SERIE: 20 JAHRE AFGHANISTAN

Oberstabsfeldwebel Marcel Bragula über seinen Auslandseinsatz

Ortsschilder erinnern in Afghanistan an die Garnisonsstandorte in Deutschland.
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Ortsschilder erinnern in Afghanistan an die Garnisonsstandorte in Deutschland.

Wildeshausen – Am 28. Mai 2011 wurde der Feldjäger Tobias Lagenstein bei einem Selbstmordattentat in Afghanistan getötet. „Das reißt einem den Boden unter den Füßen weg“, erinnert sich Marcel Bragula an den Moment vor knapp zehn Jahren, in dem er davon erfuhr. Der Oberstabsfeldwebel ist genau wie Lagenstein gebürtiger Wildeshauser. „Wir waren gut befreundet“, sagt Bragula, der auch in Afghanistan im Einsatz war.

Allerdings ein paar Jahre später. Im März 2020 kehrte der 46-Jährige nach vier Monaten in Mazar-e-Scharif nach Wildeshausen zurück. Im Rahmen einer Serie kommen Bragula und andere Wildeshauser Soldaten mit Auslandserfahrung anlässlich des 20-jährigen Einsatzes in Afghanistan zu Wort.

Bragula ist „von der Pike auf Logistiker“, wie er über seinen militärischen Werdegang sagt, der Mitte der 1990er-Jahre begann. Zurzeit dient er beim Logistikbataillon 161 in Delmenhorst und war bis jetzt fünfmal im Ausland. Meistens auf dem Balkan und einmal in Afghanistan. Dabei kümmerte er sich um den Transport von Versorgungsgütern und war zuletzt als Kompaniefeldwebel im Einsatz. Als „Spieß“ sei es seine Aufgabe, die Kompanie mit zu führen, sagt Bragula.

Als der Wildeshauser afghanischen Boden betrat, sah er seine Aufgabe als Abenteuer und Herausforderung zugleich an. Er musste sich erst einmal orientieren. Die Wüste kannte er bis dahin nur aus Urlauben. „Das Klima, die Sicherheitslage, viele Dinge sind anders in Afghanistan.“ Zum Beispiel gebe es kaum eine Kanalisation, klingt er heute noch etwas erstaunt über die altertümlichen Zustände in dem asiatischen Land.

Aber egal, wo er im Einsatz ist, seien die Arbeitsabläufe von Logistikeinheiten meistens recht ähnlich. Und ein guter Kompaniefeldwebel sei sieben Tage in der Woche präsent. „Auch spätabends oder nachts haben Kameraden noch geklopft, wenn sie Fragen oder Probleme hatten“, erinnert sich Bragula. Gleichwohl gab es in seinen Augen nicht nur Schwierigkeiten. Er weiß die angenehmen Seiten des Auslandseinsatzes durchaus zu schätzen. „Es gibt viel weniger Bürokratie. Da kannst du richtig Spieß sein und bist nicht so stark an deinen Schreibtisch gefesselt.“ Der reine Dienst mache im Ausland sogar mehr Spaß als in der Heimat. Außerdem lobt der 46-Jährige die gute Kameradschaft, zum Beispiel beim Weihnachtsfest.

Im Einsatz: Oberstabsfeldwebel Marcel Bragula im Feldlager in Mazar-e-Scharif. Auf der Wand steht der Spruch: „Gehst du hinter mir, kann ich dich nicht führen. Gehst du vor mir, kann ich dir nicht folgen. Gehe einfach neben mir und sei mein Bruder.“ Das ist eine Abwandlung eines Zitats des französischen Intellektuellen Albert Camus.

Alle Probleme kann aber auch der beste Spieß nicht lösen. Von posttraumatischen Belastungsstörungen über repatriierte Kameraden bis hin zu einem Selbstmord habe es verschiedene Ausnahmesituationen gegeben, wobei die Bundeswehr mit einem psychosozialen Netzwerk aus Geistlichen, Ärzten und Psychologen viel für die Soldaten tue. „Aber die Basis zu Hause ist unglaublich wichtig für einen erfolgreichen Auslandseinsatz.“

Natürlich fehlten dem Wildeshauser seine Frau und die beiden Kinder sowie Freunde. Als Trainer des Fußball-Landesligisten VfL Wittekind ist er in der Kreisstadt recht bekannt. Kontakt hielt er zum Beispiel über Skype. „Ich hatte ein besseres Wlan als in manchen Orten in Deutschland“, flachst der Oberstabsfeldwebel. Allerdings sei die Privatsphäre im Lager nur sehr eingeschränkt und das über Monate. Natürlich habe es da auch mal Konflikte unter den Soldaten gegeben. „Das haben wir dann versucht, im Gespräch auszuräumen.“ Ansonsten trieb er Sport. „Körperliche Betätigung ist ein wichtiger Ausgleich.“

Allerdings bestanden ständig die üblichen Gefahren im Auslandseinsatz. „Schlangen, Unfälle, Raketenbeschuss“, fasst Bragula die Risiken im Feldlager kurz und bündig zusammen. Als Logistiker und Kompaniefeldwebel sei er aber nicht in Gefechte verwickelt gewesen, sondern die meiste Zeit im Camp gewesen und bei scharfem Alarm in einen der Schutzbunker geeilt.

Zurück in der Heimat konnte der Wildeshauser seine Familie wieder in die Arme schließen. „Ich muss meiner Frau Respekt zollen für das, was sie geleistet hat.“ Eigentlich habe sie die Hauptlast des Einsatzes getragen. „Sie war alleine mit zwei Kindern und dem Haus.“ Dementsprechend sei es auch wichtig, sich als Rückkehrer erst einmal etwas zurückzuhalten. Die Familie habe sich in seiner Abwesenheit anders organisiert, und es sei nicht gleich wieder alles wie früher. Es sind die Kleinigkeiten, über die sich Bragula nach Monaten nur in Uniform freute. „Mal wieder eine Jeans tragen oder mit den Kumpeln zwei, drei Bier in der Kneipe trinken.“ Wenn er von seinem Einsatz erzähle, erfahre er viel Respekt. „Der gilt dem Sanitäter genauso wie dem Sicherungstrupp. Jeder hat seine Aufgabe.“

Bragula ist im besten Sinne direkt und offen, hält nicht mit seiner Meinung hinterm Berg. Für ihn war es keine Frage, ob er nach Afghanistan geht. „Ich bin Berufssoldat. Das heißt, ich habe Rechte und Pflichten. Ich diskutiere da nicht rum.“ Aber der Wildeshauser sieht sich ebenfalls als Staatsbürger in Uniform. Und als solcher „kann ich mir auch eine eigene Meinung bilden“. Natürlich habe die Bundeswehr in Afghanistan etwas erreicht, findet der Oberstabsfeldwebel. „Mädchen gehen zur Schule, Frauen sitzen im Parlament, es gibt eine demokratische Verfassung.“

Doch der Soldat verschließt auch nicht die Augen vor Dingen, die seiner Meinung nach nicht so gut gelaufen sind. Seiner persönlichen Einschätzung nach existieren die genannten Fortschritte zum einen zum Teil nur auf Papier. Zum anderen gebe es mehrere Tausend tote Zivilisten, und auch die Bundeswehr habe Verluste erlitten. „Das sind 56 Familien, die betroffen sind.“ Verglichen mit dem, was nach den 1990er-Jahren auf dem Balkan aufgebaut wurde, ist für Bragula in Afghanistan noch nicht genug erreicht worden. „Nach Kroatien bin ich beispielsweise später in den Urlaub gefahren. Vor Ort sieht man, was der Einsatz gebracht hat“, berichtet der Wildeshauser, der auch mehrfach im ehemaligen Jugoslawien eingesetzt worden war. In Mali war er noch nicht. Das würde ihn noch mal reizen, sagt Bragula. Da kommt die Abenteuerlust wieder in ihm durch.

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