Serie „Frühgeboren“

Fünf Wochen zu früh geboren: „Die Nacht war wie ein Gummiband“

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Annette Leseurs Sohn Louis ist inzwischen knapp vier Monate alt.

Visbek/Wildeshausen – Als im Juli der Deutsche Wetterdienst den neuen Hitzerekord von 42,6 Grad Celsius verkündete, lag Annette Leseur bereits seit 14 Tagen im Krankenhaus. Sie hatte in der 32. Schwangerschaftswoche Blutungen bekommen, ein Hämatom an der Plazenta. Ihr Arzt hatte sie vorgewarnt, dass das passieren würde. Leseur wusste, dass sie in diesem Fall nichts mehr machen durfte und direkt ins Krankenhaus fahren sollte. „Wir sind eigentlich froh, dass ich bis zur 32. Woche gekommen bin“, erzählt die 36-Jährige rückblickend.

Die Blutungen kamen in der Nacht vom 6. auf den 7. Juli, ihrem ersten Hochzeitstag. Leseur rief ihre Familie an und organisierte eine Betreuung für ihren anderthalbjährigen Sohn Marlon. Ihr Mann war dienstlich unterwegs. Mit dem Krankenwagen ging es in die Klinik nach Vechta. Dort machten die Ärzte ein CTG, um zu sehen, wie es dem Ungeborenen geht. „Ich war mir erst einmal egal“, sagt Leseur. Zum Glück gab es keine Komplikationen – aber nach Hause durfte sie nicht mehr.

In der Klinik verbrachte die gebürtige Wildeshauserin, die inzwischen in Visbek lebt, fast vier Wochen. Mit Ventilator und Wehenhemmer musste sie bis zur 35. Schwangerschaftswoche ruhen - normalerweise dauert eine Schwangerschaft rund 40 Wochen. Während dieser Zeit nahm ihr Mann frei, um Marlon zu betreuen. Jeden Tag kam er mit dem Sohn zu Besuch: „Der hat gar nicht verstanden, warum Mama nicht da ist“, erzählt Leseur.

Dann entschied die Ärztin: ,So, jetzt nehmen wir den Wehenhemmer ab, wir halten nichts mehr auf’. Die Geburtsschmerzen kamen schnell: Bis morgens um 5 Uhr am 30. Juli hielt die 36-Jährige aus, dann gab sie Bescheid. Dass es ein Kaiserschnitt werden würde, wusste sie bereits seit der 16. Schwangerschaftswoche: Damals kam heraus, dass die tiefliegende Plazenta den Geburtskanal für ihr Kind versperrte. 

Das Neugeborene kam sofort auf die Intensivstation

Auf dem OP-Tisch bekam Leseur vom Kaiserschnitt kaum etwas mit – und Louis, ihr neugeborener Sohn, wurde sofort auf die Frühchen-Intensivstation gebracht. „Ich musste eine ganze Nacht lang warten, um ihn zu sehen“, sagt die 36-Jährige. „Diese Nacht war wie ein Gummiband.“

Wegen der Operationswunde durfte Leseur zunächst nicht aufstehen. Ihr Mann machte sich also alleine auf den Weg – und brachte ihr ein Foto von dem Kleinen mit. „Das war das Schlimmste für mich überhaupt: Dass ich mein Kind noch nicht gesehen hatte. Ich wusste nicht, wie er aussieht, wie es ihm geht, was mit ihm gemacht wird.“ Immerhin wusste sie: Er ist groß – 46 Zentimeter – und mit einem Geburtsgewicht von 2740 Gramm weit von den Extrem-Frühgeborenen mit weniger als 1500 Gramm entfernt.

Louis verbrachte seine erste Nacht in einem Wärmebettchen auf der Frühchen-Intensivstation. „Er hat direkt nach der Entbindung Sauerstoff bekommen, aber nur für zwei Stunden“, erzählt die 36-Jährige. Herzfrequenzstolperer und Sauerstoffsättigungsabfall machten dem Neugeborenen noch einige Zeit zu schaffen. Drei Tage lang blieb der kleine Louis auf der Spezialstation, dann durfte er umziehen.

Direkt nach der Geburt musste Louis noch einige Tage medizinisch betreut werden.

Nach vier Tagen entschied Leseur, das Krankenhaus zu verlassen. Denn mit Marlon, dem Anderthalbjährigen, war es in ihrer Abwesenheit immer schwieriger geworden. Er aß und schlief kaum noch. „Dann war ich im Zwiespalt – beim Kleinen bleiben oder zum Großen nach Hause.“ 

Die 36-Jährige pendelte in der kommenden Zeit zwischen ihrem Haus in Visbek und der Klinik in Vechta hin und her, dreimal am Tag, um sich um Louis zu kümmern. Er hatte Startschwierigkeiten und eine Trinkschwäche. „Da hat das Flaschegeben auch mal locker eine bis zwei Stunden gebraucht. Da hat man gemerkt, dass er noch nicht weit genug ist“, sagt Leseur. Immer wieder sei ihr Kind beim Trinken eingeschlafen.

Vier Tage lang blieb Louis noch im Krankenhaus. „Dann kam der Anruf, ich dürfte den Maxicosi mitbringen und ihn mitnehmen.“ Am 8. August, gut einen Monat nachdem die 36-Jährige mit Blutungen in die Vechtaer Klinik eingeliefert worden war, verließ sie das Haus mit ihren beiden Kindern.

Die Brüder hatten sich bisher nur anschauen dürfen

Marlon lernte seinen Bruder nun auch erst richtig kennen – denn Kinder dürfen nicht auf die Frühchenstation, erzählt Leseur. Nur durch eine Glasabtrennung hatte der Anderthalbjährige das Neugeborene bisher anschauen können. „Er stand an der Scheibe und hat gewunken: Baby!“, erinnert sich die 36-Jährige.

Schon kurz nach seiner Ankunft erwischte Louis eine Erkältung. Alle zwei Tage mussten Leseurs mit ihrem Jüngsten zum Arzt, anderthalb Wochen lang, bis er kaum noch etwas zu sich nahm, nur 100 Milliliter Flüssigkeit am Tag. „Dann hat die Ärztin gesagt: Wenn das morgen nicht besser ist, geht’s ins Krankenhaus.“ Doch dank Inhalieren und viel frischer Luft blieb Louis und seinen Eltern ein erneuter Klinikaufenthalt erspart. „Ich bin froh, dass wir zwei gesunde Kinder haben. Diese erste Zeit war kein Zuckerschlecken“, sagt Leseur.

Serie Frühgeborene

Rund um den Weltfrühgeborenentag am 17. November zeigen wir verschiedene Perspektiven auf das Thema Frühgeburt auf. Im ersten Teil ging es um die Elternbetreuung im Ronald-McDonald-Haus. Im dritten Teil erzählt eine Mutter von der Geburt ihrer Zwillinge in der 28. Schwangerschaftswoche. Im vierten Teil berichtet eine Kinderkrankenschwester, wie Eltern mit dem Schock der Frühgeburt umgehen und wie eine Klinik helfen kann.

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