Muslimische Familie Rahim feiert Silvester nach deutscher Tradition

„Wir sind schließlich ein Teil dieser Gesellschaft“

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Jamila und Mohammed Rahim fühlen sich wohl in Aschenstedt, haben sich voll und ganz integriert.

Wildeshausen/Aschenstedt - Von Joachim Decker. Die Berliner stehen traditionell bereit, Feuerwerk ist gekauft, also kann der Jahreswechsel kommen. So sieht es in den meisten deutschen Familien aus. Hier aber ist die Rede von der Familie Rahim aus Aschenstedt. Auch wenn sie aus einem fremden Land ist, so ist es für sie selbstverständlich, nach deutschem Brauch Silvester zu feiern.

„Wir sind zwar muslimisch und stammen aus Afghanistan, aber wir leben schließlich in Deutschland und sind Teil dieser Gesellschaft. Da ist es klar, dass wir uns diesen Bräuchen anpassen“, erzählt Familienoberhaupt Mohammed Rahim (65), der schon seit 1972 in Deutschland lebt. Dabei zeigt er auf den Tannenbaum im Wohnzimmer: „Auch Weihnachten feiern wir so, wie es hier üblich ist.“

Ehefrau Jamila (55) hat er 1996 in Pakistan kennengelernt und mit nach Deutschland genommen. Mit traurigem Blick teilt er mit, dass er leider schwer erkrankt sei: „Aber ich kämpfe, um wieder gesund zu werden. Und heute werden wir richtig schön Silvester feiern.“

Rahim macht keinen Hehl daraus, dass er zwar Moslem sei, aber diesen Glauben nicht mit aller Konsequenz lebt: „Ich stelle es auch unseren Kindern frei, welchen Glauben sie haben. Anders geht es nicht.“ Es sei nicht zu verstehen, dass aus dem Glauben heraus Menschen getötet und Kriege angezettelt werden.

Während ein Sohn und zwei Töchter noch im Elternhaus leben, studieren drei weitere Töchter in Oldenburg und an der Jade-Hochschule Betriebswirtschaftslehre. Tochter Hafisa studiert in Vechta Gerontologie und arbeitet zudem im Altenzentrum Alexanderstift.

Zurückblickend erzählt Rahim, wie in Afghanistan Silvester gefeiert wird: „Nach diesem Kalender beginnt das neue Jahr am 21. März, am Frühlingsanfang. Damals wurden in den Bergen von den Bauern große Feste veranstaltet – mit Kinder-Theater und landwirtschaftlichen Vorführungen.“ Zudem sei die Tulpenblüte auf riesigen Flächen zu bewundern gewesen.

„Heute sieht es leider anders aus, diese Feste sind nicht mehr möglich. Die Menschen haben Angst, die gesamten Gebiete sind vermint.“ In Angst lebten auch die Verwandten in Kabul. „Ich habe mit ihnen regelmäßig Kontakt über Skype oder Telefon“, erzählt Jamila Rahim. Die gelernte Näherin gibt seit fünf Jahren Nähkurse im Mehrgenerationenhaus in der Kreisstadt: „Ich hoffe, dass ich bald eine andere Arbeitsstelle finde.“

Arbeiten stand für den 65-Jährigen stets im Mittelpunkt: „Wenn ich ein schönes Leben führen will, dann gehört die Arbeit dazu.“ Er sei 1972 eigentlich nur nach Deutschland gekommen, um Chemie zu studieren: „Ich wollte wieder zurück nach Afghanistan. Als aber 1979 die Russen einmarschiert sind, habe ich mich entschieden, hier zu bleiben.“ Lebte er zunächst in Hannover, Braunschweig und Oldenburg, so hat sich das Ehepaar 1997 das Haus in Aschenstedt gebaut. „Zu Beginn war es für mich sehr wichtig, zunächst die deutsche Sprache zu lernen“, betont Rahim.

Auf den Jahreswechsel freut sich die ganze Familie immer wieder. „Natürlich gehen wir um Mitternacht auch nach draußen, um etwas Feuerwerk abzubrennen und den Nachbarn ein frohes neues Jahr zu wünschen“, sagt das Ehepaar. Die Nachbarschaft sei ohnehin ein sehr positives Kapitel: „Die Menschen hier sind wirklich toll. Es gibt auch in jedem Jahr gemeinsame Feiern.“ Als die Nachbarn von seiner Krankheit erfahren hätten, seien sie alle zu ihm gekommen.

„Uns war es sehr wichtig, dass wir uns integrieren. Und das ist bestens gelungen. Das klappt aber nur, wenn man sich öffnet und auf die Leute zugeht“, meint Rahim.

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