Selma Goldstein flüchtete als Jüdin aus Wildeshausen, nun berichtet sie darüber

„Jeden Dienstag wurde unsere Schulklasse kleiner“

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Selma Goldstein (l.) mit ihrer Tochter Inge Admiraal sowie Carsten Harings (l.) und Jens Kuraschinski.

Wildeshausen - Im Jahr 1942 wurde die Schulklasse von Selma Goldstein in Enschede (Niederlande) jeden Dienstag kleiner. Denn an diesem Tag fuhr der nächste Zug zum Konzentrationslager in Deutschland ab. Goldstein überlebte und kann so als 83-Jährige über ihre Erfahrungen berichten, die in Wildeshausen begannen. Als sie acht Jahre alt war, musste sie jedoch mit ihrer Familie flüchten.

Seit Montag ist die Jüdin in der Kreisstadt zu Gast. Am Dienstag besuchte sie die Klasse 8a am Wildeshauser Gymnasium und gestand, dass sie ganz schön aufgeregt sei. Es war das erste Mal, dass sie vor einer Schulklasse berichtete.

„Damit es leichter geht, habe ich vieles aufgeschrieben“, erklärte sie, erzählte dann aber doch recht frei über ihre Erlebnisse und stellte sich den Fragen der Schüler.

„Ich bin wie ihr hier geboren. Doch ich durfte schon bald nicht mehr hier in den Unterricht“, berichtete sie. Goldstein kam auf eine jüdische Schule in Oldenburg, während ihre Eltern in Wildeshausen blieben. Von hier wurde ihr Vater durch die Nazis abgeholt und ins Konzentrationslager gebracht. Selma Goldstein sah ihn noch einmal kurz in Oldenburg, konnte aber nicht mit ihm sprechen.

Die Familie hatte dennoch Glück im Unglück. Sie durfte noch ausreisen. Der Vater konnte aus dem KZ herausgeholt werden, und dann flüchteten die Goldsteins in die Niederlande, wo die Lage für die Familie jedoch später ebenfalls immer unerträglicher wurde.

Es war gestern spürbar, dass für die Schüler das alles, was damals geschah, nur schwer nachvollziehbar ist. Aber offenbar geht das nicht nur jungen Menschen so. Die jüdische Glaubensrichtung ist für viele Bürger offenbar schwer zu fassen und zu verstehen. „Juden sind auch Menschen. Viele glauben, dass wir etwas Besonderes sind“, sagte Goldstein und berichtete von Mitbürgern, die sie groß anstarrten, als ob sie ein wildes Tier sei und die fragen würden, „ob wir auch mit Messer und Gabel essen“.

Nach dem Schulbesuch war Selma Goldstein mit ihrer Tochter Inge Admiraal im Stadthaus, um sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen. Bürgermeister Jens Kuraschinski sprach der 83-Jährigen seine große Anerkennung aus. „Schön, dass Sie hier sind“, sagte er. „Ich finde es toll, dass sie den jungen Menschen über ihre Vergangenheit erzählen.“ Landrat Carsten Harings lief nach eigenen Angaben beim Besuch von Goldstein „ein kalter Schauer“ über den Rücken. „Ich habe Ihre Geschichte gelesen“, berichtete er. „Wir dürfen nicht vergessen, um die Zukunft gestalten zu können. So etwas wie damals passierte, darf nie wieder geschehen.“

dr

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