Damals 14-jährige Hartmut Frensel betrieb Piratensender 

„Radio Wildeshausen“ war ein Jahr auf Sendung

Hartmut Frensel (2.v.l) als Messdiener am Altar der St.-Peter-Kirche.

Wildeshausen - Von Dierk Rohdenburg. Rund 52 Jahre ist es her, dass Wildeshausen etwa elf Monate lang einen eigenen Radio-Piratensender hatte. Überall wurde damals in der Wittekindstadt darüber spekuliert, wer „Radio Wildeshausen“ betrieb, das immer nur knapp eine Stunde auf Sendung war und aktuelle Beat-Musik spielte. Die Deutsche Bundespost hatte den Sender fast an der Bergstraße geortet, da wurde der Betrieb ganz plötzlich und dauerhaft eingestellt.

Wie nun in einem Buch nachzulesen ist, waren die Betreiber Hartmut Frensel und der technisch begabte Mitschüler der katholischen Volksschule Wolfgang Hogeback – heute interessanterweise bei der Telekom tätig.

Frensel ist mittlerweile 65 Jahre alt und lebt in Bremen. „Vom Discjockey und Rettungssanitäter zum Bezirksleiter der Deutschen-Angestellten-Gewerkschaft in Bremen, vom Gewerkschafter zum Unternehmer, vom Sozialdemokraten zum Mitbegründer der Wählergemeinschaft Arbeit für Bremen – Hartmut Frensel kämpfte gegen Filz und Bonz und hat Bremen mitgestaltet. Helmut Schmidt lud ihn ins Kanzleramt ein. Als Unternehmer sammelte er mit Alfred Biolek Geld für Jugendprojekte in Afrika. Mit Nana Mouskouri wagte er beschwipst ein Ständchen“, heißt es auf dem Klappentext des Werkes, das Frensel im Eigenverlag herausgebracht hat und das unter dem Titel „Überkreuz und meistens quer“ in jeder Buchhandlung für 18,90 Euro erhältlich ist. Die Motivation des 65-Jährigen für das Buch: Als er anderen aus seinem abwechslungsreichen Leben erzählte, rutschte es aus ihm heraus: Eigentlich müsste ich das alles mal aufschreiben.

Buchautor Hartmut Frensel.

Gesagt, getan – und die ersten Jahre von Frensel spielen nun einmal in der Nachkriegszeit in der Wildeshauser Geest, wo die Familie in einer armseligen Holzbaracke in Aschenstedt lebte. „Erst nach sechs Jahren erhielten wir eine Wohnung. Immerhin eine mit eigenem Plumpsklosett“, beschreibt Frensel die schwiegen Jahre nach der Flucht aus Oberschlesien. Später lebte der Junge bei seiner Mutter, die zeitweise den gewalttätigen Vater verlassen hatte, in Wildeshausen. Dort war er auch als Messdiener in der St.-Peter-Kirche aktiv. Wenig später schwärmte der Junge für Langhaarfrisuren und Beatgruppen. „Das waren die Jahre, in denen Hartmut sich quer legte“, heißt es in den Aufzeichnungen, die der Redakteur Harald Gerd-Brandt nach den Erinnerungen Frensels verfasst hat.

Das Projekt „Radio Wildeshausen“ entstand nach Angaben von Frensel auf einer Lieferbank für Milchkannen am Rande der Pestruper Straße. Diese Bank wurde nicht nur von den Milchwagen der Bauern und den Tankwagen der Molkerei angesteuert, sondern war auch ein beliebter Treffpunkt der „jungen Wilden“ von Wildeshausen. Die kamen nicht mit verbeulten Blechkannen daher, sondern mit Transistorradios. Die waren technisch der neuste Schrei, ein Statussymbol und vor allem ein „Schocker“ für die Erwachsenen, wenn damit die fetzigsten Hits in die verschlafene Gemeinde gestrahlt wurden. Per Kurzwelle rauschten die aktuellen Titel sogar aus Luxemburg heran.

Während dieser „tollen Abende“ kam der 13-jährige Hartmut Frensel auf die Idee, einen eigenen Sender zu betreiben. Sein Freund fand die Idee super und begann zu löten. Der Sender war in einer Zigarrenkiste eingebaut und hatte zwei Anschlüsse: einen für ein Mikrofon und einen für einen Plattenspieler. Die Sendeantenne war ein Kupferdraht, der an einer Fenstergardine angeklemmt wurde.

„An einem Sonntag im Jahr 1966 bereicherte unser Piratensender dann erstmals den norddeutschen Äther“, heißt es im Buch. Um genau 14 Uhr begann das Testprogramm mit „Get off of my Cloud“ von den Rolling Stones.

Hartmut Frensel (r.) mit Jens Koppermann beim Schneemann bauen an der Colnrader Straße.

Der Freund radelte mit einem Kofferradio Wildeshausen ab und stellte fest, dass der Sender eine Reichweite von vier Kilometern hatte.

„Jetzt allerdings begann ein riskantes Versteckspiel“, erinnert sich Frensel. „Da alle vorhandenen deutschen Frequenzen längst belegt waren, konnte der Bubenstreich mit Radio Wildeshausen nicht lange unentdeckt bleiben.“

Aus diesem Grund sendete Frensel zu ständig wechselnden Zeiten und immer nur unregelmäßig vier Mal die Woche. „So wussten die weit entfernten Spürtrupps der Bundespost nicht, wann sie mit ihrem Peilwagen ausrücken mussten. War die Fahrzeug-Armada mit ihren großen Richtantennen also endlich zur Stelle, um ihn einzukreisen, war meist schon wieder Sendeschluss.“

Die Abschlussklasse der Volksschule. Hartmut Frensel steht ganz rechts auf dem Foto.

Fast ein Jahr lang führte der radiobesessene Knabe gemeinsam mit seinem Schulfreund die Funkspezialisten an der Nase herum. Erst dann rutschte den beiden jungen Ätherpiraten das Herz in die Hose.

„Die Sache wurde heiß, als wir vor dem Fenster meiner Wohnung an der Wildeshauser Bergstraße während unserer Sendung auf einmal ein Fahrzeug mit großen Dachantennen bemerkten. Gerade noch rechtzeitig schalteten wir ab und gaben auf“, so Frensel. „Man konnte uns noch nicht wirklich überführen. Bei Nachfrage an der Haustür stritt meine unwissende Mutter dann auch völlig überzeugend alles ab.“

Damit wurde der Sendebetrieb von „Radio Wildeshausen eingestellt. Auf der Milchbank wurde jetzt wieder Radio Luxemburg gehört.

Frensel zog schließlich nach Bremen. Das Buch widmet sich anderen Begebenheiten. Doch der Kontakt zu Wildeshausen ist geblieben. Vor wenigen Tagen traf sich der Autor mit Elisabeth Pietrek und Adalbert Kluck in Bremen. Und im Frühling soll es wieder ein Klassentreffen – 50 Jahre nach dem Schulabgang – geben, bei dem möglicherweise auch „Radio Wildeshausen“ ein Thema für Erinnerungen sein wird.

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