Staunen, Ehrfurcht, Begeisterung, Versunkenheit: Chagall lockt 60 Gäste an

Faszination aus Farbe und Fantasie

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Julia Neulinger-Kahl (links) begrüßte zur Vernissage der Chagall-Ausstellung fast 60 Gäste, während Pianistin Christine Stengert den Abend musikalisch abrundete.

Von Anja Nosthoff. DÖTLINGEN. Alle Augen voll zu tun hatten am Freitagabend die fast 60 Besucher des Dötlinger Kunsthauses, die eine Rarität genossen: „45 Original-Chagall-Lithografien an einem Ort zu zeigen, das ist schon sehr selten“, freute sich Galeristin Julia Neulinger-Kahl über die außergewöhnliche Ausstellung, die nun zwei Monate lang im Kunsthaus zu sehen ist.

Marc Chagalls kompletter Zyklus „La Bible“ aus dem Jahr 1956 sowie die vollständige Reihe „Dessins pour la Bible“ von 1960 lockten zur Vernissage Kunstfreunde von nah und fern nach Dötlingen.

In den Bildern Marc Chagalls (1887-1985) konnten sich die Betrachter erwartungsgemäß vertiefen und verlieren. Sie erzählen verschiedene Szenen der Bibel aus Chagalls persönlicher Sicht – aus der Sicht eines russisch-orthodoxen Juden, der die russische Oktoberrevolution miterlebte, der sich von Paris und Berlin aus einen Namen als Künstler machte, der während des Zweiten Weltkriegs verfolgt wurde und mit seiner Familie nach Amerika auswanderte. Später kehrte er in seine Wahlheimat Frankreich zurück.

„Ich habe mich gewundert, warum Chagall in seine Bibel-Illustrationen überall Tiere mit einbringt – aber bei ihm ergibt das Sinn“, beschreibt Neulinger-Kahl eine Eigenart des Künstlers, die sie neben Farbintensität und Fantasiereichtum, für die Chagall so bekannt ist, berührte. Inmitten der Vernissage-Besucher steht die Galeristin in Anbetracht der berühmten Originale, die nun ihre Wände schmücken, immer noch staunend und auch ein wenig ehrfürchtig da. „Die Lithografien wurden damals in einer relativ hohen Auflage angefertigt. Aus diesem Grund sind tatsächlich noch Originale zu haben“, erklärte sie.

Denn alle ausgestellten Werke sind auch käuflich zu erwerben. Sie gehören der Osnabrücker Kunsthandlung Hülsmeier, dessen Inhaber Wolfgang Middelberg nicht nur jedes einzelne Exemplar individuell passend zur Bildfarbgebung gerahmt hat, sondern die Lithografien auch deutschlandweit für Ausstellungen in Museen, Bistümern oder Kunsthäusern ausleiht.

Die Natur feiert Chagall in seinen Werken zur Bibel als Ergebnis von Gottes schöner Schöpfung, eine Harmonie zwischen Mensch und Tier kommt in den Bildern oftmals zum Ausdruck. Für ihn symbolisierte das wohl auch den Frieden, zu dem der Glaube führen kann. „Chagall setzte sich nach seinen Erfahrungen mit dem Krieg verstärkt wieder mit seinem Glauben auseinander“, berichtete Neulinger-Kahl. Der Künstler wollte die Bibelbotschaften damit auf seine Weise einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen – was wiederum die hohe Auflage der Lithografien erklärt.

„Chagall war nicht nur ein toller Künstler, er war auch ein ganz uneitler Mensch“, begeisterte sich Neulinger-Kahl. Er habe einmal gesagt, wenn jemand Symbole in seinen Bildern finde, dann sei das nicht beabsichtigt. Vielmehr erschließe sich jedem Betrachter in Kontakt mit einem Bild etwas ganz Eigenes.

Neulinger-Kahls persönliche Lieblingswerke der neuen Ausstellung sind einerseits die vier Bilder, die zeigen, wie Moses von Gott die Gebetstafeln empfängt: der empfangende, der haltende, der emporschauende und der herabschauende Moses. Aber auch für das Bibelzykluss-Deckblatt, das David mit der Harfe zeigt, empfindet sie besondere Begeisterung.

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