Alfred Panschar stöbert im WZ-Archiv 

Vor 50 Jahren: „Meiden sie das zermürbende Gildefest“

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Zum letzten Mal steht Heinrich Boning (rechts) in diesem Jahr auf der Bühne des Hohen Gildegerichts.

Wildeshausen - Das Wildeshauser Gildefest steht praktisch schon vor der Tür. Im Zusammenhang damit ist Alfred Panschar vom Bürger- und Geschichtsverein beim Stöbern im WZ-Archiv auf einen Artikel gestoßen, den Heinrich Boning vor exakt 50 Jahren geschrieben hat.

Ob er seinerzeit allerdings ernst genommen werden sollte, konnte bis heute nicht gänzlich geklärt werden. „Lassen Sie sich durch die ansteckende Betriebsamkeit ihrer Mitbürger bei den fieberhaften Vorbereitungen zum Schützenfest der Wildeshauser Gilde nicht beirren. 

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten das Pfingstfest einfallsreicher, angenehmer und erholsamer zu gestalten als in der kleinbürgerlichen, biederen, anspruchslosen- und niveaulosen Form, die nun schon seit Jahrhunderten in Wildeshausen Tradition ist.

Dieses Fest überstehen nur kanadische Holzfäller, russische Kolchosenarbeiter oder deutsche Spirituosenhersteller

Überhaupt, was heißt Tradition? In einer Zeit der Interkontinentalraketen, der Computer und der Elektronengehirne, in der die Menschheit sich anschickt, den Weltraum zu erobern, ist es lächerlich, mit infantiler Anhänglichkeit an überholten Formen des Gemeinschaftslebens festzuhalten.

Nehmen Sie Rücksicht auf ihre Gesundheit. Sind ihnen neurovegetative Störungen, Magenbeschwerden, Blutdruckschwierigkeiten oder gar Herzattacken angenehme Begleiterscheinungen des Alltags? Nein? Dann meiden sie dieses zermürbend-anstrengende Gildefest. Nicht umsonst wird von namhaften Vertretern der deutschen Ärzteschaft immer wieder auf den gesundheitsschädigen Alkoholmissbrauch hingewiesen. 

Nicht umsonst ist in der medizinischen Literatur regelmäßig von der Notwendigkeit einer ausreichenden Nachtruhe die Rede. Nur kanadische Holzfäller, russische Kolchosenarbeiter oder deutsche Spirituosenhersteller könnten diese mörderischen Tage unbeschadet überstehen.

Die Frage nach dem richtigen Zeltnachbarn

Sie versuchen durch Sparsamkeit und Fleiß ihren bescheidenen Wohlstand zu mehren? Soll der Schweiß ungezählter Arbeits-, Schwarzarbeits- und Überstunden für Bier und Schnaps geflossen sein? Sollen ihre Lieben daheim wochenlang bei Brot und Wasser ein jammervolles Dasein fristen? 

Bedenken sie doch: Banken und Sparkassen versichern mehr oder weniger glaubhaft, dass bei richtiger Ausnutzung der Mittel und Möglichkeiten selbst bescheidenen Beiträgen ein Vermögen zu machen ist. Und der fällige Wechsel für das neue Auto, die nächste Rate für den Fernseher, die Aussteuer der Tochter, die Urlaubsreise – das alles wollen sie aufs Spiel setzen?

Oder sind sie etwa vermögend? Nennen sie etwa ein ansehnliches Bankkonto ihr Eigen? Verdächtigt man sie gar des Reichtums? Und dann wollen sie zusammen mit Leuten, die lediglich durch ehrbare Arbeit ihr Brot verdienen, in einem Zelt an einem Tisch sitzen?

Swimmingpool? Dötlinger Dorfteich!

Wie viel Unangenehmes steht ihnen bevor? Im Nu ist eine erstaunliche Zahl guter Freunde um sie versammelt, die mit ausgeprägtem Sinn für gute zwischenmenschliche Beziehungen ihr kerngesundes Aussehen, den betont modischen Schnitt ihres Anzugs, die hervorragenden Charaktereigenschaften ihres Sohnes oder das geschmackvolle Design ihrer Krawatte bewundern. 

Wehe, sie honorieren diese wohlgemeinten Bemerkungen nicht! Sollten sie den herausfordernden Hochmut besitzen, Sekt statt Bier zu trinken, ist man sich um sie herum augenblicklich darüber einig, dass dem Finanzamt bei geschickter Argumentation eines noch geschickteren Steuerberaters manches klare Geschäft unklar bleibt. Vorsicht, sie werden sich verschlucken. Schildern sie die Vorzüge ihres Swimmingpools, weiß ihr Gesprächspartner von den einzigartigen Naturschönheiten des Dötlinger Dorfteiches zu berichten.

Sie bemühen sich um Zucht und Ordnung, Sitte und Anstand? Sie erheben überall dort ihre Stimme und den Zeigefinger, wo die großen sittlichen und moralischen Werte unserer Nation in Gefahr sind? Setzen sie ihre Bemühungen fort! Sie wissen es doch selbst: Auch unter dem Deckmantel eines harmlosen Volksfestes verbergen sich die Feinde unserer Kultur. Trunkenheit, Hemmungslosigkeit, Ausschweifung, Zügellosigkeit und noch ganz andere hässliche Dinge. Nehmen sie nicht an dem verderblichen Treiben teil.

Ausdauer und Lautstärke

Man hält sie für gebildet? Sie können sich über die Externsteine, über die Evolutionstheorie des umstrittenen Darwin unterhalten? Sie haben Günter Grass gelesen? Dieses Fest ist nichts für sie. Wo ist dort Platz für ein geistreiches Gespräch, für mitreißende Wortkaskaden, für scharfzüngige Bonmots? Um sie herum Spießer, Proleten, Banausen, nichtssagende Gesichter, schläfrige Temperamente, einfallslose Schwätzer, die fehlende Originalität durch Ausdauer und Lautstärke ersetzen. Halten sie ihr Niveau, halten sie sich abseits oder bleiben sie zu Hause.

Sie waren Soldat? Selbst wenn sie nur stellvertretender Bibliotheksunteroffizier auf einem Scheinflughafen waren, wird sie dieses pseudomilitärische Getue doch abstoßen. Wollen sie Befehle entgegen nehmen die zwar humorvoll gedacht aber doch tierisch ernst gemeint sind? Wollen sie ,Die Augen links‘ werfen, wenn es rechts gerade etwas Aufregendes zu sehen gibt? Wollen sie stillgestanden verharren, wenn sie ohnehin nur schwach auf den Beinen stehen können? Es ist einfach lächerlich. Bleiben sie doch zu Hause.

Der Verfasser dieses Beitrages muss übrigens das häusliche Steckenpferd reiten, die Fahrt ins Grüne und das Wandern durch die Umgebung auf einen späteren Termin verschieben. Er ist wie die weitaus überwiegende Mehrzahl seiner Landsleute, durch Heimatverbundenheit und Gildeeid verpflichtet und bereit, die Tradition zu wahren und die wunderbaren Stunden des Gildefestes im Kreise seiner Freunde bis zur Neige auszukosten. Er wird sich durch sein eigenes Geschreibe in keiner Weise beeindrucken lassen. Trotz allem und gerade deshalb. Und sie? Na also, dann Prost!“

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