Staatsschutz ermittelt

Noch ein Großsteingrab bei Wildeshausen mit Runen verunstaltet

Die drei Symbole auf einem Findling der „Visbeker Braut“ befinden sich auch auf dem „Visbeker Bräutigam“.
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Die drei Symbole auf einem Findling der „Visbeker Braut“ befinden sich auch auf dem „Visbeker Bräutigam“.

Wildeshausen/Großenkneten– Nicht nur das Großsteingrab „Visbeker Braut“ in Wildeshausen, sondern auch die rund vier Kilometer entfernt liegende Anlage „Visbeker Bräutigam“ in der Gemeinde Großenkneten ist mit Runen verunstaltet worden. Die drei Symbole dort ähneln den Schriftzeichen auf zwei Findlingen der „Braut“ erheblich.

Nach unserem Bericht von Anfang Juli sind bei der Polizei zahlreiche Hinweise eingegangen, die nun ausgewertet werden, um den Tatzeitraum einzugrenzen, der irgendwann im Juni gewesen sein dürfte. „Wir haben viele Zeugenaussagen aus ganz Deutschland erhalten“, sagt eine Polizeisprecherin auf Nachfrage. Kein Wunder, beide Gräber gehören zur Straße der Megalithkultur und werden von vorbeifahrenden Touristen aufgesucht.

Polizei vermutet politischen Hintergrund

Die Beamten vermuten einen politischen Hintergrund für die Verunstaltungen. Deswegen untersucht der Staatsschutz die Taten. Runen werden auch von Neonazis verwendet. Ob es wirklich in diese Richtung geht, können die Ermittler aber noch nicht sicher sagen.

Kaum zu erkennen: Das dritte Symbol ganz rechts auf einem Findling des „Visbeker Bräutigams“.

Derweil hat unsere Zeitung an der Universität in Kiel nachgefragt. Dort gibt es ein Institut für Skandinavistik, das ein Runenprojekt betreibt. Dessen Leiterin, Dr. Christiane Zimmermann, hat sich Fotos der Inschriften angeschaut und liefert Übersetzungshypothesen.

„Sonnenrad“ aus esoterischen Kreisen?

Zuerst konzentriert sie sich auf die einzelne Rune auf dem linken Findling der „Visbeker Braut“. „Der Kreis mit dem Kreuz in der Mitte wird auch als ,Sonnenrad‘ bezeichnet und ist wohl am besten von den mittelalterlichen irischen Kreuzen bekannt. Es ist ein altes Symbol, das auch auf vielen skandinavischen Felsbildern belegt ist und mit einem ,Sonnenkult‘ in Verbindung gebracht wird, in dem auch Vorstellungen von einem ,Sonnenwagen‘ eine Rolle spielen“, teilt die Expertin mit. Da es keine Schriftquellen aus dieser Zeit gebe, seien die Ausdeutungen aber natürlich schwierig.

Das Zeichen werde heutzutage häufig in esoterischen oder auch neuheidnischen Kreisen verwendet, die Symbole aus Naturreligionen aufgreifen und neu interpretieren, so Zimmermann. Auch Heavy-Metal-Fans nutzten derartige Zeichen nicht selten. „Leider ist dieses Symbol aber wie viele andere auch in der Zeit des Nationalsozialismus aufgegriffen, in die dortige Zeichenwelt übernommen und reinterpretiert worden. Es gehört daher heute auch zum Symbolschatz der Neonazis und findet in diesen Kreisen recht häufig Anwendung.“

Übersetzung der Lautsprache

Das Gleiche gelte auch für die Runen auf dem zweiten Findling der „Visbeker Braut“, deren Formen denen beim „Bräutigam“ ähneln. „Es sind Zeichen aus dem älteren Futhark (ein Runenalphabet, Anm. d. Red.), eine f-Rune, eine o-Rune und eine u-Rune. Die Transliterationszeichen geben einen Anhaltspunkt für den Lautwert, den diese Schriftzeichen zum Ausdruck bringen sollten.“ In der Inschrift könne man daher das Wort „fou“ lesen.

Zwei Findlinge der „Visbeker Braut“ wurden verunstaltet: Hier ist ein Kreis mit einem Kreuz zu sehen.

Das heißt zwar auf Französisch „verrückt“, aber Zimmermann hält diese Deutung nicht für sehr wahrscheinlich. Möglich wäre auch, dass es sich um eine Abkürzung in der Art FOU handelt.

Neben dem „Lautwert“ sind Runenzeichen aber laut der Expertin auch mit einem „Begriffswert“ versehen, der hier ebenfalls gemeint sein könnte. „Die f-Rune steht dabei generell für ,beweglichen Besitz‘, die o-Rune für ,Grundbesitz/Erbbesitz‘ und die u-Rune für ,Ur-, Auerochse‘, eventuell auch ,(männliche) Kraft‘.“ Diese Begriffswerte seien seit dem Mittelalter in verschiedenen Handschriften bezeugt.

Das Runen-Alphabet kann theoretisch auch auf ganz individuelle Weise übersetzt und benutzt werden. „Natürlich können einzelne Gruppierungen diesen Zeichen auch weitere, eigene Bedeutungen zuschreiben. Für die vorliegenden drei Zeichen gibt es also fast so viele Deutungsmöglichkeiten, wie es mögliche Runenritzer gibt. Ein Bezug zu einer Gruppe von Neonazis, Neuheiden, Esoterikern oder auch Heavy Metal-Fans wäre durchaus möglich“, meint Zimmermann.

Spekulation: Mittsommerfeier?

„Dass die Inschriften auf zwei Findlingen eines Großsteingrabes eingearbeitet wurden und dies vor Kurzem geschah, könnte natürlich ein Anhaltspunkt dafür sein, dass im Juni zu Mittsommer dort eine Gruppierung eine ,Mittsommerfeier‘ durchgeführt und diese Zeichen dort hinterlassen hat. Dies ist aber reine Spekulation meinerseits“, so Zimmermann abschließend.

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