Zehn Jahre Rektor der Realschule Wildeshausen

Schulleiter Jan Pössel: „Die tägliche Arbeit wird anspruchsvoller“

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Die Realschule in Wildeshausen wird es auch in zehn Jahren noch geben, sagt Rektor Jan Pössel.

Jan Pössel ist seit zehn Jahren Leiter der Realschule in Wildeshausen. Seit seinem ersten Tag als Rektor hat sich viel geändert. Im Interview spricht Pössel über den Wandel im Schulalltag und über die neuen Anforderungen, die eine neue Schülergeneration mit sich bringt.

Wildeshausen - Seit zehn Jahren ist Jan Pössel Rektor der Realschule in Wildeshausen. Im Interview verrät er, warum er an eine Zukunft für diese Schulform glaubt, vor welchen Herausforderungen Pädagogen heutzutage stehen und warum Jugendliche immer noch rechnen lernen sollten.

Herr Pössel, waren Sie ein guter Schüler?

Ich glaube schon. Das Lernen ist mir nicht schwer gefallen und ich habe meine Lehrer teilweise wahnsinnig gemacht, weil ich gleichzeitig reden und aufpassen konnte.

Erst haben Sie die Lehrer wahnsinnig gemacht, dann sind Sie selber einer geworden. Warum?

Mit 14 Jahren habe ich meine erste Jugendhandballmannschaft trainiert und gemerkt, dass es mir leicht fällt, vor Gruppen zu agieren. Da war es dann naheliegend, beruflich etwas mit Jugendlichen zu tun. Außerdem hatte ich selbst ein paar Lehrer, die mich inspiriert haben. So kam eins zum anderen und ich wurde Lehrer.

Seit 1999 sind Sie Lehrer in Niedersachsen. Gibt es unterschiedliche Schülergenerationen?

Das empfinde ich nicht so. Es geht immer um das Gleiche: ein Arbeitsbündnis schmieden, die Schüler ernst nehmen und mit ihnen lachen. Aber es muss immer klar sein, dass im Zweifelsfall die letzte Ansage von mir als Lehrer kommt.

Hat sich das Verhalten der Schüler denn in den vergangenen Jahren verändert?

Die sozialen Medien haben den Umgang miteinander im vergangenen Jahrzehnt stark verändert. Der persönliche Kontakt, sich nach der Schule zu treffen, das ist weniger geworden. Stattdessen schreiben sich die Jugendlichen mehr in Chats.

Liegt das aber nicht auch daran, dass die Jugendlichen heute mehr Zeit in der Schule verbringen als früher?

Das ist in meinen Augen nicht die Hauptursache für dieses veränderte Sozialverhalten, was die Realschule auch aufgegriffen hat. Zum Beispiel haben alle Schüler eine eigens für sie erzeugte E-Mail-Adresse.

Was für Veränderungen haben soziale Medien für Sie als Lehrer noch im Umgang mit den Schülern verursacht?

Wenn man früher gesagt hat, ich schlafe noch eine Nacht drüber, kommt heutzutage sofort eine Antwort. So kann sich aus einem Mini-Konflikt schnell eine große Sache entwickeln.

Gibt es denn häufig Beschwerden?

Wir haben knapp 800 Schüler – das sind 1 600 Eltern. Meine Kollegen und ich können es nicht jedem recht machen, also bleiben Konflikte nicht aus. Aber ich glaube, dass sich die Ziele der Eltern nicht verändert haben. Sie wollen immer noch das Beste für ihre Kinder. Und das wollen wir ja auch. Deswegen muss man sich manchmal auch in der Mitte treffen. Dass wir Beschwerden ernst nehmen, zeigt sich auch daran, dass Eltern nach spätestens 48 Stunden eine Antwort erhalten.

Jan Pössel

Die Digitalisierung hat auch in den Unterricht Einzug gefunden.

Ich bin ganz zufrieden mit der Mischung, die wir gefunden haben. Auf der einen Seite klassische Tafeln, auf der anderen Seite interaktive Touchboards. Für junge Kollegen sind neue Medien der Alltag, aber das Alter entscheidet nicht über den Zugang dazu. Eher die Interessenlage und die Affinität.

Müssen Jugendliche überhaupt noch lernen, wie mit einem Zirkel gezeichnet wird?

Es gibt natürlich auch Geometrie-Software. Aber ich sehe diese Frage als Urkonflikt: Als ich Schüler war, wurde gefragt, ob Wurzeln mit der Hand „gezogen“ werden müssen oder Taschenrechner erlaubt sind. Ich bin der Überzeugung, dass Schulen gut daran tun, grundlegende Techniken zu vermitteln.

Chats zwischen Schülern zeugen oft nicht gerade von einer ausgeprägten Rechtschreibkompetenz.

Es bleibt wichtig, einen Text zu schreiben, den jeder verstehen kann, der korrekt und nicht immer mit dem gleichen Satzbau verfasst ist. Abkürzungen und Verknappungen sind im Chat ja vollkommen in Ordnung, helfen in einem Bewerbungsschreiben und beim Vorstellungsgespräch aber nicht weiter.

Welches Fazit ziehen Sie, wenn Sie auf Ihre zehn Jahre als Rektor zurückblicken?

Es war eine super spannende Zeit, weil kein Tag wie der andere war. Oft war es schön, manchmal natürlich auch ärgerlich. Besonders im Gedächtnis ist mir das 100-jährige Jubiläum 2014 geblieben. Und auch von der Infrastruktur hat sich einiges getan. Die Pausenhalle wurde erweitert, es gibt neue Gruppenräume, der Innenhof ist saniert, der Spielbereich auf dem Schulhof wurde mit den Schülern neu gestaltet, und die sportlichen Anlagen sind renoviert. Das alles war aber auch notwendig, denn zuvor ist lange Zeit relativ wenig passiert.

Vor zehn Jahren gab es sicherlich noch mehr Realschulen als heute. Wird es die Realschule Wildeshausen auch in zehn Jahren noch geben?

In meinen Augen hängt das Verschwinden von Realschulen damit zusammen, dass Hauptschulen Probleme hatten und Kommunen aus beiden eine Oberschule gemacht haben. In Wildeshausen macht die Hauptschule aber eine herausragende Arbeit, deswegen war das hier auch nie eine große Diskussion. Dafür bin ich dankbar, denn wir konnten uns so auf inhaltliche Fragen konzentrieren. Wenn es nach mir geht, gibt es auch in zehn Jahren noch eine Real- und eine Hauptschule. Aber letztendlich ist das natürlich eine politische Entscheidung.

In ihre Amtszeit fällt auch die Aufstellung von Containerklassen.

Ich sehe nicht, dass die Schülerzahlen perspektivisch sinken, wie es oft vorausgesagt wurde. Das zieht sich durch meine Amtszeit.

Vor was für Herausforderungen stehen Lehrer?

Ich sehe mehrere sehr große Themen: Seit drei bis vier Jahren haben wir verstärkt Kinder von Wirtschaftsmigranten, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Dafür haben wir seit 2015 eine eigene Sprachlernklasse. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Inklusion. Da ist es nicht mit ein paar Rampen und breiten Türen getan. Die tägliche Arbeit wird anspruchsvoller, weil die Klassen heterogener werden. Auch die Digitalisierung wird uns noch lange beschäftigen, weil sie jede Lebenslage betrifft.

Wie sieht es mit der Besetzung von Lehrerstellen aus?

Wir haben es 2018 zum ersten Mal gehabt, dass sich bei drei Ausschreibungen niemand gemeldet hat. Wir hatten lange Zeit genug Bewerber. Aber zuletzt war es schwierig.

Eine wichtige Aufgabe im Schulalltag nehmen auch die Schulsozialarbeiter wahr.

Ja, wir sind sehr froh, dass die Kommunen die Finanzierung mit übernehmen. Die Jugendlichen sind einfach länger in der Schule, und Familienstrukturen verändern sich. Der Zusammenhalt ist oft nicht mehr so stark. Da sind Schulsozialarbeiter wichtig. Auch weil psychische Erkrankungen zunehmen und der Kontakt zu Familien mit Migrationshintergrund anspruchsvoll ist.

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