„Wildeshauser Schriften“

Neues Geschichtsheft über Familiengeschichte und die NS-Zeit in Wildeshausen

Das verhältnismäßig breite, helle Kramer-Haus steht an der Westerstraße 27 in Wildeshausen. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Johann Kramer errichtet und beherbergt mittlerweile eine Drogerie. Um 1900 war der gesamte Straßenabschnitt einem verheerenden Brand zum Opfer gefallen.
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Das verhältnismäßig breite, helle Kramer-Haus steht an der Westerstraße 27 in Wildeshausen. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Johann Kramer errichtet und beherbergt mittlerweile eine Drogerie. Um 1900 war der gesamte Straßenabschnitt einem verheerenden Brand zum Opfer gefallen.

Im neuen Heft der „Wildeshauser Schriften“ geht es um die Familie Kramer, einen Pastor und die Nazis, den heiligen Alexander und die Verleihung der Stadtrechte.

Wildeshausen – Pünktlich zu Weihnachten ist ein neues Heft „Recht und Stadt. Die Stadt hat Recht“ der „Wildeshauser Schriften“ über Heimat, Geschichte und Kultur in der Kreisstadt erschienen. Neben der Verleihung des Stadtrechts, der widersprüchlichen Beziehung von Pastor Töllner zum Nazi-Staat und dem heiligen Alexander geht es um ein Stück Familiengeschichte – und zwar die der Kramers, die die Stadt als alteingesessene Familie auf ihre Weise mitgeprägt hat. Außerdem warb der Vorsitzende des Bürger- und Geschichtsvereins (BGV), Karl-August Kolhoff, bei der Vorstellung des Hefts dafür, die historische Bausubstanz des Ortes zu erhalten.

Eine der geschichtlich bedeutsamen Immobilien der Stadt ist das Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete Kramer-Haus an der Westerstraße 27. Es zeichnet sich vor allem durch die die aufwendig gestaltete Fassade im ersten Stock und Dachbereich aus. Heutzutage befindet sich darin eine Drogerie-Filiale. An gleicher Stelle hatte Kaufmann Johann Kramer 1895 ein neues Geschäftshaus errichtet, dass jedoch nur fünf Jahre später – wie große Teile der Innenstadt – komplett niederbrennen sollte. Davon ließ er sich aber nicht entmutigen und baute das noch heute stehende Haus.

Geschichte der Familie Kramer

„Er war ein Tausendsassa, findiger Unternehmer und Menschenfreund. Ich hätte ihn gerne kennengelernt“, sagte Uta-Maria Kramer, die den Beitrag im Heft verfasst hat. Die geborene Albers heiratete in die Familie ein, deren Geschichte sie im ersten Lockdown unter die Lupe nahm. „Mir war so langweilig, dass ich endlich damit angefangen habe“, blickte die gelernte Journalistin zurück. Und bei der Beschäftigung mit der Familiengeschichte sei sie auf so viele spannende Aspekte gestoßen, dass sie die Inhalte einem breiteren Leserkreis zur Verfügung stellen wollte. Da Kramer jetzt bei der Tourist-Info im Rathaus tätig ist und für die Recherche mit Eva-Maria Ameskamp vom BGV zusammenarbeitete, waren die Wege kurz.

Mit dem Kramer-Haus im Hintergrund: Der Bürger- und Geschichtsverein sowie die Autoren Uta-Maria Kramer (Dritte von links) und Peter Heinken (Vierter von rechts) präsentierten das neue Heft.

Johann Kramer (1845 bis 1905) stammte nicht aus Wildeshausen. Aber er heiratete Bernhardine von Horsten (1852 bis 1936), die 15 Kinder zur Welt brachte, von denen neun das Erwachsenenalter erreichten, und die starke Frau an seiner Seite war. Die von Horstens lassen sich bis in die frühneuzeitliche Töpferzunft zurückführen, waren also schon eine alteingesessene Familie.

Kramer betrieb einige Geschäfte und erlitt manches Mal deutliche Verluste, zum Beispiel bei der Insolvenz der Wittekind-Brauerei, in die er eine Menge Geld gesteckt hatte. Uta-Maria Kramer beleuchtet auch die folgenden Generationen und geht auf die Stiftung „Lünings Erben“ ein, denn auch diese ist mit der Familiengeschichte verwoben.

Forschungslage zur Verleihung der Stadtrechte

So viel zur „Kramerologie“. Das neue Heft enthält auch zwei Vorträge, die in Texte umgearbeitet wurden. In einem fasst Professor Albrecht Eckhardt die Forschungslage zur Verleihung des Stadtrechtes im Jahr 1270 zusammen. Entsprechend ist auch der Titel der Ausgabe gewählt. Das Cover zeigt die Urkunde, in der die Schenkung des Bauplatzes für das Rathaus festgehalten ist. Eckhardt kommt zum Schluss, dass es keinen Grund gab, 750 Jahre Stadtrecht zu feiern, schließlich sei schon 1230 von Bürgern die Rede gewesen.

Eckhardts Vortrag hätte eigentlich dieses Jahr gehalten werden sollen, fiel aber der Pandemie zum Opfer. Eine Wiederholung ist fürs Frühjahr angesetzt. Anders verhält es sich mit dem Beitrag von Axel Fahl-Dreger. Der ehemalige langjährige Leiter des Zeughaus-Museums in Vechta referierte im Januar 2020 im Rathaussaal zur Bedeutung der Reliquiare des heiligen Alexanders. Der Überführung derselben aus Rom verdankt Wildeshausen seinen Aufstieg zu einem Zentrum im mittelalterlichen Oldenburger Land.

Viele Fragezeichen bei der Einstellung von Pastor Töllner zu Hitler

Peter Heinken hat sich hingegen mit der Nazi-Zeit und Pastor Heinrich Töllner (1897 bis 1949) beschäftigt. Bei der Heftvorstellung war ihm anzumerken, wie sehr er mit der Einordnung dieser Person ringt. Töllner trat sein Amt in Wildeshausen 1933 an und schloss sich der Bekennenden Kirche an, zu der zum Beispiel auch der Nazi-Gegner Dietrich Bonhoeffer gehörte. Auf der anderen Seite schreibt er 1936 in einem Brief „Adolf Hitler ist für mich die von Gott gegebene Obrigkeit“. Laut Heinken wurde der Geistliche zeitweise von der Gestapo beobachtet, was zu der Aussage geführt haben könnte. „Ich bin mir selber nicht ganz sicher. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern auch viel grau“, so Heinken.

Das Heft kostet zehn Euro und ist in einer Auflage von 750 Stück erschienen. Es ist im Rathaus und im Buchhandel erhältlich.

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