Hätte Ausbruch verhindert werden können?

Corona bei Geestland: Mittelständler fordern Aufklärung

Ein Foto aus vergangenen Tagen: Bei Geestland steht die Produktion still. Die Mittelstandsvereinigung will aus dem Corona-Ausbruch lernen.
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Ein Foto aus vergangenen Tagen: Bei Geestland steht die Produktion still. Die Mittelstandsvereinigung will aus dem Corona-Ausbruch lernen.
  • Ove Bornholt
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Wildeshausen – Gerade witterten die Mittelständler in Wildeshausen Morgenluft nach der Aufhebung vieler Corona-Einschränkungen, dann verhagelten die Infektionsfälle in der Putenschlachterei Geestland die Stimmung. Im Gespräch mit unserer Zeitung fordert der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung (MIT), Ingo Hermes, jetzt eine schnelle und allumfassende Aufklärung.

„Ich halte es nur für fair, wenn alle Fakten dazu auf den Tisch kommen, wie es zu den Infektionen gekommen ist“, sagt Hermes. Die betroffene Firma, die selbst Mitglied der MIT ist, müsse sich dabei auch die Frage gefallen lassen, ob eine vorsorgliche Halbierung der Produktion die Coronafälle hätte verhindern können. Im gleichen Atemzug betont der Vorsitzende aber auch: „Wenn es eine Art höhere Gewalt war, ist Geestland öffentlich zu rehabilitieren.“ Denkbar sei in seinen Augen zum Beispiel, dass es einige Mitarbeiter privat nicht so genau mit den Hygienevorgaben gehalten haben könnten. Rund 1 100 Angestellte sind auf dem Geestland-Gelände beschäftigt. Inklusive der Arbeiter mit Werkverträgen ist der Betrieb der größte Arbeitgeber in der Stadt Wildeshausen.

Von der schonungslosen Aufklärung verspricht sich Hermes auch, möglicherweise die Prävention in anderen Firmen zu verbessern. „Viele Unternehmen haben in dieser Hinsicht unheimlich viel geleistet und zum Beispiel Abstandsregeln ganz gut in ihre Arbeit integriert.“ Die deutschlandweit aufgekommene Diskussion über Werkverträge sei in diesem Zusammenhang aber müßig. „Ein Festangestellter hätte sich doch genauso infiziert.“ Der einzige Unterschied sei, dass es bei Werkvertragsarbeitern aus Bulgarien öfter Neuankömmlinge aus der Heimat gebe. In diesem Fall müsse wirksam getestet werden.

Vorstand der MIT nach positiven Corona-Tests in Krisensitzung

Der Vorstand der MIT hatte sich nach Bekanntwerden der positiven Corona-Tests in der Geestland-Belegschaft zu einer Krisensitzung getroffen. „Einige Unternehmen haben bis zu 90 Prozent Umsatzeinbußen“, sagt Hermes. Besonders betroffen seien zum Beispiel Gastronomen und Hotels, aber auch ein Getränkegroßhändler wie Nordmann leide sehr. Die Branchen erholten sich langsam, auch wenn sie noch längst nicht wieder in der Spur seien. „Und dieser Fall killt jetzt die letzte Hoffnung, dass dieses Jahr noch größere Feiern zustande kommen könnten“, ärgert sich der MIT-Vertreter.

Hermes befürchtet zudem, dass Einzelhändler bei einem weitere Shutdown im Landkreis Oldenburg Insolvenz anmelden müssten. „Viele würden das nicht überstehen.“ Allerdings würde die Wiedereinführung weitreichender Beschränkungen auch den anderen Unternehmen schwer zu schaffen machen. „Das verträgt die Wirtschaft in Deutschland generell nicht noch einmal“, sagt der Wildeshauser.

„Geestland-Schließung absolut gerechtfertigt“

Die Entscheidung des Landkreises, den Schlachtbetrieb bei Geestland für zwei Wochen zu schließen und die Mitarbeiter unter Quarantäne zu stellen, begrüßt Hermes. „Das ist absolut gerechtfertigt gewesen und auch nicht zu spät erfolgt.“ Es sei ja schon ein sensibles Thema, den einzigen Puten-Schlachthof der Wiesenhof-Kette vorübergehend stillzulegen. „Aber die harten Fakten lagen ja auf dem Tisch. Und die Maßnahme ist verständlich, um den Rest zu schützen.“ Sollte sich das Virus weiter in der Region verbreiten, „hätten wir ganz andere Sorgen als Zwangsurlaub im Garten oder das ausgefallene Gildefest“.

Mit der ab Mittwoch greifenden Senkung der Mehrwertsteuer auf 16 Prozent hofft Hermes, dass ein Impuls ausgeht. „Das ist ein psychologisches Mittel, damit die Leute ein bisschen mehr konsumieren.“ Für Handwerksbetriebe wie Hermes Systeme stelle die vorübergehende Regelung die Buchhaltung allerdings vor eine große Herausforderung, weil viele Rechnungen verändert werden müssten. Und: „Der Zeitpunkt der Abnahme entscheidet über den Mehrwertsteuersatz für das ganze Projekt.“ Er habe schon davon gehört, dass eigentlich für Juni fällige Abnahmen auf Anfang Juli verschoben worden seien. Hermes selbst arbeitet schon seit ein paar Jahren an einem größeren Projekt in Bremen. Es sei generell zu erwarten, dass viele Auftraggeber darauf drängen, die Abnahme noch 2020 durchzuführen.

Was die Wirtschaftshilfen für Unternehmen in Corona-Zeiten angeht, ist der MIT-Vorsitzende realistisch: „Die Mittel hätten etwas reibungsärmer bewilligt werden können, aber die Verteilung ist eben mit bürokratischem Aufwand und einer gerechtfertigten Kontrolle verbunden. Es sollen ja auch notleidende Betriebe und keine Betrüger profitieren.“

Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes stand, Geestland sei der größte Arbeitgeber der Stadt Wildeshausen. Klargestellt wurde nun, dass die Zahl von rund 1100 Angestellten auch die auf dem Gelände tätigen Werksarbeiter umfasst.

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