Gildekönig 1949: Hermann Schröder schoss Papagoy mit der Armbrust ab

Schwarzröcke hatten sich in die Betten gelegt

Gilde-König Hermann Schröder.

Wildeshausen - Es ist 68 Jahre her, als Hermann Schröder zum Gilde-König proklamiert wurde. Nach Erzählungen seiner Schwester Annelene Göricke hat Sohn Bernd die Geschichte für unsere Serie „König von Wildeshausen“ niedergeschrieben.

„Kurz vor Pfingsten holte er sich von seinem Vater Heinrich Schröder die Erlaubnis, um die Königswürde mitschießen zu dürfen, weil er erst 20 Jahre alt und somit noch nicht volljährig war. Vater Heinrich willigte ein, obwohl er nach seinen eigenen Aussagen kein Gildebegeisterter gewesen ist. Er wäre Pfingsten auch nie mit ausmarschiert. Erst später tauchte jedoch ein Foto auf, auf dem auch er als Schwarzrock zu sehen war.

Wildeshausen stand 1949 unter britischer Militärverwaltung. Es durfte nicht mit dem Gewehr geschossen werden, stattdessen verwendete die Gilde zum Schießen auf den Papagoy Armbrüste, die vor Pfingsten den Briten zur Kontrolle und Genehmigung vorgezeigt werden mussten. Zudem durften weder Offiziere noch Musik in einer Uniform ausmarschieren.

Gutes Wetter zu Pfingsten

Das Wetter am Pfingstdienstag (7. Juni 1949) war gut, es marschierten etwa 200 bis 300 Männer aus. Das Schießen unter der Stange verlief noch recht ungeordnet, Hermann trug eine Schramme an der Stirn davon. Er konnte sich aber letztlich im Finale durchsetzen.

Schwester Annelene hatte ihre kleineren Geschwister (Jürgen, fünf Jahre, und Inge, drei Jahre) mit in den Krandel gebracht. Nach der Proklamation auf dem Krönungstisch eilte sie unverzüglich ins Elternhaus, das sich damals an der Kleinen Straße befand, um ihrer Mutter bei den Vorbereitungen zu helfen. Dort wartete Mutter Anna, die von Annelenes Freundin Hannelore Hespe schon informiert worden war. 

Doch erst als der Lkw von Nordmann vorfuhr und der Fahrer fragte, wo er denn das Fass Bier hinstellen solle, war Anna Schröder wirklich überzeugt, dass die unglaubliche Neuigkeit auch tatsächlich der Wahrheit entsprach. Die Aufregung war groß im Hause Schröder, so war es gut, dass der langjährige Mitarbeiter Hein Hardemann zu Hilfe eilte.

Offene Tür bei Schröders

Das Fass wurde in die Badewanne im ersten Stock verfrachtet, Inges Wickelkommode kurzerhand in eine Biertheke umfunktioniert. Die Türen im Haus wurden ausgehängt und auf Böcke gelegt, sie dienten als Tische. Das war somit der erste Tag der offenen Tür bei Schröders. 

Die Nachbarn Feye und Freymuth brachten Geschirr und halfen bei den Vorbereitungen. Die umliegenden Bäckereien Wellbrock und Schnittker schafften Brot und Kuchen herbei, Schraders und Lütkefels steuerten Aufschnitt bei. Dabei sei gesagt, dass Lebensmittel zu dieser Zeit rationiert und nur über Lebensmittelkarten zu besorgen waren.

Als Königin ließ Hermann, der ja mit seinen 20 Jahren noch nicht verheiratet war, im Krandel Hildegard Westphal ausrufen. Sie war die Freundin von Hermanns Freund Otto Jacobi.

Nach dem Einmarsch ging es von der Herrlichkeit für viele direkt an die Kleine Straße. Wachekameraden bezogen vor dem Hauseingang ihre Posten. Das Haus platzte aus allen Nähten, aber selbst die Musiker der Kapelle fanden noch irgendwo einen Platz. Erwähnt sei, dass 1949 auch bei Schröders noch Flüchtlinge einquartiert waren, der Platz war also eng. Anschließend ging es zum Feiern auf den Marktplatz. Auch Mutter Anna musste mit. Das war damals eine kleine Sensation, ging sie ansonsten doch eigentlich nie zum Feiern außer Haus.

Nachts kein Bett mehr frei

In der Nacht wieder zu Hause, war kein Bett mehr frei, hatten doch einige Schwarzröcke im Hause weitergefeiert und sich anschließen einfach in die Betten gelegt, um dort ihren Rausch auszuschlafen. Auch die Benutzung der Toilette erwies sich als schwierig, da dort die Biertheke, sprich Wickelkommode, den Weg versperrte.

Die siegreiche Armbrust hatte eine gewaltige Zugkraft, da die aus Holz bestehenden Flügel mit einem Metallbügel verstärkt worden waren. So musste Hermann nach dem Gildefest in den Rathaussaal kommen, um den Briten die Armbrust nochmals vorzuführen. Denn es galt damals noch ein sehr strenges Wiederbewaffnungsverbot. 

Um keinen Ärger zu bekommen, spannte Hermann die Armbrust zunächst ganz schwach, der abgeschossene Bolzen flog keine fünf Meter weit. Dies machte die Briten misstrauisch, er musste die Armbrust nun voll spannen. Der abgefeuerte Bolzen zischte quer durch den Rathausaal und blieb in der gegenüberliegenden Mauer stecken. Doch anstatt die Armbrust zu konfiszieren, tranken die Briten mit dem jungen Gildekönig tüchtig Bier und Rübenschnaps – Hermann dufte seine Armbrust behalten.

Eine kleine Besonderheit: Im Jahr 1943 war Hermann 14 Jahre alt, er sollte eigentlich konfirmiert werden. Doch in den Kriegswirren kam es nicht dazu. Erst als seine jüngere Schwester Beate im Frühjahr 1949 Konfirmation hatte, erhielt auch Hermann seine Einsegnung. So kam es, dass er innerhalb von nur wenigen Wochen erst konfirmiert und dann Schützenkönig wurde.“

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