Kreis-Bauausschuss spricht sich nach langer Diskussion für Erweiterung des Kreishauses aus

Räumliche Nähe für den Gemeinschaftsgeist

Platzmangel: Sowohl das Gesundheitsamt als auch das Kreishaus sollen erweitert werden. 
Grafik: Landkreis
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Platzmangel: Sowohl das Gesundheitsamt als auch das Kreishaus sollen erweitert werden. Grafik: Landkreis

Wildeshausen – Es war eine lange Diskussion, die sich die Mitglieder des Kreis-Bauausschusses am Dienstagabend in der Turnhalle des Wildeshauser Gymnasiums geleistet haben. Mehr als eine Stunde lang zog sich die Debatte hin. Das Thema war gleichwohl ein wichtiges: Es ging um nichts weniger als die Erweiterung des Kreishauses sowie drei Anträge, von denen zumindest einer erhebliche Auswirkungen auf den Baubeginn hätte haben können (wir berichteten). Den rund 30 Zuhörern auf den Rängen wurde einiges geboten: technische Einlassungen, emotionale Appelle, persönliche Offenbarungen und Kompromissvorschläge. Die Aussprache begann jedoch mit einer ungewöhnlichen Ansprache von Landrat Carsten Harings: Er bat die Ausschussmitglieder eindringlich, den Antrag der CDU-Fraktion abzulehnen. Diese hatte unter anderem gefordert, die Maßnahme um zwei Jahre zu verschieben und derweil „alternative Organisations- und Arbeitsmodelle“ zu prüfen.

Harings schilderte noch einmal die Ausgangslage: akute Raumnot im Kreishaus, die sich über Jahre hinweg aufgebaut habe. Sämtliche freien Besprechungsräume seien inzwischen zu Büros umfunktioniert worden. Der Bedarf an neuen Plätzen sei nicht „herbeigerechnet“, sondern ergebe sich aus dem Status quo. Den viel beschworenen Bürokratieabbau werde es nicht geben: „Der ist ein Phantom“, sagte Harings. Im Gegenteil: Es würden immer mehr neue Vorschriften und Gesetze geschaffen. Diese wiederum bedingten einen höheren Personalbedarf. Alleine für die Umsetzung des „Niedersächsischen Weges“ benötige der Kreis zwölf weitere Mitarbeiter – für die es keinen Raum gebe. 14 Arbeitsplätze seien bereits ausgelagert.

„Home Office ist kein Tabuthema“, lenkte der Landrat ein, und er sei bereit, sich dem Thema „Telearbeit zu öffnen“. Nach der ersten Covid-19-Welle sei die Nachfrage nach dieser Arbeitsform seitens der Kreis-Mitarbeiter jedoch „überraschend gering“ gewesen. Im Gegenteil: Aus mehreren Ämtern hätten ihn Meldungen erreicht, dass die Angestellten wieder zurück an ihren Arbeitsplatz wollten – „sie vermissen die Kollegen“, so Harings. Seine Schlussfolgerung: „Es ist ein großer Gemeinschaftsgeist, der die Kreisverwaltung trägt.“ Und dieser sei auch aktuell von großer Relevanz: „Wenn wir den nicht hätten, dann hätten wir die Pandemie nicht so gut in den Griff bekommen, wie wir es haben.“ Alle nötigen Umstrukturierungen und Mehrbelastungen seien „ohne Diskussionen“ geschultert worden.

Doch müsse diese Grundeinstellung gepflegt und erhalten werden: „Gemeinschaftsgeist braucht Gemeinschaft“, unterstrich der Landrat die Bedeutung auch räumlicher Nähe. Um die Leistungsfähigkeit der Verwaltung in Zukunft aufrecht zu erhalten – eine Pensionierungswelle stehe bevor –, müsse sich der Kreis verstärkt um Auszubildende bemühen. Daher sollen künftig auch wesentlich mehr Berufsanfänger aufgenommen werden als bislang – sechs in jedem Jahr. Bei einer dreijährigen Lehrzeit seien das 18 Personen, „die ihren Platz finden und ausgebildet werden müssen“, unterstrich er. „Qualifizierte Arbeitnehmer brauchen den notwendigen Raum. Tun wir das nicht, riskieren wir fahrlässig die Leistungsfähigkeit der Verwaltung.“

Nach der emotionalen Rede des Landrates war es zunächst Marion Daniel (FDP), die für ihre Fraktion einschwenkte: „Wir haben den Appell des Landrates sehr wohl verstanden.“ Der Anbau werde jetzt benötigt, schloss sie sich Harings an. Die Kreistagsabgeordneten könnten mit einer Entscheidung „nicht mehr bis zur Wahl“ warten. Allerdings wünsche sich ihre Fraktion die Einrichtung einer Projektgruppe – unter Leitung des Landrates und gegebenenfalls auch mit externen Experten –, die sich künftig mit den Themen Digitalisierung, papierloses Büro und Telearbeit beschäftigt, um selbige voranzutreiben.

Das war denn auch das Stichwort für Dirk Vorlauf (CDU): Bei der Vorstellung der Anbaupläne im Herbst 2019 seien nur die räumlichen Erweiterungen im Blickpunkt gewesen. Doch hätten die Pandemie und die Bedeutung von Arbeiten und Lernen von zu Hause aus der Fraktion „die Augen für Alternativen geöffnet“. Diese seien „in der freien Wirtschaft gang und gäbe“ und hätten dort „zu guten Ergebnissen“ geführt. Das müsse auch in der Kreisverwaltung möglich sein. Unter Berücksichtigung neuer Techniken und Möglichkeiten wünsche sich die CDU ein „Gesamtkonzept Kreishaus“.

Den Ausführungen des Landrates „ist zuzustimmen“, stellte sich Kreszentia Flauger (Linke) gegen die Ausführungen Vorlaufs. Die Vorstellungen der CDU seien „unzumutbar und unvertretbar“. Die Raumverhältnisse seien bereits jetzt nicht mehr akzeptabel, entgegnete sie. Das Home Office habe auch negative Seiten, insbesondere die „Entgrenzung von Arbeit und Zuhause“, unterstrich sie. „Es ist nicht immer alles gut, was neu ist“, so die Wildeshauserin. Zeitweises Arbeiten von daheim sei zwar in Ordnung, doch nicht auf Dauer: „Solidarität, Gemeinschaft und Teamgeist fallen weg.“ Eine Absage erteilte sie auch dem Antrag der Grünen, die eine „offene Bauweise“ mit flexiblen Wänden und „Teambüros“ befürworteten – da nicht jeder ein Mitarbeiter ein eigenes Büro benötigte. Es könne nicht sein, so Flauger, dass sich die Angestellten „mit einem Rollcontainer“ täglich ihren Arbeitsort suchen müssten. Beide Anträge machten die Arbeitsabläufe und den Kreis als Arbeitgeber nicht attraktiver. Dafür erntete sie Applaus von den Zuhörern auf der Tribüne der Sporthalle.

Damit waren die Grundpositionen in der Debatte, die sich insgesamt über mehr als eine Stunde hinzog, abgesteckt. Götz Rohde (Grüne) lobte die Möglichkeiten von Home Office und eines papierlosen Büros. Klaus Budzin (SPD) verkündete die Zustimmung seiner Fraktion zu den Plänen der Verwaltung – und seine Ablehnung für die Ideen der CDU und der Grünen. Er selber sei seit Mitte März im „mobilen Arbeiten“, sagte er, und könnte inzwischen „kotzen“. Das sei alles andere als einfach, und sei es nur, der Familie zu erklären, dass das Wohnzimmer nun für 14 Stunden sein Büro sei. Diese Form der Arbeit müsse „hochstrukturiert“ erfolgen, sagte er. Mit der zwingenden Folge: „Ich bin selber die Struktur, ich muss das selber schaffen.“ Zudem: „Die sozialen Kontakte gehen den Bach runter.“ In einer Verwaltung werde dies auf keinen Fall funktionieren. Auch er bekam Beifall von den Zuhörern.

Landrat Harings ergänzte noch, dass der Wunsch der Grünen nach einer offenen Bauweise ohne tragende Wände die Gesamtkosten nach Schätzungen des Bauamtes um rund 50 Prozent erhöhten: Statt 2 000 Euro je Quadratmeter seien es dann 3 000 Euro – insgesamt mehr als sieben Millionen Euro. Hajo Suhr (CDU) schickte vor der Abstimmung voraus, dass der Antrag seiner Fraktion vielleicht „etwas zu provokativ“ sei, doch sei er verantwortungsvoll, auch in Hinblick auf den Haushalt.

Allerdings stimmte nur seine Fraktion für diesen Vorschlag. Die Mehrheit billigt den Verwaltungsentwurf. Einstimmig begrüßte der Ausschuss die Einrichtung einer Arbeitsgruppe nach Vorschlag der FDP.  fra

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