SPD-Ratsherr besucht Wildeshauser Putenzerlegung

Mit offenen Augen in der Geestland-Produktion

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Ein Blick in die Putenzerlegung bei der Firma Geestland.

Wildeshausen - Die Fleischindustrie hat keinen guten Ruf und steht immer wieder in der Kritik. Doch wie ist es, in bei einem solchen Betrieb zu arbeiten? Das wollte der Wildeshauser SPD-Ratsherr Matthias Kluck selbst erleben. Deshalb verbrachte er in dieser Woche einen Tag bei der Firma Geestland in Wildeshausen. Hier sein Bericht in Auszügen:

„Die beiden Geschäftsführer Norbert Deeken und Rüdiger Bajenski empfingen mich für einen ersten Austausch. Hier sprachen wir über meine Erwartungen an den Tag. Mir war es wichtig, die negativen Berichterstattungen vorerst möglichst auszublenden und mit offenen Augen durch den Betrieb zu gehen.

Die erste Station war das Ausnehmen von Innereien. Mehrere Angestellte stehen in einer Produktionsreihe. Jeder führt eine Entnahme durch. Nach intensiver Begutachtung konnte ich mich nicht überwinden, diese Arbeit durchzuführen.

SPD-Ratsherr Matthias Kluck

Weiter ging es durch das Unternehmen, dessen Größe man von außen nur erahnen kann. Insgesamt beschäftigt die Firma Geestland mehr als 900 Menschen. Knapp 600 sind hier über Werkverträge beschäftigt. Diese haben eine Stempelkarte zum Ein- und Ausstempeln. Die Mitarbeiter werden mit einem Bus zur Arbeit gefahren. Hierfür erhebt Geestland nach eigener Auskunft keine Gebühr. Knapp 300 Mitarbeiter sind unter anderem in den Bereichen EDV, Buchhaltung, sowie als kaufmännische Mitarbeiter, Schlosser, Tierwirte und in weiteren Bereichen beschäftigt.

In der Abteilung Verpackung konnte ich aktiv mitwirken. Herr Bajenski ließ mich alleine am Band stehen, und ich konnte mit Mitarbeitern reden – aufgrund sprachlicher Barrieren teilweise mit Händen und Füßen.

Einpacken unter hohem Tempo

Die Gespräche waren für mich sehr spannend. Das Einpacken von Fleisch wird in hohem Tempo durchgeführt. Man merkte, wer schon länger dabei war. So hatten die Frauen einiges zu lachen, da ich anfangs nicht richtig mitkam. Schwere Gegenstände werden immer von zwei Mitarbeiterinnen getragen. Sie sagten mir, das sei in Ordnung.

Einmal konnte ich beobachten, dass einer der Vorarbeiter lediglich damit beschäftigt war, den Arbeitnehmern auf die Hände zu schauen. Diesen Fall habe ich während des gesamten Produktionsprozesses jedoch nur einmal erlebt. Sonst war für mich nicht zu erkennen, wer als Vorarbeiter beschäftigt war.

Der Eindruck des hohen Tempos setzte sich bei weiteren Beobachtungen im Zerlegungsprozess fort. Besonders erstaunt hat mich die Geschwindigkeit derjenigen, die die Putenbrust freigeschnitten haben. Diese Arbeiter werden pro Kilogramm bezahlt. Auf Nachfrage wurde mir erklärt, dass sie bei Krankheit einen Durchschnittslohn der vergangenen Monate erhalten.

Betriebsrat und Arzt ansprechbar

In einem separaten Raum war ein Arzt anwesend. Dieser hat die zu ihm kommenden Personen behandelt. Ebenso ist ein Betriebsrat für die Arbeitenden ansprechbar. Dieser setzt sich aus bulgarischen Mitarbeitern der Produktion und der Verwaltung zusammen.

Herr Bajenski zeigte mir die Ankunft der Puten, die Lagerung der Lebendtiere (höchstens vier Stunden), die Einführung der Vögel in den Produktionsprozess und die Betäubung. Die Puten wurden nach der Betäubung von vier bis fünf Personen weitergereicht und an den Beinen aufgehängt. Die Mitarbeiter achten darauf, dass die Tiere wirklich betäubt sind. Andernfalls werden sie dem Prozess erneut zugeführt. Danach folgt ein rotierendes Messer, das den Puten die Kehle aufschneidet.

35.000 Tiere werden hier jeden Tag geschlachtet und verarbeitet. Besonders positiv fand ich, dass Herr Bajenski seine Mitarbeiter grüßte und bei Problemen auch mit anpackte.

Die Reaktion der Arbeiter war stets positiv und schien mir nicht gespielt zu sein. Überrascht war ich, dass Geestland seinen Mitarbeitern, die unter anderem am Standort Wagenfeld untergebracht sind, Deutschunterricht anbietet. Dieser ist freiwillig und wird nach Auskunft der Geschäftsleitung leider viel zu wenig angenommen. Für mich ist wichtig, dass die Menschen die über einen längeren Zeitraum bei uns sind, deutsch sprechen können. Diesen Sachverhalt konnte ich im Anschluss mit Herrn Deeken offen besprechen. Er informierte mich auch darüber, dass das Unternehmen seine Mitarbeiter bei Behördengängen unterstützt.

Das Unternehmen Geestland bemüht sich um Nachhaltigkeitszertifikate und hat auch bereits einige Zertifizierungen erworben.

Im abschließenden Gespräch mit Herrn Deeken schilderte ich meine Eindrücke. Die sprachliche Barriere war hier unser Hauptthema. Ich teilte ihm mit, dass die Stadt ein Integrationskonzept plant und ich mich sehr freuen würde, wenn die Firma Geestland aktiv mitwirkt und bereit wäre, finanziell etwas beizusteuern. Diese Bereitschaft wurde mit dem Satz ,da können Sie mich beim Wort nehmen‘ signalisiert.

Mein Fazit: Am Abend vor meinem Besuch habe ich mir eine Dokumentation über die Firma Westfleisch angesehen. Mit gutem Gewissen kann ich sagen, dass Geestland nicht Westfleisch ist.

Ich bin froh, diese Erfahrung gemacht zu haben und habe das Gefühl, dass sich die Unternehmensführung bemüht und auch bereit ist, Veränderungen herbeizuführen. Sehr gefreut habe ich mich über die mündliche Zusage, die Stadt bei definierten Integrationsprojekten finanziell zu unterstützen. Der transparente Umgang mit der Produktion und die Möglichkeit, wann immer ich wollte, stehen zu bleiben, mitzuarbeiten und Fragen zu stellen, fand ich beeindruckend. Nichtsdestotrotz ist die hohe Anzahl an Mitarbeitern mit Werkvertrag ein Missstand. Der Geruch und die Lautstärke, die diese Tätigkeiten mit sich bringen, gepaart mit dem Tempo, sind weitere erschwerende Faktoren.

Natürlich kann ich nach einem Tag kein abschließendes Urteil fassen und Bereiche wie Bezahlung und Unternehmensklima nicht beurteilen. Dennoch war es für mich eine tolle Möglichkeit durchs Schlüsselloch zu schauen. Die Unterbringung der Menschen in Wagenfeld wird am 2. November mein nächstes Ziel sein.“

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