„Geschichte im Rathaus“ mit Hedwig Röckelein

Sollte der Heilige Alexander Wundertaten vollbringen?

Hedwig Röckelein referierte am Mittwochabend auf Einladung des Bürger- und Geschichtsvereins Wildeshausen über die Reliquienüberführung des Heiligen Alexander von Rom nach Wildeshausen. - Foto: Nosthoff

Wildeshausen - Von Anja Nosthoff. Wie und warum kamen die Reliquien des Heiligen Alexander von Rom, Sohn der Märtyrerin Felicitas, im Jahr 850 nach Christus ausgerechnet nach Wildeshausen? Dieser Fragestellung widmete sich während des Vortragabends in der Reihe „Geschichte im Rathaus“ am Mittwochabend im Saal des historischen Rathauses Hedwig Röckelein unter dem Titel „Wer, wann, wohin, warum? Der Heilige Alexander kommt nach Wildeshausen“.

Die Professorin aus Göttingen war auf Einladung des Bürger- und Geschichtsvereins nach Wildeshausen gekommen. Rund 60 Zuhörer besuchten den Vortrag. Bekannt ist den meisten Wildeshausern, dass die Reliquien, nach denen heute noch die Alexanderkirche benannt ist, durch Graf Waltbert, Sohn des Widukind, nach Wildeshausen kamen. Röckelein erläuterte, durch welche Beziehungen dies möglich wurde. Immerhin lag Rom zum einen weit entfernt – nämlich eine Reise von drei bis vier Monaten. Und zum anderen waren Heiligenreliquien im ganzen Christenreich heiß begehrt.

Kam eine Fürstenfamilie in den Besitz einer Reliquie, so erläuterte Röckelein, dann eignete sich die Familie den Ruf und den Charakter dieses Heiligen an. Er fungierte als Repräsentant der Familie. In seinem Namen wurden auch Kirchen und Schulen für Geistliche gebaut. „Die Gräber der Familienmitglieder wurden in Sichtweite des Heiligen errichtet“, so Röckelein. Der Reliquienkult hatte also Auswirkungen auf viele Lebensbereiche. Um Reliquien zu erlangen, brauchte man in erster Linie gute Beziehungen zu Herrschern und zum Papst.

Die hatten Widukind und sein Sohn Waltbert offenbar. Das ergab sich durch die damalige „hochbrisante politische Situation“, informierte Röckelein. Das Frankenreich teilte sich zu der Zeit in drei Reiche. Gegen den Einfluss des Herrschers vom Ostfrankenreich, Ludwig dem Deutschen, ging Widukind mit Kaiser Lothar I. und dessen Sohn Ludwig II. ein Bündnis ein. Das geschah dadurch, dass er seinen Sohn Waltbert zum Hofe Lothars gab, wo er aufwuchs und erzogen wurde und wohl wie ein eigenes Kind der Kaiserfamilie, die zum Adelsgeschlecht der Karolinger gehörte, angesehen wurde. Lothar I. war nicht nur bis 855 nach Christus Kaiser von Rom, sondern von 843 bis 855 auch König des fränkischen Mittelreiches.

Die Karolinger waren ihrerseits beim Papst und beim römischen Volk hoch angesehen, da sie Rom als eine wichtige militärische Gruppierung im Kampf gegen die Sarazenen beigestanden hatten. So wurde der Bitte der Karolinger einstimmig nachgekommen, dem Grafen Waltbert die Reliquien des Märtyrers Alexander auszuhändigen. Die „Translation“ der Heiligenreliquien in den Norden sollte die Ausbreitung des Christentums fördern und festigen. Der Heilige Alexander war ein römischer Märtyrer: Er war einer der sieben Söhne der Märtyrerin Felicitas und wurde laut seiner Passionsgeschichte im Jahr 165 nach Christus gemeinsam mit seinen Brüdern vor den Augen der Mutter zu Tode gemartert.

Im sächsischen Wildeshausen kam ihm, so Röckeleins Hypothese, wohl dann die wichtige Rolle zu, im Wettkampf zu dem Heiligen Willehad (740 bis 789) aus Bremen, einem Missionar und Bischof, unter den Kranken und Bedürftigen in den von den Herrschaftsgebieten umkämpften Landzügen Wundertaten zu vollbringen – und damit derjenige zu sein, dem das Volk zugetan war und dem es seine Sorgen und Nöte anvertrauen konnte.

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