Bürgermeister Jens Kuraschinski hält Vortrag beim Kolpinggedenktag im Waltberthaus

Wildeshausens Stadtgeschichte mit Höhen und Tiefen

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Mit dieser Urkunde bekam Wildeshausen das Bremer Stadtrecht verliehen. Die Siegel sind verloren gegangen.

Wildeshausen - Von Jürgen Bohlken. „Man muss sich diese Zahl mal auf der Zunge zergehen lassen“, sagte die kommissarische Vorsitzende Karola Müller, als sie am Sonntag zu Beginn des Kolpinggedenktages im Waltberthaus Conrad Kramer für 60-jährige Treue zur Kolpingsfamilie Wildeshausen ehrte. Zahlen, Daten und Begebenheiten aus der Geschichte der Kreisstadt ließ Bürgermeister Jens Kuraschinski folgen.

Locker-flockig und mithilfe einer Powerpoint-Präsentation arbeitete er sich vom Mittelalter bis in die Gegenwart vor. Er begann seinen Vortrag mit ein paar Eckdaten: Das Stadtgebiet messe 89,48 Quadratkilometer. 20 424 Menschen hätten ihren Hauptwohnsitz in Wildeshausen. Die Einwohnerzahl des Landesamtes für Statistik, 19 628 (Stand: 30. Juni 2016), hinke hinterher, sei aber maßgeblich für die Höhe der Schlüsselzuweisungen.

Eine seichte Stelle in der Hunte, über die das Gewässer gut zu überqueren war, habe im Zusammenhang mit der frühen Besiedelung Wildeshausens eine Rolle gespielt. Ebenso die Lage am Pickerweg. Über diese Flämische Handelsstraße seien im Übrigen 850/851 auch die Reliquien des Heiligen Alexander überführt worden, so Kuraschinski. Das seinerzeit gegründete Alexanderstift wurde in den folgenden Jahren mit Besitzungen reich beschenkt.

Zeitweise bedeutender als Oldenburg

Der Bürgermeister streifte den Bau der Alexanderkirche im elften und zwölften Jahrhundert. Per Beamer warf er eine Aufnahme jener Urkunde auf die Leinwand, mit der Bremens Erzbischof Wildeshausen 1270 die Stadtrechte verlieh. Damit einher gingen die Schenkung eines Grundstückes für den Rathausbau, der Bau der Stadtmauer sowie das Markt- und das Münzrecht. Erwähnung fanden ebenso die Verpfändungen Wildeshausens – etwa nach Münster oder Hoya – und Rückverpfändungen aus dem 15. Jahrhundert. Zeitweise sei die Wittekindstadt sogar bedeutender gewesen als Oldenburg, so Kuraschinski.

Nach einer Auseinandersetzung mit der münsterschen Regierung in der Reformationszeit, bei der Wildeshauser Bürger einen Geistlichen erschlugen, bekam die Stadtentwicklung dann aber einen herben Dämpfer verpasst: Münstersche Truppen besetzten 1529 Burg und Stadt; Bürgermeister Lickenberg wurde hingerichtet, die Stadtmauer zerstört und Wildeshausen zu einem Flecken herabgestuft. Die alte Herrlichkeit kam nie wieder ganz zurück. Wohl aber das Stadtrecht. Und zwar zunächst, 1544, in eingeschränkter Form, wie Kuraschinski ausführte. Erneut sei damals eine Wallanlage gebaut worden.

Die wichtige "03"

Mehrere bedeutende Begebenheiten lassen sich, wie der Vortrag veranschaulichte, Jahreszahlen mit einer „03“ am Ende zuordnen. Den Wildeshausern selbst fällt hier sofort die Schützengilde ein. Deren Geburtsjahr 1403 wurde allerdings erst 1903 offiziell festgeschrieben. Seinerzeit hatte Wildeshausen nicht nur 500 Jahre Gilde, sondern auch 100 Jahre Zugehörigkeit zum Oldenburgischen feiern können. Letztere war nach dem Reichsdeputationshauptbeschluss von 1803 besiegelt worden.

Aus dem Jahr 1703 datiert indes der Bau des Amtshauses auf der Herrlichkeit. Der Hintergrund: Stadt und Amt Wildeshausen waren drei Jahre zuvor – nach wechselnder Zugehörigkeit zu Schweden (1648–1679) und Münster (1689–1700) – dem Kurfürstentum Hannover zugeschlagen worden. „Die Hannoveraner haben hier einen Amtmann eingesetzt“, erläuterte der Bürgermeister.

„Das sollten wir feiern“

Kuraschinski streifte unter anderem auch die Industrialisierung, die in Wildeshausen mit deutlicher Verspätung einsetzte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sei die Stadt noch vorwiegend landwirtschaftlich und von Handwerksbetrieben geprägt gewesen. Das änderte sich gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Ansiedelung der Brauerei Schloss Wittekind sowie einer Fleischwaren- und einer chemischen Fabrik.

Zu Spekulationen, wonach Sachsen-Herzog Widukind nie persönlich Wildeshausen besucht haben soll, meinte Karola Müller schmunzelnd: „Wir glauben, dass er hier war und hier ein Liebesnest hatte!“ Jens Kuraschinski wagte auch einen Blick nach vorn: In drei Jahren liege die erstmalige Stadtrechtsverleihung 750 Jahre zurück. „Das sollten wir feiern“, meinte der Bürgermeister.

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