Bewegender Leserbrief

Pflegerin zum Besuchsverbot im Altenheim: „Es zerreißt uns das Herz“

Ein Warnschild befindet sich an der Tür des Alexanderstifts in Wildeshausen. Foto: dr
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Ein Warnschild befindet sich an der Tür des Alexanderstifts in Wildeshausen.

Anlässlich der Corona-Krise hat Birgit Plath, Pflegedienstleiterin im Alexanderstift in Wildeshausen, einen bewegenden Leserbrief geschrieben.

„Wir durchleben momentan eine schlimme Zeit, die wir uns so niemals hätten vorstellen können. Höchstes Gebot ist es jetzt, die Gesundheit zu schützen – vor allem die Gesundheit derer, die besonders gefährdet sind: ältere Menschen und Personen, deren Immunsystem bereits geschwächt ist.

Damit wird gerade auch Mitarbeitern, die in Seniorenpflegeheimen tätig sind, eine sehr schwere Bürde auferlegt. Fast täglich werde ich von einem unserer Mitarbeitenden mit der Aussage konfrontiert: „Ich möchte nicht schuld sein, wenn das Virus hier ins Haus kommt...“. Diesem extremen psychischen Druck sind sie jetzt neben ihrer starken physischen Belastung auch noch ausgesetzt. Viele Pflegekräfte und Mitarbeiter anderer risikorelevanter Berufsgruppen arbeiten am Limit und wünschen sich nichts sehnlicher als einfach mal einen freien Tag zum Ausruhen.

Zu den genannten Belastungen kommt hinzu, dass eine Nachversorgung mit Schutzausrüstungen und Desinfektionsmitteln nicht gewährleistet ist. Diese benötigen die Mitarbeiter auch zu ihrem eigenen Schutz dringend. Es gibt zwar Empfehlungen, wie Einmalartikel zum mehrfachen Gebrauch genutzt werden könnten. Wir verbringen trotzdem Stunden am Computer damit, noch irgendwelche Desinfektionsmittel und Schutzausrüstungen zu horrenden Preisen aufzukaufen. Alles für den Fall, dass sich der Engpass weiter zuspitzt – Zeit, die wir eigentlich in Zeiten der Isolation für unsere Bewohner bräuchten. Sollten Institutionen noch irgendwelche Desinfektionsmittel oder Schutzkleidung haben, die sie aufgrund von Schließungen entbehren können, gebt sie ab an die Pflegeeinrichtungen.

Unsere Hauptaufgabe ist es momentan, das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten, denn es ist ja schon ein Risiko durch die Mitarbeiter gegeben, die die Versorgung sicherstellen müssen. Jedes weitere Risiko müssen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten ausschließen.

Auch für uns Pflegende ist es schlimm, dass wir unser Haus komplett abriegeln müssen. Der Kontakt zur Familie, Freunden und Bekannten ist oft das einzige Highlight, welches ein Heimbewohner noch hat, und es muss auch für Angehörige ein schmerzliches Gefühl sein, eventuell damit rechnen zu müssen, sich nicht mehr wiederzusehen. In ihrer Hilflosigkeit und Verzweiflung wird zum Teil das Pflegepersonal als mitleidslos und herzlos beschimpft. Wir sind nicht herzlos – im Gegenteil: Es zerreißt auch uns das Herz, das mit ansehen zu müssen und dabei auch noch die Kraft und Motivation aufrechtzuerhalten, morgens aufzustehen und unserer Aufgabe gerecht zu werden.

In Zeiten, in denen der persönliche Kontakt nicht möglich ist und auch nicht jede Einrichtung mit Internet ausgestattet ist, können Angehörige auf frühere Kommunikationswege zurückgreifen. Jede Einrichtung hat einen Briefkasten, und manchmal helfen beiden Seiten auch einfach eine handgeschriebene Karte mit persönlichen Worten, ein Foto oder Sprachnachrichten, aufgenommen auf einem USB-Stick, die wir stark eingeschränkten Bewohnern abspielen können.

Wir wünschen uns nichts mehr, als diese Zeit ohne schwere Verluste zu überstehen, und setzen alles daran beziehungsweise unsere gesamte Kraft dafür ein. Verständnis und moralische Unterstützung helfen uns dabei, diese Kraft zu erhalten und unsere Motivation nicht zu verlieren. Es geht darum, ein Gut zu schützen, welches durch kein Geld der Welt zu bezahlen ist. Jeder Einzelne ist verpflichtet, seinen Beitrag zu leisten und sich an die Vorschriften zu halten in der Hoffnung, diese Krise zu überwinden. Bleiben Sie gesund!“

Leserbriefe geben die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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