landschafts- und Naturschutzgebiete wurden geschaffen, die gelbe Tonne wurde eingeführt. Der Kreis gewann zwei nationale Preise für Klimaschutz, Posten im Kreishaus wurden paritätisch mit Frauen und Männern besetzt, so Harings. Und nicht zu vergessen: Der Landkreis habe „die seit Langem niedrigste Arbeitslosenquote im gesamten Oldenburger Land“. Die Verschuldung sei auf das Niveau von vor der Finanzkrise zurückgeführt worden.

„Mein letztes Jahr als Landrat habe ich mir sicher anders vorgestellt“, fuhr Harings fort. Er hätte sich bewusst zu Anlässen und auf Veranstaltungen bewusst verabschieden wollen. Daraus wurde aber nichts: „Es kam anders. Es kam, wie es vielleicht kommen musste.“ Denn Corona habe auch das auf den Kopf gestellt. Seit dem Ausbruch stehe die Verwaltung „täglich unter Volldampf“, ohne Pause – immer mit dem primären Ziel, „die Bevölkerung zu schützen und die Pandemie zu bekämpfen“. Dies sei eine Teamleistung gewesen, auf die er stolz sei, unterstrich Harings, und wiederholte diese Aussage gleich noch einmal: „Ich bin auf meine Kreisverwaltung stolz“, lobte er alle seine Mitarbeiter ausdrücklich.

Neuer Lebensabschnitt

Der Weg aus dieser hektischen Zeit führe für ihn in einen neuen Lebensabschnitt. Und diesen werde er „still und leise“ antreten, so wie er letztlich auch gekommen sei: „Es wird keine von mir organisierte zentrale Abschiedsveranstaltung geben. Das ist mein Wunsch.“ Er werde sich persönlich im Laufe der noch anstehenden Termine verabschieden. Insbesondere während dieser letzten Sätze war deutlich hörbar, dass ihm die Situation naheging. „Solche Veranstaltungen sind nicht für mich gemacht“, sagt er mit bewegter Stimme. Und wie zum Beweis fügte er an, dass er „emotionale Betroffenheit“ fürchte, war er um Nüchternheit bemüht. Zudem: „Ich habe mich nie für das Amt aktiv beworben oder gar hineingedrängt. Ich habe lediglich in schwierigen Zeiten Verantwortung übernommen.“ Er erachte es für angemessen, den Weg des Abschiedes auf diese Weise zu wählen.

Er habe sich als Landrat nie als wichtig gesehen: „Jeder Mensch, jede Kollegin und jeder Kollege, ist an seinem Platz gleich wichtig.“ Und so wäre es unpassend, wenn er sich „von dem tollen Team“ abhebe und wenn nur er gewürdigt werden würde: Alle hätten es verdient. Er bat seine Zuhörer um Verständnis für seine Entscheidung. „Es war und ist mir eine Ehre, dem Landkreis Oldenburg als Landrat dienen zu dürfen“, schloss Harings unter dem Applaus der Kreispolitiker und anwesenden Verwaltungsmitarbeiter.

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