„Es tun sich Sachen auf, von denen träumen Sie nicht mal“

Leiterin des Frauenhauses berichtet über ihre Arbeit

Wildeshausen - Von Ove Bornholt. Mehr als siebenmal pro Tag fliegen in Haushalten im Landkreis Oldenburg die Fäuste, und Frauen, Kinder oder Männer werden Opfer von häuslicher Gewalt. Zudem hat sich der Beratungsbedarf für Opfer sexueller Gewalt in den vergangenen drei Jahren verdreifacht. „Es tun sich Sachen auf, von denen träumen Sie nicht mal“, berichtete Karin Kohorst-Thölke, Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses, am Dienstagabend während der Sitzung des Integrations- und Gleichstellungsausschusses im Kreishaus.

Für weibliche Opfer ist das Frauenhaus oft der letzte Ausweg, wenn sie in Gefahr sind. 70 Frauen und ihre Kinder wurden dieses Jahr im Landkreis Oldenburg aufgenommen. Da jedoch nur zehn Plätze vorhanden sind, musste Kohorst-Thölke die Anfragen von 45 Frauen mit 56 Kindern ablehnen. Die Opfer stünden dann jedoch nicht auf der Straße, berichtete sie. Stattdessen werde in Frauenhäusern in Nachbarkreisen und -städten nach freien Plätzen gesucht.

Kohorst-Thölke betreut auch die Beratungsangebote „Biss“ (häusliche Gewalt) und „Aufwind“ (sexuelle Gewalt). Bei Letzterem ist die Nachfrage stark gestiegen. Von 285 (Jahr 2015) auf 705 Beratungen in diesem Jahr. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass Betroffene sich per Internet-Chat an die „Aufwind“-Mitarbeiter wenden können. „Sie glauben nicht, was alles online berichtet wird“, so Kohorst-Thölke. Oft werde viel drumherum erzählt, und dann komme der Missbrauch raus. Bei beiden Angeboten geht es darum, den Opfern zu helfen, ohne gleich eine Anzeige zu erstatten. Das ist bei der Polizei anders, die sich auf einem schmalen Grat bewegt. Denn bei häuslicher Gewalt müssen die Beamten von Rechts wegen ermitteln, auch ohne Anzeige des Opfers.

Beratungsbedarf deutlich gestiegen

Neben Kohorst-Thölke waren noch weitere Fachleute zu Gast, um den Ausschuss über ihre Arbeit zu informieren. Die Wildeshauser Kommissarin Elke Fürste legte aktuelle Zahlen vor: Die Polizei bilanziert 267 Fälle häuslicher Gewalt im Landkreis für den Zeitraum von Oktober 2016 bis Oktober 2017. Und auf jede dieser Taten kommen etwa neun, die nicht aufgedeckt werden. 136 der bekannten Fälle ereigneten sich in einer Beziehung oder kurz nach einer Trennung, 89 zwischen Ex-Partnern und 42 im Familienkontext, also zum Beispiel, wenn die Eltern die Kinder schlagen.

Die hohe, in einer Befragung des Landeskriminalamts mit knapp 19. 000 Teilnehmern ermittelte Dunkelziffer erklärt sich Fürste damit, dass Frauen oft Angst hätten, dass „der Mann das Haushaltsgeld kürzt oder richtig zuschlägt, wenn es zu Ermittlungen kommt“. Zudem werteten Frauen die Tat teilweise nur als „Ausrutscher“. „Man kann sich vorstellen, wie groß der Eisberg ist und welch kleine Spitze wir sehen“, so die Kommissarin.

„Wir begleiten die Person auf dem Weg, für den sie sich entscheidet“

Dafür, dass Betroffene zum Beispiel im Umgang mit Behörden nicht alleine dastehen, ist Maya Kirstein vom Opferhilfebüro in Oldenburg zuständig. „Wir begleiten die Person auf dem Weg, für den sie sich entscheidet.“ Oft sei eine Anzeige nicht die beste Wahl. Kirstein und ihre Kollegin Susanne Lüken betreuen rund 140 Altfälle und haben dieses Jahr 138 neue Klienten bekommen. Ihr Bereich deckt große Teile des Oldenburger Landes ab. Neben kostenlosen und vertraulichen Gesprächen kann das Büro auch finanzielle Hilfen gewähren. Zum Beispiel beim Austauschen von Schlössern.

Weitere Informationen zu den Angeboten gibt es unter:

www.operhilfe.niedersachsen.de

https://aufwind.beranet.info

www.oldenburg-kreis.de/biss.html

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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