Christina Sobkowiak brachte 2006 Zwillinge zur Welt

Serie Frühgeborene: Mutter nach 28 Wochen

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Christina Sobkowiak

Wildeshausen – Kontakt zu ihrer ehemaligen Frühchenschwester hat Christina Sobkowiak noch heute. Ihre Zwillingssöhne kamen im Juli 2006 zur Welt – zu diesem Zeitpunkt war die damals 31-Jährige erst in der 28. Schwangerschaftswoche. Maurice und Nevio waren sogenannte Extremfrühchen: Sie wogen bei der Geburt weniger als 1 500 Gramm. Knapp sechs Monate lang mussten die beiden Neugeborenen in der Klinik bleiben – für Sobkowiak eine Zeit, in der das Gespräch mit der professionellen Pflegerin für sie eine entscheidende Unterstützung war.

Auf einem Foto aus dem Sommer 2006 zeigt der dicke Bauch der heute 44-Jährigen unmissverständlich: ,Juhu, wir werden Eltern!’ In der Sonne, strahlend, und mit Fußball-Fanutensilien posiert die Schwangere – damals spielte Deutschland bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land ganz vorne mit. 

Für Sobkowiak war Aufregung allerdings ärztlich verboten. Nicht mal im Garten mit ihrer Familie durfte sie mitfiebern. Denn bereits in der 18. Schwangerschaftswoche hatte die Wildeshauserin zum ersten Mal Wehen bekommen. „Es war von Anfang an schwierig“, erzählt sie rückblickend, „aber dass die Kinder so schnell kamen, war überraschend.“

Zwei Tage nachdem Deutschland gegen Italien verloren und damit den Einzug ins WM-Finale verpasst hatte, schickte ihr Frauenarzt Sobkowiak ins Krankenhaus nach Vechta. „An dem Tag hatte ich morgens schon Wehen, aber die hatte ich in dieser Woche jeden Tag“, erinnert sie sich. Ihr Mann kam von der Arbeit in die Klinik. „Das wird heute nichts mehr“, hieß es zunächst. Doch als er gerade zu Hause ankam, rief das Krankenhauspersonal noch einmal an: Es gehe wohl doch los.

Die Zwillinge wogen keine 1 500 Gramm

Am 6. Juli, abends gegen 19.30 Uhr, wurden die Zwillinge Maurice und Nevio geboren – per Kaiserschnitt und zwölf Wochen zu früh. Auf die Waage brachten die beiden 38 Zentimeter langen Säuglinge lediglich 1 270 und 1 340 Gramm. Ihre Kinder bekam Sobkowiak direkt nach der Geburt nicht zu Gesicht. „Ich habe einmal einen Schrei gehört und dann waren sie auch schon weg.“

Die beiden Jungen waren sofort auf die Intensivstation verlegt und an eine Lungenmaschine angeschlossen worden. Sobkowiak blieb nichts anderes übrig, als regelmäßig bei den Schwestern anzurufen und zu fragen, wie es den Zwillingen geht. Erst am nächsten Vormittag durfte sie, wegen der Operation noch im Rollstuhl sitzend, zusammen mit ihrem Mann Maurice und Nevio zum ersten Mal besuchen.

In einer Hängematte liegend sollen die Säuglinge Maurice und Nevio lernen, ihre Glieder nicht zu überstrecken – ein typisches Frühchenproblem. 

Weitere zwei Tage dauerte es, bis den Eltern erlaubt wurde, die Säuglinge zumindest für kurze Zeit aus dem Inkubator zu nehmen und sich auf die Brust zu legen. „Känguruhen“ ist der Fachausdruck für diese besondere Form von engem Körperkontakt, der Wärme und Bindungsnähe erzeugen soll. Von unten wärmt der Körper von Mutter oder Vater die Säuglinge, von oben eine Decke. Alle Frühgeborenen unter 1 500 Gramm erhielten in der Klinik eine Patchworkdecke als Geschenk, erinnert sich Sobkowiak. Ältere Frauen hätten sie genäht und für diesen Zweck gespendet.

Bis zum September, zweieinhalb Monate lang, wurden die Söhne der Wildeshauserin auf der Intensivstation betreut. Gleich zu Beginn wurden die beiden krank und brauchten zudem lange, bis sie das richtige Gewicht erreichten. Diese Zeit verbrachte die 44-Jährige im Vechtaer Ronald-McDonald-Haus, das Müttern und Vätern von kranken Kindern eine Unterkunft direkt neben der Klinik anbietet. „Ich fand es ganz gut, dass dort andere Eltern waren“, erinnert sich Sobkowiak. 

Anstrengend sei es aber auch gewesen: Nachts sei sie aufgestanden, um Milch für die Zwillinge abzupumpen. Denn die Kinder waren noch zu schwach, um gestillt zu werden. „Sie haben so wenig gewogen, dass man sie vor dem Essen wiegen musste, und wenn sie ein Bäuerchen gemacht hatten, noch einmal.“ Sieben Wochen nach der Geburt durften Sobkowiaks mit ihren Söhnen zum ersten Mal nach draußen – mit dem Herzmonitor im Kinderwagen.

Sobkowiak pendelt jeden Tag nach Vechta

Im September konnten die Eltern Maurice und Nevio endlich mit nach Hause nehmen. Doch nach fünf Tagen ging es für die Zwillinge erneut in die Klinik: Das Noro-Virus hatte sie erwischt. Dieses Mal pendelte die damals 31-Jährige nach Vechta. Morgens um sechs nahm sie den Zug und blieb bis abends. „Ich habe mich meinen Kindern so auch näher gefühlt, von daher war ich möglichst immer da“, sagt Sobkowiak. 

Das Krankenhaus wurde für sie ein zweites Zuhause: Sie hatte eine Chipkarte für die Cafeteria, lernte andere Eltern kennen und führte viele Gespräche mit Schwestern und Hebammen. „Wir hatten ganz tolle Hilfe dort. Aber zwischendurch war es eine schwere Zeit. Da ist man schon verzweifelt.“ Insgesamt verbrachten die Zwillinge ihr erstes halbes Lebensjahr in enger medizinischer Betreuung.

Eigentlich habe sie gar nicht so lange zu Hause bleiben wollen, erzählt Sobkowiak. Doch am Ende des ersten Jahres sei gerade das Schlimmste überstanden gewesen. Diese Monate haben sie und ihr Mann in einem Fotobuch festgehalten, um die Bilder vor dem Vergilben und die Erinnerung vor dem Verblassen zu bewahren. „Auch, um damit abzuschließen“, sagt die 44-Jährige.

Krankengymnastik, Frühförderung, Reittherapie – in den kommenden Jahren nutzten Sobkowiaks zahlreiche Angebote speziell für Frühgeborene. „Sie waren sehr lange sehr klein“, erzählt die Wildeshauserin von der Entwicklung ihrer Kinder, „und die ersten paar Jahre waren sie viel krank.“ Inzwischen sind Maurice und Nevio 13 Jahre alt. Dass sie viel zu früh auf die Welt gekommen sind, wissen die beiden, aber es spielt für sie keine große Rolle, sagt Sobkowiak. Zum Glück.

Serie Frühgeborene

Rund um den Weltfrühgeborenentag am 17. November zeigen wir verschiedene Perspektiven auf das Thema Frühgeburt auf. Im ersten Teil der Serie ging es um die Elternbetreuung im Ronald-McDonald-Haus. Im zweiten Teil geht es um einen Jungen, der in der 35. Schwangerschaftswoche zur Welt kam. Im vierten Teil berichtet eine Kinderkrankenschwester, wie Eltern mit dem Schock der Frühgeburt umgehen und wie eine Klinik helfen kann.

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